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George Condo in Berlin

In Konfrontation mit den alten Meistern

In Berlin hat George Condo keine Angst vor Picasso

George Condo sagt nichts Vorhersehbares wie: dass es eine ungeheure Ehre sei, mit Picasso und all den anderen Meistern der Moderne in der Sammlung Berggruen ausstellen zu dürfen. Stattdessen erklärt er, Kunst sei nun mal ein additiver Prozess, jeder Künstler vereine gewissermaßen das Wissen aller vorangegangenen Künstler in sich. Man kann das so verstehen: Condo ist auch Klee, Cézanne, Matisse und Picasso. Was haben die Pioniere der Vergangenheit und der amerikanische Maler (Jahrgang 1957) sich also in der Ausstellung "Confrontation" zu sagen?

Es macht großen Spaß, die Condos zwischen den versammelten kunsthistorischen Inkunabeln der Sammlung Berggruen zu suchen. Denn Condo hat die Mimikry über Jahrzehnte hinweg perfektioniert. Seine Spezialität sind Würdenträger mit grotesken Comicgesichtern, die sich an den Alten Meistern abarbeiten, doch er hat tatsächlich auch alle anderen Stile drauf. Es ist der Ausstellung anzumerken, welches Vergnügen es war, sie zu hängen. Udo Kittelmann, der die Werke aus Condos Besitz selbst auswählte, kann das gut: über das Visuelle, Impulsive, Unmittelbare erst die Freude am Sehen stimulieren, dann am Denken.

Das funktioniert im Kleinen, wenn zwei rote, miteinander verschmelzende Äpfel ("His Brain") von Condo in der Nähe zu einer zarten Apfelstudie von Cézanne platziert werden. Und es ist umwerfend im Großen, manchmal auch umwerfend lustig. Die weltbekannten Picasso-Porträts der Sammlung sind ja so dermaßen durchgesetzt, dass sich das Unbehagen, das Krasse und Peinliche an ihnen längst abgenutzt hat. Hier hilft Condo, dessen Generation traumatisiert ist von Themenparks und der Unterhaltungsindustrie, gerne wieder auf die Sprünge – mit degenerierten Popanzen und grotesken Nackten. Wem das zu frech und anmaßend ist, dem hält die Ausstellung schlau vor, so sei es bei Picasso 1913 auch gewesen. Aber ist es so einfach? Wenn Condo einem Porträt ein grünes, unförmiges Ohr andichtet, ist das ein gemalter Witz über Kubismus. Aber was kommt nach der Pointe? Zum Beispiel die Frage, ob ein System in der Malerei je abgeschlossen ist. Condo will sie alle durchdringen. Seine Gemälde wollen wirklich wissen, wie es ist, ein Picasso zu sein. Gleichzeitig wollen sie aber auch ein bisschen Ärger anfangen mit den Picassos, ihnen zumindest eine lange Comic-Nase drehen.

Einmal gefragt, warum es ausgerechnet diese übermächtigen Protagonisten sein müssten, mit denen er es aufnehme, sagte George Condo: "Weil es die Besten sind."

In "Confrontation" antworten die Bilder durchs Jahrhundert aufeinander. Die Dringlichkeit der Argumente von Picasso, Klee und Cézanne sind in dieser Auseinandersetzung immer noch glasklar zu vernehmen. George Condo hat die schlagfertigen Pointen, er weiß ja, wie die Geschichte ausgeht. Aber das letzte Wort hat er nicht, und auch das weiß er.

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