Galeristinnen-Interview

"Auf Dauer funktioniert dieses System nicht"

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Die Züricher Galerie Rotwand stellt nach neun Jahren ihren Betrieb ein. Es gebe immer weniger junge Sammler, sagen die Inhaberinnen Sabina Kohler und Bettina Meier-Bickel

Frau Kohler, Frau Meier-Bickel, es ist immer eine traurige Nachricht, wenn eine Galerie ihren Betrieb einstellt. Welche Gründe haben Sie dafür?
Sabina Kohler: Die letzten ein, zwei Jahre waren wirtschaftlich schwierig für uns. Wir haben gemerkt, dass unsere Vision davon, wie wir die Galerie führen wollten, im veränderten Umfeld immer schwieriger umzusetzen war.

Inwiefern hat sich das Umfeld geändert?
Bettina Meier-Bickel: Wir haben ältere Kunden, die seit vielen Jahren sammeln. Aber es gibt kaum nachkommende, junge Käuferschaft, die mit Enthusiasmus auf Entdeckungen aus ist. Junge schauen eher nach Kunst als Investmentmöglichkeit.

Woran liegt das?
Bettina Meier-Bickel: Besitz scheint allgemein nicht mehr ganz so wichtig zu sein, vor allem auch bei jungen Leuten. Das hat auch mit dem Internet und den sozialen Medien zu tun. Gerade Instagram hat eine starke Wirkung, man entscheidet schnell, ob man etwas sehen will oder nicht. Und damit hat es sich auch erledigt. Man ist zum Teil schon zufrieden,wenn man ein Bild gepostet hat. Die sozialen Medien verändern die Wahrnehmung und die Bedürfnisse.

Welche Rolle spielen Messen?
Sabina Kohler: Messen sind für uns und die Künstler sehr wichtig gewesen. Doch wenn man dort junge Kunst zeigt, sind die Messen sehr teuer. Wir sahen die Teilnahme als eine Investition in die Zukunft. Aber auf Dauer funktioniert dieses System nicht, junge Galerien zahlen meistens die gleichen Preise wie die großen, ohne aber genauso gut verkaufen zu können.
Bettina Meier-Bickel: Wenn man sich international platzieren möchte und Kontakt zu internationalen Sammlern sucht, dann sind Messen ganz wichtig. Aufgrund des Internets besuchen weniger Menschen die Galerieräume ...
Sabina Kohler: Zu den Vernissagen kommen zwar viele junge Leuten, aber es geht doch weniger um die Kunst, sondern um das Event.

Die Züricher Galerien Bob van Oursow und RaebervonStenglin schließen ebenfalls. Wie steht es um den Kunststandort Schweiz? Eigentlich sind die Rahmenbedingungen gut im Vergleich mit Deutschland: Es gibt keine Künstlersozialabgaben, eine geringe Mehrwertsteuer und das Einkommen der Schweizer ist hoch …
Sabina Kohler: Aber die Schweiz ist auch sehr teuer! Natürlich gibt es kaufkräftige Kundschaft, aber viele sind verunsichert, zuletzt auch durch die Wahl Donald Trumps. Wenn eine Schicht von Käufern wegbricht, wird es in der Schweiz schneller substantiell, weil die Fixkosten enorm hoch sind.
Bettina Meier-Bickel: Die Kosten, die wir mit Transporten und Zöllen hatten, waren enorm. Wir haben immer internationale Künstler gezeigt, das macht es nicht einfacher.

Erschwerte das Ende der Kopplung des Schweizer Franken an den Euro auch das Geschäft? Seit Anfang 2015 sind Waren aus der Schweiz für Kunden in den Euroländern teurer geworden.
Bettina Meier-Bickel: Das haben wir nicht wirklich gespürt. Kunst aus dem Euroraum, die wir in Euro verkauft haben, wurde für Schweizer Kunden dann auch günstiger.

Haben junge Galerien genug Unterstützung von der öffentlichen Hand?
Bettina Meier-Bickel: Die Stadt und der Kanton Zürich kaufen Kunst von Züricher Künstlern an. Die Verantwortlichen nehmen diese Aufgabe ernst und schauen sich viel an. Dann gibt es viele Firmen, die Kunst kaufen. Dort spürt man, dass Budgets gekürzt werden.

Was raten Sie jungen Enthusiasten, die eine Galerie gründen wollen? Lieber die Finger davon lassen?
Beide: Auf keinen Fall!
Sabina Kohler: Es braucht tolle Ideen, Enthusiasmus und Idealismus! Wenn man etwas neu eröffnet, trägt einen das. Man sagt ja auch, dass man in schwierigen Zeiten etwas eröffnen soll. Aber versucht, Fixkosten möglichst tief zu halten, damit ihr wendig bleibt und euch gut anpassen könnt.
Bettina Meier-Bickel: Auch mit den Messen muss man aufpassen, es sollten nicht zu viele werden. In einem Jahren haben wir sieben Messen gemacht.
Sabina Kohler: Aber wir haben keine Lösung im Moment. Wir haben uns ja sehr viele Gedanken gemacht., wie wir das Modell ändern könnten.

Was passiert mit Ihren Künstlern?
Bettina Meier-Bickel: Wir versuchen, Gespräche mit anderen Galeristen zu führen und einen guten Platz für sie zu finden. Wir hatten ein tolles Verhältnis.
Sabina Kohler: Wir werden den Raum aufgeben, aber bleiben administrativ und beratend für unsere Künstler erreichbar.
Bettina Meier-Bickel: Uns war wichtig, dass wir nicht stillschweigend schließen. Wir haben in Genf noch eine Messe gemacht, wir haben noch eine letzte Ausstellung und feiern die neun Jahre Galerienzeit. Ich denke, wir können mit Stolz darauf zurückblicken.

Was werden Sie vermissen?
Bettina Meier-Bickel: Vor allem der direkte Kontakt mit den Künstlern und dass wir mit ihnen etwas erarbeiteten. Wir haben uns als Schnittstelle gesehen, wir wollten die Welt des Künstlers mit den Anliegen des Sammlers verbinden. Auch zu sehen, wie sich ein Künstler entwickelt, in welche Sammlungen er gekommen ist und so weiter, hat uns enorm Freude gemacht.

Was machen Sie beruflich weiter?
Bettina Meier-Bickel: Wenn man dieses Kunst-Virus erstmal hat, wird man den nicht mehr los.

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