Nach Protest

Gomringer lehnt Übermalung seines Gedichts ab

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"Alleen und Blumen und Frauen und ein Bewunderer" - ist so ein Satz sexistisch? Der Autor Gomringer wehrt sich gegen Vorwürfe von Berliner Studenten

Der Schweizer Schriftsteller Eugen Gomringer lehnt die Übermalung seines angeblich sexistischen Gedichts an der Fassade einer Berliner Hochschule ab. "Eigentlich neige ich im Moment nicht dazu, nachzugeben", sagte der 92-Jährige am Freitag dem Schweizer Sender SRF 2 Kultur. Er habe so viel Zuspruch aus dem In- und Ausland erhalten, dass er einer Übermalung nicht zustimmen könne.

Die Alice-Salomon-Hochschule in Berlin-Hellersdorf will ihre Fassade neu gestalten lassen, nachdem Studierende das dort angebrachte Gedicht "avenidas" als sexistisch und patriarchalisch kritisiert hatten.

"Man kann darüber sprechen, aber es sollte nicht mit kompletter Ignoranz geschehen. Die guten Leute wissen gar nicht, was sie da anzündeln", sagte Gomringer während eines Literaturfestivals in der Ukraine dem Sender. "Ich bin ja nicht allein der Gomringer und nicht allein 'avenidas', sondern es ist eines der bedeutenden Gedichte der modernen Lyrik geworden. Das kann man nicht einfach auf die Seite schieben oder kaputtreden."

Gomringer hat 2011 den Alice-Salomon-Poetik-Preis der Hochschule erhalten. In dem auf Spanisch verfassten Gedicht geht es um einen Mann, der auf der Straße Blumen und Frauen bewundert.

Er habe beim Schreiben 1951 an eine Situation gedacht, die er auch am Freitag wieder erlebt habe, sagte Gomringer. "Ich bin heute spazieren gegangen und was sehe ich: eine wunderbare Allee, sehr viele Blumen und sehr schöne Frauen." Diese Situation wiederhole sich immer und immer wieder.

Die Hochschule hat Gomringer zufolge bisher nicht das Gespräch mit ihm gesucht. Er habe lediglich einen Brief des Rektors erhalten, der ihn über die Absicht der Neugestaltung der Fassade informiert habe.

Der Fall hat international Aufsehen erregt. Die Schriftstellervereinigung Deutsches PEN-Zentrum warnte vor Zensur. "Wir sind zutiefst beunruhigt über eine Entwicklung, die darauf abzielt, der Kunst einen Maulkorb vorzuspannen oder sie gar zu verbieten", hieß es in einer Stellungnahme.

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