Ai-Weiwei-Doku im Netz

Flüchtlingkrise als Lebensthema

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Seit der chinesische Künstler Ai Weiwei in Deutschland lebt, ist die Flüchtlingskrise sein Lebensthema. Eine Dokumentation der Deutschen Welle ist jetzt im Netz zu sehen

Als Ai Weiwei im vergangenen Jahr das Bild des ertrunkenen syrischen Flüchtlingsjungen Aylan am Strand von Lesbos nachstellte, löste das Aufsehen und Empörung aus. Für den chinesischen Exilkünstler aber begann mit der Aktion ein leidenschaftlicher Kampf gegen das Flüchtlingselend an Europas Grenzen. Mit dem Furor, mit dem er bis dahin die Menschenrechtsverletzungen in seiner chinesischen Heimat angeprangert hat, versucht er seither, Kriegsopfern, Flüchtlingen und Entwurzelten künstlerisch eine Stimme zu geben.

Die Filmemacherinnen Eva Mehl und Bettina Kolb haben den 59-Jährigen ein Jahr lang begleitet. Für die Deutsche Welle erzählen sie in dem Dokumentarfilm "Ai Weiwei Drifting", den die Deutsche Welle ab sofort im Netz zeigt, von seinen erschütternden Reisen zu den Brennpunkten der Flüchtlingskrise, aber auch von seinem privaten Leben als Heimatloser in Berlin und von einem Besuch bei seiner Mutter in Peking.

Bei der Vorab-Premiere des Films in einem Kino in Berlin erzählte Ai kürzlich: "Ich sehe jetzt erst, wo die beiden überall dabei waren. Sie haben so respektvoll gearbeitet, dass ich sie oft gar nicht bemerkt habe." Der Künstler war in der Zeit zu Dreharbeiten für seinen eigenen Flüchtlingsfilm "Human Flow" unterwegs, der demnächst ins Kino kommen soll. Ein Starttermin für Deutschland ist noch nicht angekündigt.

"Für uns stand im Mittelpunkt: Warum macht er die Flüchtlingskrise zu seinem großen Thema und was hat das mit seiner eigenen Biografie zu tun", sagen die beiden Filmemacherinnen. Und er antwortet im Film darauf: "Seit 2014 sind mehr als zehntausend Flüchtlinge im Mittelmeer umgekommen. Ich glaube, dass wir das für die kommenden Generationen dokumentieren müssen."

Und so folgen ihm die beiden Frauen etwa in das Flüchtlingslager Idomeni, wo Tausende in ihren Zelten unter menschenunwürdigen Bedingungen auf die Grenzöffnung zwischen Griechenland und Mazedonien warten. Sie begleiten ihn nach Gaza, wo vor allem junge Menschen nichts anderes als Hass, Gewalt und Vergeltung kennen. Und sie beobachten ihn, wie er, der Nichtschwimmer, sich mitten im der Ägäis auf ein verlassenes Flüchtlingsboot begibt, um die Gefühle der Menschen nachempfinden zu können.

Immer wieder wird an solchen Szenen auch sichtbar, wie schmal bei Ai Weiwei der Grat zwischen Kunst und Kommerz, Privatem und Öffentlichem, Mitgefühl und Selbstinszenierung ist. Doch das Urteil darüber überlassen die Autorinnen in ihrer angenehm sachlichen Erzählweise dem Zuschauer.

Besonders eindrucksvoll sind die Szenen, in denen Ai Weiwei seine fast dreimonatige Verschleppung durch die chinesischen Behörden 2011 künstlerisch aufarbeitet. Und die erste Wiederbegegnung mit seiner Mutter in Peking nach seiner Ausreise nach Deutschland 2015. "Es hat sich nichts geändert hier. Im Gegenteil, es ist alles noch schlimmer geworden", sagt er.

Und so wird der Künstler vorerst wohl weiter in Berlin bleiben, wo er mit Sohn und Freundin lebt und als Gastprofessor an der Universität der Künste lehrt. Mit der neuen Heimat hat er sich auf eine besondere Art angefreundet. "Für mich ist Berlin wie ein leeres Haus", sagt er. "Ich fühle mich wohl darin."

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