Anika Meier

Digitale Kunstvermittlung

Was geht denn, Museen?

05/02/2017 - 15:38

Es ist 2017 - und die Museen sind immer noch weitgehend ratlos, was digitale Vermittlung angeht. Ein Kommentar

Was geht denn, Museen? Wir müssen reden. Nein, so dramatisch soll es dieses Mal nicht werden. Über das #bleistiftgate, wie ich die leicht hitzige Debatte um den Vortrag von Ralf Lankau auf der Hamburger Konferenz "Hallo, Vermittlung!?" jetzt einfach mal nenne, wollte ich eigentlich gar nicht schreiben. Aus einer großen Bühne muss nicht unbedingt eine noch größere Bühne werden.

Der Vortrag war mit folgendem Titel angekündigt: "Die Welt ist eine Scheibe. Oder: Warum Bildschirme den Blick auf die Kunst verstellen." Die Welt ist bekanntlich keine Scheibe, es wird also sicherlich ein irgendwie unterhaltsamer, vielleicht ironischer Vortrag gehalten werden, dachte ich mir. Falsch gedacht. Mir war die subtile Ironie im Titel entgangen – das war es dann aber auch schon mit der Ironie seitens des Referenten. Da saß ich nun, denn man steht ja nicht einfach so auf und geht, und hörte mir an, wie Herr Lankau darüber sprach, dass es die pädagogische Aufgabe von Kunstvermittlern sei, Kinder ins reale Leben zurückzuholen. "Wenn Sie das nicht tun, züchten Sie sozialgestörte, verhaltensgestörte Kinder", sagte er. Und: "Wir haben die erste Generation verloren." Man lerne nur mit dem Bleistift in der Hand, gute Ideen zu haben, so verkürzt die These Lankaus. Wenn Kinder lernen Software zu bedienen, hätten sie noch keine Ideen. (Der Vortrag kann sich hier angehört werden. Seine Thesen hat Ralf Lankau hier verschriftlicht.)

Der Aufschrei aus dem Publikum im Anschluss war, wie zu erwarten, laut – ich nutzte übrigens die allgemeine Unruhe, stand auf und setzte mich ins Foyer, um Mails zu beantworten. Jetzt könnte man natürlich sagen, Herr Lankau habe als Advocatus Diaboli 1a abgeliefert. Es wird diskutiert, direkt im Anschluss an den Vortrag, in den Pausen und noch wochenlang im Netz. Man könnte aber auch fragen, wohin solch eine Provokation um der Provokation willen in der Diskussion um die digitale Kunstvermittlung oder die Kunstvermittlung im Digitalen führt? In einer Diskussion, in der es immer zwei Schritte vor und gleich wieder zwei Schritte zurück geht und sich im Jahr 2017 immer noch auf der Stelle bewegt wird. Smartphones gehen erst einmal so wenig wieder weg wie das Internet.

Auf einer Konferenz zur Kunstvermittlung wie der von den Deichtorhallen Hamburg und der Körber-Stiftung führt solch ein Vortrag vielleicht zur Verunsicherung bei Kunstvermittlern oder zur Bestätigung von Vorurteilen. Um digitale Kunstvermittlung ging es nämlich erst wieder in einem Workshop von Janine Burger vom Zentrum für Kunst und Medien Karlsruhe am Nachmittag hinter verschlossenen Türen – der Titel ihres Vortrags "Hyper! − Hyper? Der Hype um die digitale Kunstvermittlung und ihr sinnvoller Einsatz". Der Gegner des Digitalen bekommt die große Bühne, alles Weitere dann bitte in Einzel- und Gruppengesprächen im Stuhlkreis. Auf ein Podium hätte man Ralf Lankau setzen können, so hätten seine Thesen relativiert werden können. Vielleicht von einem Hochschulprofessor, der ihm hätte entgegenschleudern können, dass er seit 1985 ganz andere Erfahrungen mache und ihn seine Studenten nicht wie ein Pferd angucken würden, wenn man ihnen einen Bleistift in die Hand drücke.

In kleinen Stuhlkreisen sollte also beispielsweise über die digitale Kunstvermittlung und ihre Grenzen gesprochen werden. In meinem Stuhlkreis herrschte eine gewisse Ratlosigkeit, denn mit Smartphones und Digitalem, da kenne man sich jetzt wirklich nicht aus – deshalb sei man doch hier, um neues Wissen mit nach Hause zu nehmen. Ich warf etwas in die Runde wie, hm, ja aber schauen Sie denn nicht in diesem Internet nach, was alles so los ist in der Filterblase Museum? Dafür fehle die Zeit, man müsse sich schließlich auch auf Stand bringen, was die interkulturelle Vermittlung und die spezialisierte Kunstvermittlung für Zielgruppen mit Beeinträchtigung wie etwa Menschen mit Demenz betreffe. Logisch, sehe ich ein.

Ein paar Tage später fand im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe und in der Universität Hamburg die Konferenz "Sharing is Caring" international besetzt statt. Das Thema war "Building Connectivity through Cultural Heritage", es ging um neue Modelle der Verbreitung und Verwendung von Kulturerbe, um Potenziale und Herausforderungen. Auch hier gab es Workshops, einen leitete Mar Dixon unter dem Titel "Sharing Through Interaction. Socializing Media for Cultural Heritage Work". Kurz: Social Media in der Praxis. Mar Dixon nennt sich eine Social-Media-Museums-Aktivistin; sie weiß, wie Museen im digitalen Raum mit Besuchern in Kontakt treten können. Denn von ihr stammen Aktionen wie das #MuseumSelfie, die #MuseumWeek oder #AskACurator. Mar legt jeweils den Tag fest und die internationale Museumswelt twittert. Aber auch sie kann in einem kurzen Workshop nur Impulse geben und Dinge sagen wie: Geht nicht von den einzelnen Kanälen aus, sondern von den Inhalten, die ihr kommunizieren wollt und überlegt, wie diese Inhalte auf Twitter, Facebook, Instagram und bei Bedarf auch auf Snapchat gebracht werden könnten.

Was muss also her – ein fordernder Ton kommt nie gut an, aber viel Provokation hilft ja offenbar viel: Konferenzen, die nicht ganze Themengebiete abdecken wollen und die Besucher mit einem Gefühl der Überforderung nach Hause entlassen müssen, weil eben doch nur an der Oberfläche gekratzt oder eine Problematik nur aus einer bestimmten Perspektive angerissen werden kann. Warum holt man nicht einmal jemandem aus dem Ausland nach Deutschland? Dort ist der Kulturbereich nämlich in Sachen digitaler Kunstvermittlung 35 Schritte voraus, wenn man sich beispielsweise die Tate ansieht und das MoMA und die Fondation Beyeler. Die haben gerade eine kleine Gruppe von Instagrammern, Landschaftsfotografen aus der Schweiz, mit dem Kurator Ulf Küster auf den Spuren von Monet durch die Normandie reisen lassen. Was das jetzt wieder bringen soll? Ulf Küster gibt unumwunden zu, dass die sozialen Medien nicht seins sind. "Aber", sagt er, "Leute, die sich vor allem gern Instagram angucken, können dazu gebracht werden, sich mit Museen oder mit einer anderen Art Bilder zu machen zu beschäftigen."

 

Und wenn man schon bei Instagram ist: In Deutschland wird immer gesagt, ja, die Berlinische Galerie, da sieht es toll auf Instagram aus, so hätten wir das gern. In der Berlinischen Galerie sitzt ein digital native, der die Sprache der sozialen Medien spricht. Und Social Media, das ist tatsächlich eine Sprache, die erlernt werden kann. Sie ist nicht so kompliziert wie Japanisch, sie ist eher so unkompliziert und schnell zu lernen wie Englisch. Wenn man diese Sprache allerdings nicht spricht, klingt sie für die eigenen Ohren wie Japanisch und für fremde Ohren, wenn man sich an ihr versucht, als würde jemand Japanisch sprechen.