Vor der großen Werkschau von Ai Weiwei in Berlin

Kunst ohne Künstler

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Was gefällt Ai Weiwei selbst am besten an seiner weltweit bisher größten Ausstellung, die in wenigen Tagen im Berliner Martin-Gropius-Bau ihre Tore öffnet? «Mein Lieblingsstück ist die Tatsache, dass ich nicht an der Ausstellung teilnehmen darf», sagt der 56-Jährige der Nachrichtenagentur dpa in Peking. «Das ist ein Kunstwerk an sich.» Es spiegele eine «menschliche Verfassung» wider. «Wie viele Ausstellungen gibt es in dieser Welt, wo der ausstellende Künstler nicht dabei sein kann, weil es ihm nicht erlaubt wird?», sagt er verschmitzt.

Auf den Tag genau drei Jahre nach seiner Festnahme 2011 wird die Ausstellung «Evidence» am 3. April eröffnet. «Über eine Geiselnahme kommt niemand hinweg», sagt Ai Weiwei. «Jemanden in Haft zu halten, heißt immer, ihm das Recht auf Leben abzusprechen.» Bis heute darf er nicht ins Ausland reisen, wird von der Staatssicherheit bewacht und verfolgt. Ob er sich nicht Sorgen mache, dass er nicht wieder nach China zurückgelassen würde, wenn er reisen könnte? «Wir leben in einer Zeit, wo nichts sicher ist», sagt Ai Weiwei.

Der Vater des Künstlers, ein bekannter Dichter, war in den Zeiten der Kulturrevolution in China in die Mongolei verbannt worden. Ai stellt exklusiv in der Aprilausgabe von Monopol seinen Nachbau der Erdhöhle vor, in der er als Kind unter Ratten leben musste. Im Interview mit Monopol in seinem Pekinger Studio sagte Ai Weiwei: «Ich habe als Kind das Schicksal meines Vaters mitbekommen. In einem Erdloch aufzuwachsen hat mich von klein auf gelehrt … Es kann immer noch schlimmer kommen.»

Den chinesischen Staats- und Parteichef Xi Jinping lädt er ein, sich die Werkschau bei dessen Deutschlandbesuch ab Freitag anzuschauen. «Dort lauert keine Gefahr.» Überhaupt hätten sie viel gemeinsam. Ihre Väter hätten sich als Revolutionäre sehr nahe gestanden. Die beiden Söhne zählen zur zweiten Generation der «roten Aristokratie» in China, sind aber völlig unterschiedliche Wege gegangen.

«Wir hätten uns viel zu sagen», glaubt Ai Weiwei. «Es scheint, als wenn wir uns beide um diese Nation sorgen.» Beide trügen gewisse Verantwortung. «Er durch die Politik - ich durch meine künstlerische Arbeit und meine Stimme», sagt Ai Weiwei. «Er vertritt den Staat, ich vertrete ein Individuum» - und damit 1,3 Milliarden Chinesen. «Er muss aber keine Angst haben», fügt der Künstler schmunzelnd hinzu: «Er hat 80 Millionen Parteimitglieder hinter sich.»

Den «chinesischen Traum», den Xi Jinping propagiert, stellt sich Ai Weiwei allerdings ganz anders vor: «Der chinesische Traum heißt für mich, wie wir für eine Gesellschaft sorgen, die grundlegende Rechte schützt, damit sich jeder sicher fühlt.» Es müsse freien Informationsfluss geben. «Nur wer Meinungsfreiheit hat, kann Verantwortung für die Gesellschaft übernehmen.» In China gebe es aber keine Tradition mehr, sich zu engagieren. «Wir haben Generationen erlebt, die zerstört wurden, weil sie versucht haben, den Mund aufzumachen.»

Dem Milliardenreich bescheinigt der Künstler schonungslos eine schwere Vertrauenskrise. Viele Chinesen wollten das Land verlassen. «Niemand will etwas in die Zukunft investieren.» Nichts sei aus der Vergangenheit geerbt worden: «Kein Land. Kein Besitz. Kein Geld. Nicht dein altes Dorf. Nicht die Straße, in der deine Familie lebt», sagt Ai Weiwei. «Jeder bewegt sich hin und her. Es gibt keine Nachbarschaften. Niemand spricht mit den Leuten nebenan.»

Alles in China werde als Geheimnis behandelt. «Es ist eine Gesellschaft ohne Vertrauen.» So gebe es auch keine gemeinsamen Werte, die es zu schützen gelte. Die 6000 Hocker in seiner Ausstellung symbolisierten denn auch die alten Familienstrukturen und den dramatischen Wertewandel. «Moral und Qualität der Familie und Gesellschaft sind zerstört. Sie sind nicht mehr da.»

Etwa die Hälfte der Werke im Gropius-Bau hat Ai Weiwei eigens für die Ausstellung geschaffen. Neben den Hockern werden auch 3500 handgefertigte Flusskrebse aus Porzellan in Reih und Glied gelegt. Die Flusskrebse heißen auf Chinesisch «Hexie», was genauso ausgesprochen wird wie «Harmonie». Es ist eine ironische Anspielung auf die chinesische Propaganda-Idee der «harmonischen Gesellschaft». Insgesamt werden in 18 Räumen 3000 Quadratmeter bespielt. (dpa/monopol)

Die Bilder von Ais Nachbau des Verlieses und das Interview mit dem Künstler ist Teil eines Specials der Monopol-Aprilausgabe, das sich mit den Utopien, Wohn- und Überlebensstrategien der Zukunft beschäftigt. Designer wie Konstantin Grcic stellen dort ebenso Projekte vor wie der Architekt Arata Isozaki oder New-Economy-Entrepreneur Elon Musk, der Reisen zum Mars plant

"Ai Weiwei – Evidence", Martin-Gropius-Bau, Berlin, 3. April bis 7. Juli 2014

Ai Weiwei stellt exklusiv in der Aprilausgabe von Monopol seinen Nachbau der Erdhöhle vor, in der er als Kind unter Ratten leben musste. Plus: Ein Hausbesuch in Peking

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