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Fotografin Annie Leibovitz

Dem Entertainment verpflichtet

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Die große Pop-Chronistin Annie Leibovitz zeigt ihre jüngsten Porträts

Als sie 1970 in San Francisco als Fotografin beim "Rolling Stone" anfing, stellte sie die Bands noch ins Studio vor einen neutralen Hintergrund. Irgendwann sagte ihr jemand, sie habe nichts aus der Begegnung gemacht und die Zeit mit den Stars vor einer weißen Wand verschenkt. Bei aller Exzessivität, die Annie Leibovitz bei ihren Shootings oft unterstellt wird, zählten aber doch zu ihren Eigenschaften immer große Anpassungsfähigkeit und grenzenloser Wille zur Weiterentwicklung. Als die große Porträtistin der Popgeschichte ist sie selbst zum Superstar geworden.

Zuerst inszenierte sie plump: Als 1980 der Film "Blues Brothers" herauskam, ließ sie Dan Aykroyds und John Belushis Gesichter blau anmalen, als Bette Midler in "The Rose" spielte, legte Annie Leibovitz sie auf ein Bett aus Rosen. Aber: Sie ließ jeden einzelnen Dorn entfernen. Akribie und überproportionaler Aufwand sind geblieben, um das Bild zu bekommen, das ihr vorschwebt. Dass sie die Leute bekommt, ist ohnehin klar. Und so ist Annie Leibovitz vermutlich die einzige Person, die der Queen je vorschrieb, endlich ihre Krone aufzusetzen.

Der zur Buchmesse erscheinende Bildband "Annie Leibovitz. Portraits 2005–2016" zeigt ihr Werk nach dem Tod ihrer Lebensgefährtin Susan Sontag. Die wollte Leibovitz zu relevanteren Themen drängen, reiste mit ihr in den Jugoslawienkrieg und initiierte als Co-Autorin eine sehr schöne, stille Serie über amerikanische Frauen ("Women").

Doch Annie Leibovitz wird mit aller Professionalität dem Entertainment verpflichtet bleiben, schon allein weil die Zeitschrift "Vanity Fair" sie dafür bezahlt – mit Unsummen, wie es heißt. Ob Obama im Oval Office, ob Stephen Hawking oder Marina Abramović als Schlangenfrau, ihr aktueller Stil atmet das Pathos des Großmeisterlichen und die Dunkelheit dieser Ära. Trotzdem bleibt sie hellwach für gegenwärtige Phänomene: Das Sendungs- und Selbstbespiegelungssystem von Kim Kardashian und Kanye West so präzise zu verbildlichen, ohne sich über sie und ihre Welt zu stellen, gelingt nur jemandem, der so bedingungslos an die Bilder glaubt wie sie.

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