Vorfälle an Leipziger Kunsthochschule

"Ein Fall von außerordentlicher Brisanz"

Nach Beschwerden von Studierenden hat die Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst (HGB) ihren Typografie-Professor Ludovic Balland fristlos gekündigt. Hier sprechen Rektor Thomas Locher und Professor Benjamin Meyer-Krahmer über den Fall und die Konsequenzen


Ludovic Balland, dem ehemaligen Professor der Klasse für Typografie, wurde nach Beschwerden mehrerer Studierender fristlos gekündigt. Was können sie über Verlauf des Falls erzählen?

Thomas Locher: Es gab eine Reihe von Beschwerden aus der Klasse für Typografie, die Ludovic Balland geleitet hat. Diese Beschwerden wurden protokolliert und gingen dann von unserem Gleichstellungsbüro an die Hochschulleitung. Das war Ende Oktober 2020. Wir haben uns dann nach Absprache im Rektorat und Beratung mit einer Anwältin entschieden, den Kollegen zu entlassen. Ludovic Balland hat diese Kündigung angenommen, somit wurde sie rechtswirksam. Mehr können wir im Augenblick nicht sagen. Wir haben den Fall den Behörden übergeben und können, wie üblich in so einer Situation, keine Aussagen zu laufenden Verfahren machen.

Sie haben sich dazu entschlossen, den Fall proaktiv öffentlich zu thematisieren. Was versprechen Sie sich davon?

Thomas Locher: Wir haben zunächst begonnen, die Entscheidung innerhalb der Hochschule zu kommunizieren, dann aber festgestellt, dass das nicht genügt. Der Schritt in die Öffentlichkeit soll Transparenz markieren.

Benjamin Meyer-Krahmer: Es ist uns wichtig, dem öffentlichen Interesse an dem Thema gerecht zu werden, das es ja zum Glück gibt. Wir haben die Öffentlichkeit auch gesucht, um uns als Hochschule gegen jede Art von Machtmissbrauch zu positionieren. Dieses Signal ist uns wichtig, sowohl nach innen als auch nach außen. Der Schritt in die Öffentlichkeit soll unterstreichen, dass wir die Aufarbeitung des Falls ernst nehmen und uns damit beschäftigen, welche Veränderungen an der Hochschule notwendig sind, um zu verhindern, dass so etwas wieder passiert. Wir haben eine selbstkritische Analyse begonnen und beschäftigen uns neben strukturellen Fragen auch mit Atmosphäre und Kommunikation.

Thomas Locher: Ein wichtiger Punkt ist auch, dem Bedauern, dass diese Dinge überhaupt passieren konnten, öffentlich Ausdruck zu verleihen. Warum dieser Schritt eine Weile gebraucht hat, liegt neben einzuhaltenden Fristen daran, dass diese Situation für uns alle neu ist. Weder hatten wir schonmal eine fristlose Kündigung, noch einen Fall von dieser Brisanz.

Benjamin Meyer-Krahmer: Im Kontext von Musik- und Kunsthochschulen gab es in den letzten Jahren einige ähnliche Vorkommnisse - die Fälle unterscheiden sich, aber in ihrer Überschreitungstendenz haben sie eine gewisse Auffälligkeit. Dabei hat sich gezeigt, dass es nicht funktioniert, wenn die betroffenen Institutionen versuchen, solche Dinge allein zu regeln. Wir haben uns deshalb entschlossen, uns Expertise von außen zu holen.

Inwiefern?

Thomas Locher: Über eine Mediation, die wir in der Klasse für Typografie und für das Fachgebiet anbieten.

Benjamin Meyer-Krahmer: Das ist ein Prozess, der vor einigen Wochen begonnen hat. Wir haben zwei Mediatorinnen beauftragt, die erstmal mit der ehemaligen Klasse von Ludovic Balland sprechen. Die Studierenden haben damit zum ersten Mal die Möglichkeit, sich in einem sicheren Raum zu dem Geschehenen zu äußern. Das scheint nach allem, was ich davon höre, gut zu funktionieren und auch sehr wichtig zu sein. Der nächste Schritt ist, dass die Mediatorinnen mit den Lehrenden des Fachgebiets sprechen und versuchen, deren Perspektive besser zu verstehen. In einem weiteren Schritt sollen dann Studierende und Lehrende in ein gemeinsames Gespräch gebracht werden, um ein Verständnis dafür zu entwickeln, wie sich eine solche Situation über mehrere Jahre entwickeln konnte und wie man in Zukunft verhindern kann, dass es so weit kommt. Vor allem geht es aber auch darum, über Fragen wie Atmosphäre und Kommunikation gemeinsam zu sprechen und sich, wenn notwendig, über Veränderungen zu verständigen.

Was sind weitere Konsequenzen, die aus dem Vorfall gezogen werden? In Ihrer Pressemitteilung ist die Rede von einem "Weg der Aufklärung und Sensibilisierung". Wie soll der aussehen?

Benjamin Meyer-Krahmer: Es ist wichtig, dass wir uns nicht der Illusion hingeben, eine diskriminierungsfreie Institution schaffen zu können. Deshalb ist Sensibilisierung umso wichtiger – das Erlernen einer Sprache, mit der subtilere Formen von Diskriminierung benannt und adressiert werden können. Es gibt ein ganzes Bündel an Maßnahmen, die wir aktuell versuchen, gleichzeitig umzusetzen. Wir evaluieren unsere Beschwerdewege, um herauszufinden, ob es für Studierende anderer Möglichkeiten bedarf, sich zu äußern - anonym oder namentlich. Wir haben unser Gleichstellungsteam vergrößert. Es ist gut, dass unter diesen Personen auch wieder eine Studierende ist. Wir kümmern uns um externe Ansprechpersonen, an die sich Studierende wenden können. Das ist wichtig, gerade an einer Hochschule, an der sich alle kennen. Und wir arbeiten an einer neuen Richtlinie zu sexualisierter Diskriminierung und Gewalt.

Thomas Locher: An Hochschulen wird das Amt der Gleichstellungsbeauftragten in der Regel durch Beschäftigte der Hochschule besetzt. Das ist grundsätzlich natürlich auch gut, denn hier sollen die Angehörigen einer Hochschule vertreten werden. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter übernehmen diese Aufgabe zusätzlich zu ihren regulären Aufgaben, nur in seltenen Fällen verfügen sie auch über die entsprechende Expertise. Zu dem Thema gibt es mittlerweile qualifizierte Berufsbilder, und eigentlich bräuchten wir dafür eine eigene Stelle. Die Ressourcen unserer Hochschule sind sehr knapp und werden immer knapper. Darum ist der Schritt in die Öffentlichkeit auch ein Appell für mehr Unterstützung seitens der Politik.

Welche Resonanz haben Sie bislang aus der Lehre erfahren?

Thomas Locher: Die Entscheidung für die Kündigung musste vermittelt und erläutert werden, das braucht Zeit und viel Kommunikation. Es war wie gesagt das erste Mal, dass so etwas an unserer Hochschule geschehen ist und wir sind uns dessen bewusst, dass dies einen Einschnitt bedeutet. Dementsprechend hoch ist der Diskussions- und Gesprächsbedarf. Im Laufe der letzten Wochen und Monate hat sich viel getan und das Kollegium steht der Entscheidung positiv gegenüber. 

Aktuell sind 13 Ihrer 34 Professor:innen weiblich, diese Zahl soll erhöht werden – etwa, indem Sie die Berufungskommissionen zu 40 Prozent mit Kolleginnen besetzen. Achten Sie bei Berufungen darüber hinaus auch auf Intersektionalität?

Benjamin Meyer-Krahmer: Kunsthochschulen sind ziemlich elitäre Einrichtungen – sie zählen zu den Hochschulen, an denen der Anteil von Studierenden aus Nichtakademiker:innen-Haushalten am geringsten ist. All sowas spielt eine Rolle, und wenn wir das wirklich ernst nehmen wollen, müssen wir uns intersektional um race, class und gender kümmern – da haben wir in den nächsten Jahren noch einiges zu tun.

Thomas Locher: Zunächst haben wir ja auch in der reinen Genderfrage noch Nachholbedarf. Aber Sie haben Recht - darüber dürfen wir weitere Diversitätskategorien nicht vernachlässigen. Von 2020 bis 2024 tauschen wir ein Drittel der Professor:innen aus, und damit werden wir zu einer neuen Hochschule. Eine, die hoffentlich nicht nur jünger, sondern auch diverser wird.

Benjamin Meyer-Krahmer: Wir sind nach wie vor eine zu weiße, zu männliche, zu deutsche Hochschule. Wir bilden gesellschaftliche Veränderungen der letzten Jahrzehnte noch nicht ausreichend ab. Daran würde ich an der Stelle keinen Zweifel lassen. Andererseits sind wir mit diesem Problem unter den Hochschulen in Deutschland keine Ausnahme. Eine Veränderung dieser Situation bedarf neben Geduld auch viel Engagement und konkrete Maßnahmen. Ein Beispiel – wir haben gute Bewerbungen und die Hochschule ist bereits in einem Wandel begriffen, aber wir müssen was Personalgewinnung anbelangt noch aktiver werden. Auch die Hochschulleitung muss diverser werden: Vor Ihnen sitzen zwei Männer, die mit Ihnen über Gendergerechtigkeit sprechen. Wir bemühen uns, allies zu sein, trotzdem wirft das natürlich Fragen nach speaking for und speaking about auf. 

Hat Ludovic Ballands Verhalten nochmal ein konkretes Umdenken im Hinblick auf Personalbesetzung ausgelöst?

Benjamin Meyer-Krahmer: Es gab vor der Berufung von Ludovic Balland Äußerungen seitens HGB-Studierender, in denen sie die Integrität des Kandidaten bezweifelt und ihre Sorge gegenüber einer möglichen Berufung zum Ausdruck gebracht haben. Es ist wichtig, das nicht unter den Tisch zu kehren. Die Hochschule ist diesen Hinweisen nachgegangen, allerdings kamen keine belastbaren Informationen zum Vorschein. Dennoch: Ich würde hoffen, dass sich so eine Geschichte 2021 nicht wiederholen würde.

Herr Locher, Sie wurden 2017 Rektor, als #MeToo und #NotSurprised den Kunstdiskurs dominierten. War da ein Wandel zu spüren in der Hochschullandschaft?

Thomas Locher: Der Wandel war natürlich auch in den Hochschulen zu spüren. Gerechtigkeitsfragen hat es natürlich schon immer gegeben. Als ich an der Kunsthochschule studiert habe, gab es gar keine Professorinnen. Es hat Überschreitungen gegeben, die damals schon unerträglich waren – sie sind nur nicht thematisiert worden. Ich hoffe selbst noch auf Erkenntnisgewinn, weil es da einen immerwährenden Nachholbedarf gibt. Auch wenn die Fragen nicht neu sind: Wie man als Institution damit umgeht, hat sich geändert. 

In den vergangenen Jahren wurden mehrere Fälle von Machtmissbrauch an Kunsthochschulen publik. Hat das auch mit den besonderen Sozialdynamiken zwischen Lehrenden und Studierenden in diesen Institutionen zu tun?

Thomas Locher: An Kunst- und Musikhochschulen findet künstlerische Bildung in spezifischen Konstellationen statt: in Klassen, in kleineren Gruppen und Kursen, in Einzelkonsultationen. Diese Nähe zwischen Studierenden und Lehrenden erfordert einen besonderen gegenseitigen Respekt. Das Ausloten der eigenen Subjektivität bringt es mit sich, dass man Persönliches preisgibt. In dem Moment, wo dieses Verhältnis gestört ist, gibt es Konflikte. Das betrifft alle Formen des Miteinanders in allen Bereichen einer Hochschule.

Benjamin Meyer-Krahmer: Die Arbeit mit dem Persönlichen als Material macht verletzbar. Da können subtilere Formen des Vertrauensbruchs bereits eine viel größere Wirkung entfalten. Wir haben jetzt ein paar Jahrhunderte hinter uns, in denen wir sogenannten Genies viel zu viel haben durchgehen lassen. Ich höre immer noch Sprüche wie "die Studierenden müssen durch Abhärtung aufs Leben vorbereitet werden" – das kann einfach nicht sein.

Thomas Locher: Ein häufig artikulierter Satz ist auch: "Jetzt darf man ja gar nichts mehr sagen." Dann frage ich immer nach: "Was ist denn das, was Du so unbedingt sagen möchtest?" Darauf gibt es meist keine Antwort. Da werde ich ärgerlich. Aber es ist natürlich so: Die Kunst ist Teil der symbolischen Ordnung. Über Experimente, über die Frage, was sagbar ist, kann es zu Überschreitungen, auch zu extremen Artikulationen kommen. Eine Hochschule ist ein Erprobungsraum, wo das möglich sein muss. Aber eben nur so lange, wie es in diesem symbolischen Raum bleibt und nicht in den realen Raum übergeht. 

Benjamin Meyer-Krahmer: Wir möchten da auch unsere Verantwortung als Ausbildungsstätte für den Kunst- und Kulturbereich wahrnehmen. Wir sehen es als unsere Aufgabe, Studierende in einem selbstbewussten Umgang mit übergriffigem Verhalten, Diskriminierung und Machtmissbrauch zu stärken.

Das ist ein wichtiger Punkt: Studierende nicht auf die Härte und Ungerechtigkeit der Kunstwelt vorzubereiten, sondern sie dazu zu ermutigen, diese zu hinterfragen und kritisieren.  

Thomas Locher: Wir möchten vor allem, dass Studierende in diesem Beruf ihr Glück finden. Das geht im Übrigen auch ohne den ganz großen Durchbruch. Ich bin sehr gespannt, wie sich die Kunstwelt nach der Pandemie neu strukturiert und ob Gerechtigkeitsüberlegungen mehr Eingang in das System finden.