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Ausdruck der Hoffnung

Südkoreaner besprüht Berliner Mauer in Seoul

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In Seoul ist Streit um Graffiti auf einem Stück der Berliner Mauer entbrannt. Das von Deutschland geschenkte Fragment erschien dem Künstler als idealer Ort, um seine Hoffnung auf eine Wiedervereinigung der beiden Koreas auszudrücken

Es ist kurz vor Mitternacht, als Tae-Yong Jung seine Botschaft auf die Berliner Mauer sprüht. Er übermalt alte, einst im fernen Deutschland entstandene lateinische Buchstaben, die nur noch ausgeblichen auf dem Beton zu sehen sind. Jung, der sich als Künstler Hideyes nennt, sprüht helle Neonfarben auf die Westseite der historischen Mauerfragments: Pink, Orange und Blau in horizontalen Streifen. Rechts unten eine reduzierte koreanischen Flagge, deren Zentrum bei Hideyes jedoch an ein Auge erinnert. Auf der Ostseite malt er ein  Sprichwort in schwarzer Sprühfarbe: "Ich sah ein neues Licht auf mich scheinen. Wenn es auch meine Augen funkeln lässt ..."

Hideyes bringt seine Botschaft in der Nacht vom 6. auf den 7. Juni auf den Beton, am Vorabend des Gipfeltreffens von Donald Trump und Kim Jong-Un in Singapur. Er wolle durch seine Arbeit, so wird er später erklären, "Hoffnung auf die Zukunft" für die beiden Koreas darstellen. Für ihn ist dieser Abschnitt der Berliner Mauer, den Deutschland im Oktober 2005 Seoul geschenkt hatte, der perfekte Ort für seine Graffiti: Dieses Geschenk, dass von der koreanischen Öffentlichkeit weitgehend vergessen worden sei, verdiene jetzt diese Aufmerksamkeit.

Am 8. Juni veröffentlicht der Künstler ein Foto seiner Arbeit auf Instagram mit einem langen Text, in dem er seine Absichten erläutert. Seither wird er des Angriffs auf ein Kulturdenkmal beschuldigt, die Polizei ermittelt wegen der Beschädigung öffentlichen Eigentums. Mitte Juni entschuldigt sich Jung auf seinem Instagram-Account und bezichtigt sich selbst der Zerstörung "eines unschätzbaren kulturellen Erbes", die Mauer allein sei "bedeutsam". Danach löscht Jung sein Konto. Doch der Druck bleibt hoch, 11.000 Koreaner unterschreiben eine Petition an das Blaue Haus, dem Büro des Präsidenten.

Aber Hideyes erhält auch Unterstützung. Hui-Yeon Jin, Professor an der staatlichen Kunstakademie, argumentiert: "Graffiti wird je nach Ruf des Künstlers unterschiedlich bewertet. Ein berühmter Künstler kann aufgrund seiner Bekanntheit an vielen Orten arbeiten, während ein eher unbekannten Künstler viele Einschränkungen erfährt." Choi Byeong-Sik von der Kyung Hee Kunsthochschule gibt zu bedenken, dass sich in Südkorea die Idee von Graffiti noch nicht durchgesetzt habe: "Graffiti-Künstler rebellieren nunmal und pochen – zumindest in den USA und Europa – auf ihre Freiheit."

Inzwischen hat die Stadt mitgeteilt, dass eine vollständige Wiederherstellung des ursprünglichen Zustands des Mauerfragments unmöglich sei, ohne es selbst zu beschädigen. Deshalb will man Jungs Graffiti so gut wie möglich entfernen und die ursprünglichen Graffiti neu auftragen.

2009 beschloss die Stadt Berlin, die Mauerelemente der East Side Gallery zu restaurieren und bat die Künstler, ihre inzwischen berühmten Graffiti aus den Wendejahren 1989 und 1900 neu zu malen. Fraglich, ob die Beamten in Korea die Künstler der ursprünglichen Graffiti finden können. Und das Vorhaben der Stadt entfacht wie im Fall der East Side Gallery eine Debatte darüber, ob man Graffiti-Arbeiten tatsächlich "auffrischen" oder besser als verblassene Spuren der Geschichte belassen sollte. Wer weiß, würde Hideyes' Graffiti jetzt nicht entfernt, würde es vielleicht auch einst für einen großen historischen Moment stehen: 2018, das Jahr in dem sich Nord- und Südkorea angenähert haben.

 

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