"Kino der Kunst" in München

Fakten, Fakes und Festival

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In München untersucht das Festival "Kino der Kunst" das Verhältnis von Künstlerfilmen zur Realität

Geflügelte Chimären umschwirren ein fliegendes Bett, auf dem uniformierte Cops mit Zivilisten kuscheln. Schweine zerlegen Metzger, der Bettler gibt dem Reichen ein Almosen. In seinem neuen Film kreuzt das Moskauer Kollektiv AES+F mittelalterliche Groteske mit Jetztzeit. Verkehrte Welt, aber dennoch passt der Wettbewerbsbeitrag "Inverso Mundus" perfekt zum Thema dieses "Kino der Kunst"-Festivals, das vom 19. bis 23. April zum dritten Mal München aufmischt. Um das Verhältnis von Künstlerfilmen zur Realität soll es diesmal gehen. Die Realität, das ist auch eine politische Kultur, in der sich Fakten und Fakes mitunter fatal miteinander verheddern und sich der Wirklichkeitskonsument zunehmend im falschen Film wähnt. Künstlerfilme liegen dagegen immer richtig, findet Heinz Peter Schwerfel: Der Blick filmender Künstler auf unsere Realität, so der Festivalleiter, "ist ein Blick, der Wirklichkeit nie nur abbildet, sondern sie durch Fiktion bewusst überhöht, dramatisiert, auf die Spitze treibt, ihr künstlich und künstlerisch eine Metaebene verleiht".

Insgesamt 25.000 Euro Preisgelder werden von einer internationalen Jury vergeben, in der die Aktrice Nina Hoss oder der große US-Kameramann Ed Lachman sitzen. Anders als bei großen Festivals müssen die Beiträge in München nicht taufrisch sein. So eröffnet mit Clément Cogitores "Ni le Ciel ni la Terre" ein Film das Programm, der schon 2015 in Cannes Premiere feierte. Es geht um mysteriöse Phänomene im Afghanistan-Krieg, mithin um die (poetische) Brechung eines Themas, das in allen TV-Kanälen vermeintlich erschöpfend behandelt wurde. Vergleichbar verfährt Omer Fast in seinem inzwischen vom Kurz- zum Spielfilm mutierten "Continuity": Die Story vom Kriegsheimkehrer aus Afghanistan wäre Stoff für eine Fernseh-Doku, doch die Tatsache, dass Fast eine ganze Reihe von Darstellern als verlorenen Sohn in die Familie zurückschickt, sorgt für produktive Irritation.

Gegenüber der Kino-Konfektion operieren Künstlerfilme mit besonderer Formenvielfalt, auf Laufzeitstandards wird wenig Rücksicht genommen. Mit dreieinhalb Stunden ist "In Course of the Miraculous" des Chinesen Cheng Ran der längste Wettbewerbsfilm: drei wahre Geschichten um Einsamkeit und spurloses Verschwinden einschließlich der Story des seit 1975 verschollenen Künstlers Bas Jan Ader. Filme wie Halil Altınderes Erdogan-kritischer "Homeland" oder "Dienstag" vom Künstlerduo M+M bringen ihr Thema kurz und knapp auf den Punkt. Am "Dienstag" wird derselbe Mann zweimal rasiert, auf der linken Seite des geteilten Screens von einem Mann, rechts von einer Frau. Der aus dem französischen Erzählkino entlehnte Dialog ist identisch, aber der Ausdruck – links drohend, rechts erotisch – driftet auseinander.

Gesprächsbereit zeigt sich das Festival mit einem Symposion zum Thema "Immersion – Chance und Herausforderung für Medienkunst" in der Kunsthalle, außerdem haben die Münchener Museen ein attraktives cinephiles Ausstellungspaket geschnürt.

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