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Volksbühnen-Fotograf im Interview

"Die Volksbühne ist ein Ort der Ex­treme"

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Der Volksbühnen-Fotograf William Minke zeigt in seinem Buch "No way Home" die Schönheit einer exzessiven Ära

Herr Minke, wie sind die Fotos aus Ihrem Band "No Way Home" entstanden?
Die Fotografien sind private Aufnahmen von meinen Freunden und Kollegen, sie sind zwischen 2004 und 2017 entstanden. In dieser Zeit arbeitete ich als Mitarbeiter der Ton- und Videoabteilung an der Volksbühne, vor allem als Tonangler bei Frank Castorf und René Pollesch. Es gab also nie einen besonderen Anlass, Plan oder Auftrag. Die Bilder entstanden immer aus der Situation heraus. Und die Idee für das Buch entwickelte sich auch erst im letzten Sommer. Zum Ende dieser Spielzeit werde ich, wie viele andere auch, das Haus verlassen. Das Buch ist ein persönlicher Rückblick auf diese Zeit, und natürlich auch eine Form der Verabschiedung.

Die Bilder sind sehr direkt, sehr aus dem Moment heraus. Haben Sie beim Fotografieren einen bestimmten Stil im Sinn?
Bei diesen Aufnahmen geht es vielleicht eher um den Vorgang als um einen Stil. Ich habe einfach fotografiert, wenn es besondere Momente gab. Und davon gibt es an der Volksbühne glücklicherweise sehr viele.

In den Bildern ist eine große Nähe spürbar, Sie scheinen als Fotograf kein Fremdkörper inmitten des Ensembles gewesen zu sein.
Nein, ich fühlte mich ziemlich schnell als ein Teil der Volksbühne. Ich habe dort an vielen Produktionen gearbeitet, und viele der Menschen, denen ich dort begegnete, wurden im Laufe der Jahre sehr gute Freunde. Ich hatte die Kamera im Theater immer nur privat dabei und war ein Teil dieser ganzen Tage und Nächte. Ich war also kein Beobachter, sondern genauso involviert. Daher sind die Fotografien sicherlich sehr nah. Ich bin in jedem Bild dabei.

Ist das Arbeiten mit Schauspielern vor der Kamera ein anderes als mit "herkömmlichen" Models?
Da die Fotos ja nicht als klassische Schauspielerporträts entstanden sind, war es auch keine Arbeit vor der Kamera. Die Fotos entstanden ja alle situativ und nicht als Auftrag. Es gab kein Konzept oder Ähnliches, an dem ich mich hätte abarbeiten müssen, und es ist nichts inszeniert.

War es eine bewusste Entscheidung, keine Bühnenfotos ins Buch hineinzunehmen?
Es gab schon auch ein paar Aufnahmen, die auf der Bühne entstanden sind. Aber ich habe wirklich nur sehr wenige mit ins Buch genommen, weil ich denke, dass die anderen Fotos mehr von meinem Verhältnis zu den Menschen und dem Haus erzählen.

Dieses Backstage-Gefühl hat auch etwas Melancholisches, woran liegt das?
Das ist interessant. Auf mich wirken die Bilder gar nicht melancholisch. Vielleicht gucken jetzt aber auch alle automatisch mit mehr Nostalgie oder auch Wehmut darauf, weil es die Volksbühne so bald nicht mehr geben wird. Die Fotografien haben als solche aber nichts mit dem Abschied der Ära Castorf zu tun, denn die meisten Fotografien entstanden zu einer Zeit, in der es eine Debatte über einen Nachfolger gar nicht gab. Sie entstanden immer im Hier und Jetzt und in genau diesen Situationen. Das macht sie für mich auch so stark, weil sie damit für mich befreit sind von jeder Nostalgie. Das Melancholische liegt vielleicht eher an dem Medium Fotografie selbst, weil man damit in die Vergangenheit schaut.

Viele Bilder zeigen exzessive Situationen: Es wird viel am Boden herumgelegen, manchmal sind Messer im Spiel, oft Bier. Image Extremschauplatz?
Ja, die Volksbühne ist sicher ein Ort der Ex­treme. Aber das sollte trotzdem nicht darüber hinwegtäuschen, dass dort sehr professionell gearbeitet wird. Und es liegt sicher auch daran, dass ich mich persönlich mehr zum Extremen hingezogen fühle, weshalb es darauf vielleicht einen besonderen Fokus gibt.

Hatten Sie einen Lieblingsmoment, eine besondere Situation, die Sie fotografiert haben?
Das ist wirklich schwer zu sagen. Es gibt auf jeden Fall einige magische Momente für mich. Es gibt auch Fotos, die erst eher beiläufig wirken, aber dann doch viel mehr erzählen als das, was dort sichtbar wird. Ich sehe in vielen der Fotos auch Menschen, die gar nicht abgebildet sind.

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