Intendant Enrico Lübbe im Interview

"Man fängt immer wieder bei null an!"

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In der Champions League: Der inszenierende Intendant Enrico Lübbe hat das Schauspiel ­Leipzig erstklassig gemacht. Begegnung mit einem ­glücklichen Theatermann

Herr Lübbe, im Juni 2016 hat die Stadt Leipzig Ihren 2013 abgeschlossenen Intendantenvertrag vorfristig verlängert – gerade läuft alles ziemlich gut, oder?
Enrico Lübbe: Man kann ja nichts anderes als seine Arbeit machen und hoffen, dass sie sich dem Publikum und der Stadt überzeugend vermittelt. Das ist, um Marivaux zu zitieren, immer auch ein "Spiel von Liebe und Zufall". Die letzte Saison ist besonders glücklich verlaufen, mit "Kruso" in der Regie von Armin Petras und "89/90", inszeniert von Claudia Bauer und eingeladen zum Berliner Theatertreffen. Selbst ein Familienstück wie "Der schlaue Urfin und seine Holzsoldaten" wurde in der Regie von Stephan Beer eine Punktlandung, weil man da durchaus Parallelen zum jetzigen US-amerikanischen Präsidenten und zum Thema Populismus erkennen konnte. Die Premiere und der überraschende US-Wahlausgang fielen fast zusammen. So etwas lässt sich natürlich nicht planen! Mal sehen, wie es weitergeht. Denn bei jedem Probenbeginn fangen ja alle wieder bei null an.

Welche Eigenschaft ist für den Beruf eines Intendanten besonders wichtig?
Meines Erachtens ist es die größte Herausforderung, viele Dinge in diesem Beruf einfach aushalten zu können – und dabei nicht abzustumpfen oder eine Wagenburg-Mentalität zu entwickeln. Es scheint mir ganz wichtig zu sein, auch bei Gegenwind seitens des Publikums, der Medien oder der Politik immer die Ruhe zu bewahren, alle Schäfchen im Haus bei Laune zu halten, für vernünftige Arbeitsbedingungen zu sorgen und weiterzumachen. An das zu glauben, was man zusammen mit allen anderen tut, das ist für mich eine entscheidende Tugend.

Hat es Ihnen in Ihrer jetzigen Chef­position geholfen, dass Sie zwei Jahre Assistent beim Leipziger Intendanten Wolfgang Engel waren und von 2000 bis 2004 sein Hausregisseur?
Das spielte, als ich zehn Jahre später sein Nachfolger wurde, keine Rolle mehr. Von 2008 bis 2013 war ich ja Schauspieldirektor in Chemnitz, zuvor Gastregisseur in Stuttgart, München, Wien und Berlin. Letztlich ist es der Erfolg in künstlerischer wie in wirtschaftlicher Hinsicht, der ein Haus zusammenschweißt und trägt.

Wenn Sie mit Ihren Mitarbeitern den neuen Spielplan für eine Saison erarbeiten, wie verteilen sich da die Überlegungen hinsichtlich der künstlerischen und der ökonomischen Aspekte?
In Leipzig sind entsprechende Abwägungen weder in die eine noch in die andere Richtung wirklich möglich. Denn das Publikum in dieser Stadt ist vielfältig und lässt sich nicht ausrechnen! Es gibt uns mit seiner Offenheit und Neugier die Möglichkeit, einen Spielplan aufzustellen, der weit über die üblichen Stadttheaterprogramme hinausgeht.

Das kulturelle Angebot in Leipzig ist groß. Wie holen Sie das Publikum in Ihr Haus?
In der Fläche ist die Stadt kulturell sehr breit aufgestellt – mit dem Ge-wandhaus, der Oper, dem Theater der jungen Welt, einem ganz tollen Zoo, zahlreichen Museen, gefühlt jeden Monat einem Festival wie der euro-scene, dem Dokfilm-Festival oder dem Bach-Fest. Außerdem gibt es mittlerweile einen Fußballclub auf Champions-League-Niveau. Ich gehe auch gern mal zu einem Spiel von RB Leipzig, und da sitzen dann bis zu 50 000 Leute, obwohl die Karten nicht billig sind. Was kann sich ein durchschnittlicher Haushalt an Freizeitausgaben sonst noch leisten? Auf all das muss man reagieren, damit das Schauspiel in der öffentlichen Wahrnehmung präsent bleibt. 2016 haben wir eine Besucherumfrage gemacht. Dabei kam heraus, dass unser Publikum sehr jung ist, und zwar im Durchschnitt 38,5 Jahre. Und dass es von uns Dinge erwartet, die es nirgendwo sonst – weder im Internet noch im Kino oder bei Konzerten – findet; also nicht all­tägliche Stoffe, besondere Zugriffe und spezielle Ästhetiken.

Von Heiner Müller gibt es den bösen Satz: "Theater ist ja für die meisten Zuschauer eine Unterbrechung des Fernsehprogramms."
Es gibt hier eine große Studentenszene, und die Generation, die zu uns kommt, verfolgt Fernsehen höchstens noch im Internet; die hat ein ganz anderes Freizeitverhalten. Diese Menschen wissen ganz genau, was sie sich angucken wollen. Sie verlangen ästhetisch besondere Angebote, über die sie nachdenken können und müssen, und sie möchten sich von dem beeindrucken lassen, was live alles möglich ist. Wenn das Theater wirklich herausragende Erlebnisse auf Basis seiner ureigenen Kunst bieten kann, saugt es die Zuschauer an. Letztlich geht es um Emotionen und darum, das Publikum zu berühren – in welcher Form auch immer. Beim Fernsehen schalte ich weg, wenn mich etwas überfordert
oder ärgert, im Theater setze ich mich aus. Das ist unsere große Chance.

Wie machen Sie Ihr Publikum, das vielleicht eine Laufkundschaft ist, zu Stammgästen?
Das gelingt nur durch den kon­ti­nuier­lichen Aufbau von Vertrauen in unsere inhaltliche und ästhetische Arbeit. Ich habe von meinem Vorgänger nahezu keine Abonnenten übernommen und kann kaum neue gewinnen. Wer in einer Altersgruppe von unter 40 Jahren hat heute noch ein Abo? Diese urbanen, aufgeschlossenen Menschen sind sehr flexibel und kommen, wenn sie eine Aufführung interessiert, kurzfristig an die Abendkasse – und zwar gezielt! Wenn wir zum Beispiel wegen Krankheit eine Vorstellung absagen müssen, fragen sie nicht: "Was spielen Sie stattdessen?" Sie gehen weg und sagen: "Kein Bedarf, denn ich wollte genau dieses Stück sehen."

Sie sind Intendant, haben eine Frau und zwei Kinder, kommen Sie noch selbst zum Inszenieren?
Man muss das gut organisieren, aber es geht. Ich bin ja gern Regisseur und mache weiterhin zwei Inszenierungen pro Spielzeit. Auswärts arbeite ich allerdings weniger, das ist wirklich zu aufwendig. Als mir die Oper Erfurt jedoch letztens Alban Bergs "Wozzeck" an­geboten hat, konnte ich diese Herausforderung nicht ablehnen.

Sind die Headhunter schon hinter Ihnen her und wollen Sie an ein anderes Theater locken, das Sie auf Vordermann bringen sollen?
Nicht dass ich wüsste, was vielleicht auch daran liegt, dass ich hier glücklich bin. Die Arbeitsbedingungen in Leipzig sind fantastisch. Von politischer Seite erfahren wir große Unterstützung, wir haben eine sichere Finanzierung bis 2020 mit den Tariferhöhungen. Warum sollte ich da weggehen wollen?

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