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Gruppenschau zum Zeichen der Sirene

Leise Rufe der Sirene

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Das Wahrzeichen Warschaus wird in der Kunst zum subversiven Symbol in repressiven Zeiten

Während die EU die Demontage der polnischen Demokratie durch die rechtskonservative Partei PiS mit zunehmender Sorge betrachtet, setzt das Warschauer Museum für Moderne Kunst auf eine Schau im Zeichen der Sirene – dem Wahrzeichen Warschaus. Bis zum 18. Juni werden Arbeiten von Louise Bourgeois, Artur Żmijewski, Wolfgang Tillmans und vielen mehr präsentiert. Ausstellungsort ist der neue Pavillon, der mit Unterstützung der Thyssen-Bornemisza Art Contemporary bis 2020 an der Weichsel stehen soll.

Was bedeutet das Beschwören des Hauptstadtsymbols in einer Zeit nationaler Identitätssuche? Zunächst einmal ist das Museum mit einer patriotisch verklärten Ausstellung kulturpolitisch auf der sicheren Seite. Gleichzeitig entzieht man sich dem nationalen Propagandaapparat, indem man die Fischfrau als – hier auch regionale – Galionsfigur für Vielfalt und Andersartigkeit verkauft. Das sind Qualitäten, für die die PiS keinesfalls einsteht. "Wir wollten Warschaus Symbol als offenes Zeichen mit außergewöhnlichem Potenzial zeigen", sagt die Kuratorin Marta Dziewańska. Besonders "in Zeiten von Postfakten und wütenden Populismen, wenn Symbole angeeignet, reduziert und geschlossen werden" halte sie das für wichtig. Die verführerische Sirene – mythologisch nicht mit der schutzbedürftigen Meerjungfrau zu verwechseln, in der Popkultur schon – ist zudem ein zum neuen Standort am Fluss passendes Modethema mit Sex-Appeal, das Besucher anlockt.

Laut Dziewańska sei das Fabelwesen im Kuratorenteam anfangs wegen "fehlenden kritischen Potenzials" nicht einhellig begrüßt worden. Vermutlich hätte aber auch ein anderes Thema direkte Regierungskritik kaum erlaubt. Zu groß ist die Abhängigkeit vom Kulturministerium. Paweł Machcewicz erlebt gerade, was passiert, wenn man sich querstellt. Sein Museum des Zweiten Weltkriegs in Danzig war der PiS nicht patriotisch genug. Die Folge: Der Kulturminister versuchte, den Museumsdirektor loszuwerden – mit Erfolg: Mitte April wurde Paweł Machcewicz entlassen und durch den Danziger Historiker Karol Nawrocki ersetzt.

Die Schau erweckt den Eindruck, gerade so viel zu wagen, wie momentan erlaubt ist. So ist sie vor allem eine gelungene Dokumentation der Sirenendarstellung über die Epochen hinweg. Spannend wird die Figur, wenn man sie interpretiert. Vor dem Hintergrund der polnischen Frauenrechtsproteste ist die Sirene als feministisch-freiheitliche Ikone durchaus vorstellbar. Man kann diese Bedeutung aus der Schau herauslesen, zum Beispiel bei Aleka Polis' Videoarbeit "Free Pussy Riot". Bemerkenswert ist, dass auch queere Kunst wie Wolfgang Tillmans' Foto "Lutz, Alex, Suzanne & Christoph on beach" und die Jünglingsskulptur "He" von Elmgreen & Dragset gezeigt wird. Homosexualität wird in Polen geächtet. Vielleicht entpuppt sich die Ausstellung ja noch als Trojanisches Pferd.

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