Abwesenheitsnotiz: Matthias Müller

Lass uns einfältig werden

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Was machen Künstler im Sommer? In unserer Serie "Abwesenheitsnotiz" bitten wir um ein Lebenszeichen. Matthias Müller versucht sich in Portugal an Komplexitätsreduktion

Abwesend von daheim, und doch nicht in der Fremde. Seit einigen Jahr kehre ich in dieses Dörfchen zurück – in einen Landstrich, der selbst in José Saramagos peniblem Reisebericht "Viagem a Portugal" nur blasse Erwähnung findet. Noch immer wehrt sich die Region mit ihren verstreuten, versteckten, oft schwer zugänglichen Schönheiten gegen seine touristische Erschließung, und der Status als Naturschutzgebiet trägt erfolgreich dazu bei: An der Lagune legen Zugvögel auf dem Weg in südlichere Regionen eine Ruhepause ein – und ich bin ihnen dankbar dafür. Kein Hotel also, denn das gibt es nicht, sondern ein Haus. Ein für mich neues Haus, erbaut und ausgestattet aber offenbar vom selben stilsicheren Architekten, der mein Heim der letzten Sommer erbaute. Vertrautheit also auch hier. Nur der Sicherheitscode ist ein anderer. "Denk an 'Lisbon Lipstick Lesbian'", hatte mir der Fremde João bei der Schlüsselübergabe für sein schmuckes Heim vor einigen Sommern als Eselsbrücke empfohlen, "aber Du kannst die Tür auch gern offen stehen lassen." Und, bereits im Abgehen: "Das verspricht mehr Spaß! Bedenke: You only live once!"


Ich sitze auf der schmalen Terrasse des "Café Central", das auch ohne Namen auskäme. Es gibt keine Alternative zu ihm, und wirklich alles ist in diesem Dörfchen, in dem sich gerade mal zwei Straßen kreuzen, zentral. Seit mir hier im ersten Sommer eine Coca Coca Light statt des gewünschten Café com leite serviert wurde, weiß man, dass ich im Zweifelsfall einen Kaffee mit etwas Milch möchte – selbst wenn meine Aussprache andere Möglichkeiten nahelegt. Die Dame hinter der Theke unternimmt keine Versuche mehr, ein Schwätzchen mit mir zu halten. Man hat akzeptiert: Der lernt es nie.

Seit 1988 komme ich nach Portugal, hatte hier Ausstellungen und war auf vielen Filmfestivals, reiste in den 90ern durch Brasilien; in beiden Ländern habe ich gedreht. Von daher wäre etwas mehr Sprachkenntnis eine angemessene Geste der Dankbarkeit für so viel Gastfreundschaft – zumal das portugiesische Wörterbuch schon auf den ersten Seiten mit so einnehmenden Begriffen wie "abraço", "alegria", "amigo" und "amor" wärmstens zum Vokabeltraining einlädt. Doch dann der Stolperstein: die Aussprache. Neigt der Portugiese in seinem – womöglich landestypischen ? – Understatement doch dazu, den üppigen Reichtum der Vokale seiner Sprache in der Rede diskret zu unterschlagen. Was bleibt, sind Zischlaute – für mich immer noch so unverständlich wie verführerisch.

Ein alter Freund kommt für ein paar Tage aus der Stadt. Vor Jahren, kurz vorm Burnout, gönnte er sich den Luxus, eine Auszeit von der portugiesischen Filmindustrie zu nehmen. Dann kollabierte diese – und sein Wiedereinstieg erschwerte und verzögerte sich um lange Zeit. Abwesenheit ist hier zum riskanten, zuweilen existenzbedrohenden Luxus geworden. Bedenkenlos darf ich meine genießen. Wobei es korrekter wäre, von einer länger nicht gespürten Anwesenheit zu schreiben. Denn ich bin da; durch Abwesenheit glänzen To-do-Listen, News-Ticker, lärmende Meinungsbörsen, quengelnde Facebook-Veranstaltungsermahnungen, das Hochschul-Senats-Protokoll. Auch die Kunst.

Mit 55 Jahren bleibt mein Urlaubs-Ideal ein Astrid-Lindgren-Kindersommer, nur etwas wärmer bitte als in Bullerbü und Saltkrokan, und ohne Mücken. Das Programm: Komplexitätsreduktion. Erster Schritt: "Komplexitätsreduktion" durch "Vereinfachung" ersetzen. Das Ziel: die eigene Auswilderung zu dem Punkt treiben, an dem einem beim morgendlichen Blick in den Spiegel das "Ich ist ein anderer!" nicht mehr mit trotzigem Widerspruch, sondern erstauntem Einverständnis über die Lippen kommt. Ich weiß längst: Basale Kulturtechniken wie das Schnürsenkel-Binden verlernen sich nicht in wenigen Wochen.

Irgendetwas in dieser Art muss Montaigne gemeint haben, als er defätistisch notierte: "Gewöhnlich nehmen wir unsere Fesseln mit." Und: "Die meisten reisen nur, um wieder heimzukommen." Das hat ihn dann auf meine Schwarze Liste unmöglicher Strandlektüren katapultiert.

Elisabeth Flickenschildt aber ist im Team: Irgendwo auf einer meiner Sommer-Play-Listen zwischen Grace Jones und Frank Ocean raunt die Dame Morgensterns Zeile "Lass uns einfältig werden" auf derart unangemessen lasziv-suggestive Weise, dass man gar nicht anders kann.

Der kleine Wanderzirkus, dessen Programm ich nun vier Mal gesehen habe, bewegt sich, seinem Namen "Nómada" zum Trotz, nur noch in einem sehr engen Radius durch die Dörfer unterhalb des Flusses. Er hat seine Tiere abgegeben. Nicht aus politischer Korrektheit, sondern aus dramatischer Verarmung – und weil einer der altersschwachen Tiger in einem letzten rebellischen Akt des Tiger-Seins einer Dame den Arm abgebissen haben soll. Vielleicht gehe ich zum fünften Mal. Eddie, den schönen Clown, der meine Coulrophobie heilte, als "Homem Bala" zu sehen, der menschlichen Kanonenkugel, bleibt hinreißend. Selbst wenn sein Trick schon beim ersten Mal zu durchschauen war.


Was fehlt? Die Unke fehlt, die zuweilen des nachts im alten Haus die Swimming-Pool-Hoheit beanspruchte. Durch ihre pure, fettleibige Präsenz allein, ihr stoisches, regloses Beharren darauf, am rechten Ort zu sein. Sollte dies ein Prinz in Unkengestalt gewesen sein, war es ein entschieden verwunschener: Seine Hässlichkeit war einzigartig, unser Beziehungsstatus kompliziert. Doch dann, date für date, entwickelte sich mein anfänglicher Abscheu in Respekt, ja, Zuneigung. Der Sommer wird zeigen, ob uns das Leben eine weitere Chance gewährt.

Der rote Teppich der staubigen Croisette des Nachbardorfs ist ein arg malträtierter Läufer von der Resterampe, an den Rändern beschwert mit Steinen und Strandgut, um seinen Verbleib an diesem wenig glamourösen Ort zu sichern. Ich bleibe noch etwas – und das ganz unbeschwert.

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