Abwesenheitsnotiz: Claus Richter

Für immer in Sanremo

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Was machen Künstler im Sommer? In unserer Serie "Abwesenheitsnotiz" bitten wir um ein Lebenszeichen. Claus Richter schwimmt zum ersten Mal bewusst im Meer

Ich bin schon wieder da. Zurück aus dem Urlaub. Schade. Wie schnell immer alles geht. Ich meine wirklich alles. Immerzu. Das liegt ja bekanntlich am Älterwerden, aber es bleibt beständig unangenehm, man gewöhnt sich nicht wirklich daran. 

In meiner Kindheit konnten wir nie weit reisen, weil meine Mutter sehr schnell starke Ängste vor Stress-Situationen aufgebaut hat und weite Reisen waren Stress, also: Bayrischer Wald.

Später dann macht man mit anderen irre coolen jungen Leuten irre coole Großstadt-Trips und all sowas, und jetzt bin ich als älterer Herr zum ersten Mal bewusst im Meer geschwommen. In Sanremo. Da war ich zwei Wochen mit meinem Freund. Es war toll.

Sanremo ist eine wundervolle reale Filterblase, alles atmet die alte Grandezza von 1880 (Grandhotels und Palmen), den lasziven sonnenverliebten italienischen Stil der 1950er-Jahre (schmiedeeiserne Zäune mit abstrahierten Seepferdchenmotiven) und den herrlich morbiden Hedonismus der 1980er in denen zum Beispiel unser altes Grand-Hotel zum letzten Mal renoviert wurde. Also alles perfekt. Mein erster Strandurlaub war eine Offenbarung. Wie ich all die Jahrzehnte ohne Meer aushalten konnte, bleibt ein Rätsel. Ich wollte nicht mehr raus aus dem Wasser, trotz Sonnenbrand und Schrumpelfingern. Nach einer Woche habe ich begonnen zu Schnorcheln und tatsächlich habe ich Fische gesehen, kleine Fischschwärme sogar. Ich konnte das kaum glauben, für mich war das alles völlig neu. 

Seit unserem letzten Italien-Urlaub weiß ich, dass viele Exzentriker das Italien der Jahrhundertwende bevölkert haben, und da das meine Freunde und Verbündeten sind, recherchiere ich ihnen hinterher. 

In Sanremo wurde zum Beispiel im Jahre 1880 Antonio Rubino geboren worden, ein fantastischer Illustrator, den ich sehr bewundere. Das Stadtmuseum widmet ihm einen ganzen Raum und es läuft dort sogar eine seiner frühen Animationen in der kleine Frösche durch eine Art psychedelisch-apokalyptische Hölle im Stil des frühen italienischen Futurismus schweben und auf kleinen Instrumenten traditionelle Musik dazu spielen. Tja, Superkunstsommer, eat your heart out! Und es wird noch besser. In Imperia, nur wenige Zugminuten von Sanremo entfernt hat der legendäre Clown Grock (auch 1880 geboren, ein guter Jahrgang) ganz unclownesk eine wirklich traumgleiche Villa errichtet, die wie aus einem Windsor McCay-Comic gefallen zu sein scheint. Man erwartet, dass jederzeit Little Nemo durch dieses Gemisch aus Liberty-Stil, Coppede-Architektur und Dreamland springt. Türmchen, Pavillons, Treppen, Erker, Brücken, es ist alles da. Es war wirklich toll so ein Kleinod zu entdecken, man zehrt lange von sowas. Ich zumindest.

Ich will jetzt für immer in Sanremo bleiben und für immer im Meer bei den Fischen, aber wem muss ich es denn erklären, wir wissen es: Es geht wohl nicht.

Doch immerhin: Ich habe viel Wunderbares gesehen und das vergesse ich nie.

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