Diana-Film "Spencer"

Das Märchen vom traurigen Mädchen

Der Kinofilm "Spencer" erzählt von den Selbstbehauptungsversuchen von Prinzessin Diana. Dabei zeigt sich ein Paradox: Alle wissen, wie schädlich die gnadenlose Ausbeutung ihres Privatlebens war. Aber wir lassen sie noch immer nicht in Ruhe

Als Vorspeise gibt es Suppe mit Perlen-Einlage. Gierig löffelt die Prinzessin von Wales die hellgrüne Flüssigkeit in sich hinein, zerbeißt geräuschvoll die haselnussgroßen, schimmernden Kugeln, die sie sich gerade erst vom Hals gerissen hat. Auf ihrem Gesicht, das kurz vorher noch gequält und verkniffen aussah, breitet sich ein genüsslicher Ausdruck aus. Lady Diana tropft Suppe vom Kinn, zwischen den Zähnen die Perlensplitter, während der Rest der royalen Familie schweigend zuschaut und Haltung wahrt. 

Allein diese surreale Szene zeigt, dass der Film "Spencer" des chilenischen Regisseurs Pablo Larraín kein Porträt einer historischen Figur sein will. Er ist ein Märchen über ein armes, reiches Mädchen, das in prächtigen Palästen und Konventionen gefangen ist und sich eigentlich nur nach Leben und Liebe sehnt. Ein Märchen, das bekanntlich nicht gut ausgeht. Und von dem die Welt offenbar noch immer nicht genug bekommen kann. 

Es gibt wohl kaum eine öffentliche Figur, deren Wahrnehmung sich in den vergangenen Jahrzehnten so stark verändert hat wie die der britischen Kronprinzessin Diana (1961-1997). Wurde sie zu Lebzeiten entweder zur Heiligen stilisiert oder als illoyales royales Biest dämonisiert, steht Lady Di heute vor allem als Opfer destruktiver gesellschaftlicher Kräfte im Fokus: der gnadenlosen Belagerung durch die Klatschpresse, der Fremdbestimmtheit von prominenten Frauen, der unerfüllbaren Erwartung von Fehlerlosigkeit. Kurz: der Unmöglichkeit, unter den Augen der Welt ein Mensch zu sein. "Ich bin ein Magnet für den Wahnsinn anderer Leute", sagt Kristen Stewart alias Diana in "Spencer" einmal treffend zu einem ihrer Bewacher. Trüge sich die königliche Tragödie im Social-Media-Zeitalter zu, die #FreeDiana-Bewegung nach Vorbild von Britney Spears wäre sicher nicht weit. Es ist das Paradoxe des Falls, dass die Prinzessin von Wales einerseits ein privilegiertes Gewächs der englischen Monarchie und gleichzeitig eine Kämpferin gegen deren verkrustete Strukturen war. Dass sie versuchte, die Deutungshoheit über ihre Geschichte zurückzugewinnen, und dass diese Geschichte auch nach ihrem Tod (siehe die Netflix-Serie "The Crown", den Film "Diana" mit Naomi Watts von 2013 oder jetzt eben "Spencer") trotzdem immer wieder von anderen erzählt wird.

Reizüberflutung als Stilmittel

Die Eckdaten von Dianas zunehmend unglücklicher Ehe mit Prince Charles (die Affäre des Prinzen mit Camilla Parker Bowles, die ständige Belagerung durch die Presse, schließlich der Ausbruch Dianas und ihr Unfalltod in Paris) sind hinreichend bekannt. Und weil sie so bekannt sind, lässt Regisseur Pablo Larraín das Meiste davon im Ungefähren und entfaltet das ganze Diana-Drama als Kammerspiel in einer ziemlich opulenten Kammer - dem königlichen Landsitz Sandringham House im englischen Norfolk, auf dessen Gelände sie als Tochter eines Earl of Spencer aufwuchs und in dessen endlosen Zimmern und Fluren die Royal Family 1991 Weihnachten verbringt. 

Der Film ist durch die strengen Rituale dieser Feiertage gegliedert - einer Materialschlacht aus Unmengen von Essen, sorgfältig komponierten Glamour-Outfits und vergifteten Geschenken (die Perlen, die Diana am Heiligabend bekommt, hat Charles offenbar auch schon Camilla geschenkt). Aus diesem Überfluss und der militärischen Präzision der Vorbereitungen generiert Larraín üppige Bilder, die teilweise an barocke Gemälde erinnern. Sie machen die Beklemmung spürbar, die die Ausstattungsorgie in Diana auslöst, die offenbar an einer Essstörung leidet und das Meiste der festlichen Speisen wieder in edle Kloschüsseln erbricht. Die Kammermusik wird unerträglich laut, die endlose Menge an Nahrung löst schon beim Anschauen Übelkeit aus, und in den chronisch schlecht geheizten Zimmern (ein arg deutlicher Hinweis auf die soziale Kälte der Familie) scheint es zu spuken. Das aufgewühlte Innenleben Dianas spiegelt sich in den Interieurs wider, in denen sich immer etwas zu verbergen scheint. Alles ist irgendwie zu viel, und genau das macht sich der Film zum Stilmittel und quält auch sein Publikum zuweilen mit Reizüberflutung. Schließlich wandelt sogar der Geist von Ann Boleyn (Amy Manson) durch die Gänge, eine englische Königin aus dem 16. Jahrhundert, die schließlich von ihrem Ehemann Henry VIII. geköpft wurde. Die aber - wie Diana immer wieder zu hören bekommt - auch dieses Schicksal in stiller Würde ertrug. 

Anders als die Serie "The Crown" interessiert sich "Spencer" fast überhaupt nicht für das Verhältnis der Familienmitglieder untereinander. Intrigen und Empfindlichkeiten sind lediglich Hintergrundrauschen des Films. Es dauert fast eine Stunde bis zur ersten, reichlich kühlen Unterhaltung zwischen Diana und ihrem Ehemann Prince Charles (Jack Farthing), die Queen (Stella Gonet) bleibt eine ständig von ihren Corgies umdackelte Karikatur. Diana, die von Kristen Stewart zwischen rehäugiger Verletzlichkeit und Anfällen von Trotz und Scharfzüngigkeit gespielt wird, bleibt größtenteils ihren persönlichen Dämonen überlassen. Die wenigen menschlichen Begegnungen finden (nicht ganz klischeefrei) mit ihren vor Liebe verzauberten Söhnen William und Harry statt. Auch im Kontakt mit dem Personal blitzen bei allem Pflichtbewusstsein Anflüge von Gutherzigkeit und im Fall ihrer Ankleidedame Maggie (Sally Fields) auch von Freundschaft auf.

Vom 90er-Kostümfilm zum bösen Traum in Alte-Meister-Optik

Die Stärke von "Spencer" ist, im Rahmen von wenigen Tagen und mit sparsamen erzählerischen Mitteln eine Enge spürbar zu machen, die ein Leben unter ständiger Überwachung und Beurteilung verursacht. Schon das Tauschen eines Outfits von einer geplanten Tageszeit zur anderen führt zum Eklat, die Vorhänge im Ankleidezimmer werden zugenäht, weil "die Fotografen überall sind" - eine Behauptung, die im Film nie verifiziert wird und auch ein Vorwand zum Einsperren sein könnte. Was Schutz ist, und was Schikane, wird zunehmend unklar. Immer wieder kippt die Handlung ins Fantastische, wird der 90er-Kostümfilm zum bösen Traum in Alte-Meister-Optik. 

Psychologisch ist das Drama dann aber doch etwas enttäuschend, denn viel mehr als die Schlussfolgerung, dass in Lady Di ein trauriges kleines Mädchen steckt, das sich nach Hause zu ihrem Vater sehnt, hat "Spencer" nicht anzubieten. Das ist nicht nur ziemlich einfach, sondern verniedlicht auch die reale Figur und zementiert ein Gut-Böse-Schema zwischen dem liebevollen Spencer-Haushalt und der kalten Königsfamilie. Dabei ist die Wirklichkeit in diesem Fall viel spannender: Diana kommt selbst aus adeligem Haus und ist in die Traditionen und restriktiven Verhaltenscodes buchstäblich hineingewachsen. In einigen Momenten wirkt die Prinzessin dann auch tatsächlich so klischeehaft hysterisch, wie sie zu Lebzeiten in der Klatschpresse oft beschrieben wurde. Dann trägt der Film eben nicht zur Differenzierung eines zur Projektionsfläche gewordenen Charakters bei, sondern bestätigt vielmehr Stereotype, die sowieso in der Öffentlichkeit herumgeistern. 

"Spencer" erlaubt seiner Diana aber auch Momente des Ausbruchs - und vielleicht sogar ein Mini-Happy-End. Doch der Film weist auch auf einen grundsätzlichen Widerspruch hin, der unseren Umgang mit öffentlichen Personen prägt und auch in der Debatte um den Auszug von Dianas Sohn Harry und seiner Frau Meghan aus dem Palastleben mitschwingt: Wir versuchen zunehmend, die permanenten Übergriffigkeiten zu reflektieren, die gerade Frauen im Rampenlicht ertragen müssen. Aber indem wir das tun, wiederholen wir die Geschichten dieser Übergriffigkeit immer wieder aufs Neue. Diana äußert im Film mehrmals den Wunsch, endlich in Ruhe gelassen zu werden. Aber dieser Wunsch wird ihr auch nach dem Tod nicht erfüllt. Offenbar können wir nicht aufhören, das Märchen vom traurigen Mädchen zu erzählen.