Rundgang durch Kassel

Erste Eindrücke von der Documenta

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Bier, Seife und Schuhe: Die Documenta 14 präsentiert sich vielfältig. Eindrücke am Mittwoch

Documenta-Seife zum Waschen

Otobong Nkanga aus Nigeria verkauft den Besuchern Seife. Für 20 Euro gibt es 145 Gramm. Die handgemachten schwarzen Quader sollen das Bewusstsein für den Konsum verändern. Die Aktionskünstler, die die schwarze Seife aus Kohle und sieben Ölen verkaufen, wollen mit den Käufern über ihr Projekt reden. Wer also nur ein Andenken will, geht möglicherweise ohne eines der 45 000 Seifen-Stücke nach Hause.

Foto: Daniel Völzke

Foto: Daniel Völzke

Eine Mitarbeiterin von Otobong Nkanga verkauft Seife


Start im Untergrund und fehlende Bilder

Der Parcours, den der künstlerische Leiter Adam Szymczyk den Besuchern empfiehlt, startet im Untergrund. Einstiegspunkt ist ein stillgelegter Tunnel am Kasseler Hauptbahnhof. Wer über den aufgeschütteten Kies hinter den Bahngleisen stolpert, kann eine 20-minütige Video-Installation mit Selfies und Bildern von Donald Trump auf sich wirken lassen. Die Werke von Nikhil Chopra fehlen: Der Künstler ist noch nicht in Kassel angekommen, will aber mehrere Leinwände mit Eindrücken von seiner Reise von Athen nach Nordhessen präsentieren.

Der Documenta-Schuh

In der alten Hauptpost verkauft die serbische Künstlerin Irena Haiduk ihre modischen und ergonomischen schwarzen Schnürschuhe mit offener Spitze. "Yugoexport" heißt Haiduks Kunst-Produktionsfirma. Sie stellt die legendären Borosana-Schuhe her, auch bekannt als Arbeitsschuhe für Kellnerinnen. Borosanas wurden in den 60er Jahren in Jugoslawien entwickelt. Nun tragen auch alle Mitarbeiterinnen der Kasseler und Athener Documenta Borosanas. Wer sie haben will, darf laut Vertrag nur arbeiten, wenn er die Schuhe trägt. Zieht man sie aus, darf man nicht mehr arbeiten.

Schachspiel für Giganten in alter Industriehalle

Letztes Aufbäumen einer alten Industriehalle: Der Gottschalk-Halle auf dem Gelände der Universität Kassel droht der Abriss. Deshalb bespielen gleich mehrere Künstler das Fabrik-Gebäude aus den 50er-Jahren. Während nebenan hippe Büros entstanden sind, zeigt im Innern unter anderem der 1962 geborene Bili Bidjocka aus Kamerun seine Arbeit "The Chess Society". In einem abgedunkelten Raum lässt er auf einer tiefschwarzen Wasserfläche ein gigantisches Schachspiel schweben.


Reporter vor verschlossenen Türen

Journalisten sollten einen ersten Blick auf die Kunst werfen dürfen. Das klappte nicht immer: Am Gießhaus auf dem Gelände der Universität Kassel stand die Presse vor verschlossenen Türen. Eigentlich sollte dort die Video- und Klanginstallation "Crossings" von Angela Melitopoulos zu sehen sein. Auch die Tofufabrik gewährte zunächst keinen Einlass. Dort sollte der Film "Commensal" von Véréna Paravel und Lucien Castaing-Taylor über den Kannibalen Issei Sagawa gezeigt werden.

Dunkle Vitrinen und fehlende Schilder

Vitrinen ohne Licht, Kunstwerke ohne Beschriftung und fehlende Wegweiser: Die documenta war zur Eröffnung fürs Fachpublikum alles andere als fertig. Im Museum Grimmwelt wurde Licht in die Schaukästen gelegt, während die ersten Besucher angestrengt auf dunkle Exponate starrten. In manchen Museen fehlte die Beschilderung, um die Kunstwerke von den regulären Exponaten zu unterscheiden.

Neue Perspektiven und verlorene Sprachen

Kassels neues Museum Grimmwelt beschäftigt sich mit den Brüdern Grimm als Sprachforscher und Märchensammler. Die Documenta knüpft daran an: Künstler Roee Rosen zeigt eine "parasitäre" Version des "Kaufmann von Venedig" von William Shakespeare. Er ergänzt das Theaterstück um eigene Bilder und Texte - aus Sicht des Schurken. In einem Nebenraum gibt es eine Videoinstallation, bei der aussterbende Sprachen zu hören sind. "Lost and Found" heißt das Kunstwerk von Susan Hiller.

Scharfes Bier für die Kunst

Wer nach der Ausstellung eine Erfrischung braucht, kann eine der 50.000 Flaschen des nigerianischen Künstlers Emeka Ogboh kaufen. An mehreren Stellen ist das Bier in den dunklen 0,33-Liter-Flaschen für 8 Euro erhältlich. Das Starkbier soll dank einer Chili-Note scharf schmecken. Pfand muss nicht bezahlt werden, schließlich handelt es sich um ein Kunstwerk, das als Erinnerung mit nach Hause genommen werden darf.

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