Evelyn Herlitzius im Porträt

Jenseits des Rampenlichts

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Kammersängerin Evelyn Herlitzius zog der Semperoper wegen von Hamburg nach Dresden – und ist geblieben

Ihr Schicksal ist auf direktem Wege mit der Elbe verbunden, dabei ist Evelyn Herlitzius weder Binnenschifferin noch in der Bootsbranche tätig. Es sind jedoch zwei Städte an diesem Fluss, die für sie entscheidend waren. In Hamburg nämlich studierte sie an der Hochschule für Musik und Theater Gesang, ehe sie knapp 500 Kilometer flussaufwärts als Gast an die Semperoper Dresden engagiert wurde.

Das gleiche Gewässer, ein anderes Theater, dachte sie sich damals, war vor Ort aber dann nicht so begeistert. 1995 lag hier einiges im Argen, die Innenstadt erschien ihr marode, die Atmosphäre düster, die Mentalität unvertraut. Nach den Auftritten kehrte die aufstrebende Sängerin nach Hamburg zurück, wo sie sich als alleinerziehende Mutter um ihre beiden Söhne kümmerte. In Dresden kam Evelyn Herlitzius freilich beim Publikum, beim Ensemble und der Intendanz richtig gut an. Man wollte sie deswegen längerfristig ans Haus binden. Evelyn Herlitzius freute sich zwar über das Folgeengagement, war indes nicht begeistert von der Aussicht auf einen Umzug.

Ein Kollege, der ihren Zwiespalt bemerkte, sorgte spontan für die maßgeblichen Impulse zum Umdenken. Er zeigte ihr die schönen Ecken von Stadt und Umland, die man nicht schnell auf der Durchreise entdeckt, und brachte sie auf den Geschmack. Und nun ist sie seit rund 20 Jahren leidenschaftliche Dresdnerin und immer glücklich, wenn sie hierherkommt: "Endlich daheim!" Allzu oft ist das zu ihrem Bedauern nicht der Fall. Die gefragte Hochdramatische ist häufig unterwegs, gibt mal in Rom Giacomo Puccinis Turandot, mal in Wien Richard Strauss’ Elektra. Schon an diesem Spektrum wird deutlich, wie schwer der Beruf ist und wie hoch man zu investieren bereit sein muss.

Das Privatleben wird der Arbeit unter­geordnet und das meiste von dem, was Evelyn Herlitzius sonst noch lockt – Freunde, Filme, Ausstellungen –, wird hintangestellt. "Man kann nicht alles haben. Das Singen braucht wahnsinnig viel Zeit und Energie. Es geht nur ganz oder gar nicht." Sie ist überdies die klassische Singschauspielerin, die nicht bloß den Noten folgt, sondern auch darstellerisch die starken und un­gezügelten Emotionen ihrer Figuren ausdrücken will. Derlei intensive Ein­lassungen auf den obsessiven Gefühlshaushalt antiker Heroinen oder germanischer Windsbräute verlangen ihr allerdings alles ab.

Es dauert rund zwei Tage, bis sich der in einer Aufführung angestaute Adrenalinspiegel wieder auf Normalmaß herabgesenkt hat. Zum Ausgleich hat sie die Herausforderungen ihres Berufs stets mit einem möglichst normalen Alltagsleben zu kompensieren versucht. Sie wühlt gern in ihrem Garten und passt auf, dass es den geliebten Hortensien an nichts mangelt. Sie läuft durch den Wald und sammelt Pilze. Gesungen wird weder dabei noch unter der Dusche, das tut sie lediglich im professionellen Rahmen: "Wenn ich Rad fahre, fahre ich Rad. Punkt!" Einzig mit ihren Söhnen hat sie privat gesungen, bis zum Schlafengehen, "ich die Kinderlieder, sie die Opernpartien".

Dass Evelyn Herlitzius ursprünglich Tänzerin werden wollte, hilft ihr bis heute auf der Bühne. Singen ist für sie einerseits eine beseligende Auseinandersetzung mit der Musik, andererseits – "ich bin ein physischer Typ" – ein „sehr angenehmer körperlicher Vorgang. Es fühlt sich einfach gut an."

Deshalb entwickelt sie für jede Rolle ein anderes Bewegungsprofil und eine gestische Sprache. Ästhetisch so unterschiedliche Regisseure wie Hans Neuenfels, Christof Loy, Claus Guth oder Christoph Schlingensief wussten das zu schätzen. Doch all der Ruhm und die Bravos haben die Kammersängerin
nie abheben lassen. Kritisch befragt sie sich regelmäßig, welchen Einsatz ihr der Erfolg wert ist. Natürlich kämpft sie um ihn und ist froh, wenn sie ihn hat.

Trotzdem hat sie nicht vergessen, dass es andere Freuden gibt, wahre, tiefe, gleichwohl jenseits von Rampenlicht und Applaus. Angesichts ihrer heutigen Gagen erinnert sie sich an ihre Studienzeit und dass man im Grunde wesentlich weniger benötigt, als man gemeinhin denkt: "Als Studentin war ich super darin, von Kartoffeln, Spiegeleiern, Brot und Äpfeln zu leben. Und wissen Sie was? Es war wunderbar." Das klingt bei ihr nicht wie das Loblied auf den Konsumverzicht, sondern wie die Erkenntnis eines Menschen, der einiges hinter sich und viel erfahren hat. Bei Evelyn Herlitzius kann man das nicht nur sehen, man kann es auch hören – zum Beispiel in der Semperoper.

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