Die Monopol-Redaktion

Unterwegs im Ruhrgebiet

Auskommen mit dem, was da ist

07/30/2018 - 14:21

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Im Ruhrgebiet kommt man traditionellerweise ganz gut mit dem aus, was schon da ist. Das zeigt sich auf produktive Weise in der Kunstwelt. Elke Buhr war in Essen, Bochum und Dortmund unterwegs

Vier gelbe Striche auf grauem Beton ergeben ein Heim. Die Punks jedenfalls, die sich im Raucherbereich des Ankunftsgleises auf dem Dortmunder Hauptbahnhof gerade lachend ein Bier öffnen, sehen aus, als würden sie hier nicht nur sitzen, sondern wohnen. Es ist ungefähr 37 Grad warm, die jungen Menschen drumherum wollen noch schnell zum Juicy Beats Festival in den Westfalenpark, aber ich werde mich an diesem Abend in meiner alten Heimat Ruhrgebiet auf die Suche nach Kunst machen. Bei der Mutter in Bochum leihe ich mir erst einmal ein Auto aus, das bevorzugte Verkehrsmittel der Region. Autobahnauffahrten sind hier so häufig wie anderswo Straßenkreuzungen, und der so genannte Ruhrschnellweg zwischen Dortmund und Mülheim ist so etwas wie das Wohnzimmer der Anwohner – wobei man dort häufig so unbeweglich im Stau steht, als säße man auf dem heimischen Sofa.

Heute Abend aber geht es flüssig voran nach Essen in die Spichernstraße. Hier haben bis vor kurzem einige Künstler und Künstlerinnen um die Essenerin Phung-Tien Phan den Projektraum New Bretagne/Bel Air betrieben, heute Abend gibt es noch einmal eine Eröffnung auf der Dachterrasse eines Ateliers. Wobei Dachterrasse hier einfach ein Austritt von dem unsanierten Altbau auf das Dach des Schuppen nebenan meint. Man steht und sitzt entspannt auf der schwarzen Dachpappe herum, im Baum, der kühlend darüber ragt, sind wie Vögel silberne Scheinwerfer installiert, an den Backsteinmauern hängt sparsam Malerei sowie übergroße Erdnussskulpturen.

Dass sich im Ruhrgebiet plötzlich Projekträume gründen, hochoffiziell von der Kunststiftung NRW unterstützt, ist Teil eines Aufbruchs, zu dem auch Moritz Scheper gehört, der sich ebenfalls auf der Dachterrasse einfindet. Der gebürtige Essener ist im vergangenen Jahr von der Staatlichen Kunsthalle Baden-Baden ins Ruhrgebiet zurückgekehrt und hat den Neuen Essener Kunstverein N-E-K gegründet, der dem verschlafenen Kunstverein Ruhr, seit Menschengedenken von dem Direktor des Neuen Museums Weserburg Peter Friese als Nebenjob geleitet, produktive Konkurrenz machen will. Scheper zeigt ein dezidiert junges Programm und findet sein Publikum im Umfeld der Folkwang-Hochschule und auch der Düsseldorfer Kunstakademie. Jetzt, wo junge Künstler und Künstlerinnen sich Berlin nicht mehr leisten können und Wohnungen und Ateliers in Köln und Düsseldorf unerschwinglich werden, sieht er endlich eine realistische Chance, dass sich die Kunstszene im Ruhrgebiet entwickelt, auch jenseits der staatlich finanzierten Industrieruinen-zu-Kulturtempel-Programme, von dem die Off-Szene hier offenbar so allmählich die Nase voll hat.

Passenderweise begeht in diesem Jahr das Ruhrgebiet das offizielle Ende des Steinkohlebergbaus in der Region. Die RuhrKunstMuseen haben dafür unter dem Titel "Kunst & Kohle" eine kollektive Großanstrengung unternommen, mit 17 verschiedenen Ausstellungen zum Thema. Auf der Essener Dachterrasse empfiehlt der Stellvertretende Direktor des Folkwang Museums Hans-Jürgen Lechtreck, einen sommerlichen Strohhut auf dem Kopf, die Ausstellung von Andreas Golinski im Museum Bochum, die sich am nächsten Morgen wirklich als sehr gelungen erweist: Im Untergeschoss arbeitet sich Golinski in einer kuratorischen Unterweltreise durch pechschwarze Malerei von Pierre Soulages und Zeichnungen von Kandinsky, um im Obergeschoss in einer riesigen Stahlbox die technischen Utopien in ein graues Trümmerfeld zu überführen. Es ist ein Riss in allen Dingen: Wer im Ruhrgebiet wohnt, kennt das vom eigenen Treppenhaus, wenn sich im Erdreich untendrunter mal wieder was gesenkt hat. 

Doch erst mal geht es wieder auf den Ruhrschnellweg, diesmal in die Gegenrichtung: Oriane Durand, Direktorin des Dortmunder Kunstvereins, will mir in Dortmund ihre neue Ausstellung zeigen, die am nächsten Abend eröffnen soll. Die französische Kuratorin hat vorher am Kunstverein Nürnberg gearbeitet, am Ruhrgebiet fasziniert sie, dass das hier die direkteste Verkörperung der These vom Anthropozän ist, eine komplett durchgepflügte, aufgerissene, zerstörte und neu angelegte Industrie- und Stadtlandschaft, die um Meter absacken würde, würde man nicht ständig Wasser in die alten Stollen pumpen, und die trotzdem an vielen Ecken so wahnsinnig grün und idyllisch wirkt.

Der Dortmunder Kunstverein besetzt ein Erdgeschoss im "Dortmunder U", wo unter anderem auch das Museum am Ostwall und die Fachhochschule untergebracht sind und gemeinsam ein "Kreativzentrum" bilden müssen, wie es Stadtplaner so lieben. Auf dem Platz davor gestikuliert ein Haufen Rapper vor einem Haufen Protzautos lustig übertrieben und auf jeden Fall sehr kreativ in eine Kamera: Das soll wohl ein cooles HipHop-Video werden. Der Kunstverein ist komplett mit roter Folie zugeklebt – fast komplett: Kommt man näher, hört man leise Musik, durch ein paar Gucklöcher kann man hineinschauen. Drinnen stehen ein paar Gläser herum wie nach einer Party. Doch dann bewegt sich was: Ein durchscheinendes Glas spielt ganz allein Gläserrücken über einem Kreis von Buchstaben. Ein paar Schritte weiter erscheinen Hologramme einer Gruppe von Glasobjekten, die wie gut gelaunte Geister miteinander tanzen, zwei Hände und ein Glasdildo sind unauffällig darunter gemischt. Beim nächsten Gucklock haben zwei projizierte Glasobjekte ganz offensichtlich Sex miteinander. P-A-N-T-S-D-O-W-N heißt die filmisch so raffinierte wie lustige Installation, die Nicola Gördes, Stella Rossié, Paul Spengemann und Gerrit Frohne-Brinkman gemeinsam entwickelt haben und die nur nachts und nur von außen zu sehen sein wird: die perfekte Sommerausstellung.

Die Nacht ist immer noch warm, langsam beginnen die Leute, auffällig oft zum Himmel zu schauen: Ach ja, es ist ja Mondfinsternis. Zu Hause auf der Terrasse ist der Mond dann aber gar nicht dort zu sehen, wo die Mutter ihn vermutet, und auch sonst nirgendwo. Eine ihrer Freundinnen schickt ein Bild, auf dem der Mond aussieht wie eine Paprikasalami. Ach nein, es ist eine Paprikasalami. In diesen Breiten ist man immer schon ganz gut damit ausgekommen, was da war.