Damien Hirst in Venedig

Urlaub fürs Gehirn

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Damien Hirsts Protzausstellung in Venedig ist nicht mehr als ein schlechter Witz

Man könnte Damien Hirst schon deshalb preisen, weil er das Gegenteil sowohl zur kleinmaschigen Häkelkunst der Hauptausstellung dieser Venedig-Biennale als auch zum Pathos des deutschen Pavillons darstellt. Man könnte ihn mögen, weil es mehr als billig ist, ihn furchtbar zu finden: Sein Gespür für den ikonischen Wurf hat den Briten schon lange verlassen, die letzte größere Museumsausstellung liegt eine Dekade zurück, seither hat Hirst wenig zustande gebracht außer selbstreferenzielle Peinlichkeiten.

Jetzt also das Mega-Comeback: Damien Hirst bespielt gleich beide Standorte der ­Pinault Collection, den Palazzo Grassi und die Punta della Dogana, mit der Schau "Trea­sures from the Wreck of the Unbelievable" (Fotostrecke hier). Der Kurator und Hirst-Kenner Francesco Bonami hat zur Eröffnung gleich mal klargestellt, dass Kategorien wie "schlecht oder gut" bei dieser Unterwasserfantasie nicht mehr greifen: "Es ist mehr als das. Es ist Hollywood."

Die Story geht ungefähr so: Vor 2000 Jahren lebte ein Kunstsammler namens Amotan. Um einen neuen Tempel zu bestücken, belud er ein Schiff mit all seinen Schätzen – doch es sank vor der Küste Ostafrikas. Erst jetzt wurden die Schätze gehoben.

Abgesehen davon, dass manches Hollywoodstudio den Stoff wegen Unterkomplexität abgelehnt hätte: Hirst weiß leider nichts aus der Geschichte zu machen als eine gigantische Materialschlacht. Vitrinen voller Münzen und Schmuckstücke reihen sich an Dutzende mit Korallen und Versteinerungen überzogene Skulpturen: Meerjungfrauen, griechische Torsi und ein römischer ­Bacchus sind dabei; der Popstar Rihanna als Medusa, der Produzent Pharrell Williams als ägyptischer Pharao, Micky Maus und Goofy, in Marmor, Bronze und Kristall. Das Ganze ist weniger Hollywood als Hitradio-FM: Das Beste der Tausender vor Christi, der Nullerjahre und von heute!

Die 18 Meter hohe Statue im Hof des Palazzo Grassi – ohne Kopf, aber mit mächtigem Penis – steht symbolisch für diese Viagra-gepimpte Schau. Schönheit und Schrecken, Macht und Hybris, Sex und Gewalt und (höchst selbstironisch) die Verkommenheit des Kunstbetriebs – alles wird aufgerufen, nichts kann die unfassbare Leere übertünchen.

Also zu den Zahlen: Damien Hirst beziffert die Herstellungskosten für die rund 150 Werke auf 50 Millionen Pfund. François Pinault hat Millionen für den Aufbau zugeschossen. Die Stücke sind je in einer Dreierauflage produziert. Der Kopf der Medusa ist für vier Millionen Dollar zu haben, kleinere Stücke schon ab 500 000 Dollar.

Sollten die Arbeiten beim Abtransport versehentlich auf den Lagunengrund sinken – die Schau wäre immer noch ein schlechter Witz. 

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