Anika Meier

Studie

Künstlerinnen in Zeiten sozialer Medien

02/02/2018 - 11:05

Eine neue Studie zeigt, dass Frauen in der Kunst im Vergleich zu Männern noch immer stark benachteiligt sind. Was hat sich durch die sozialen Medien geändert?

Die Guerrilla Girls fragten in den 80ern, ob Frauen nackt sein müssen, um ins Museum zu kommen. Bei einer ihrer Schniedelzählungen ("weenie counts") im Metropolitan Museum fanden sie heraus, dass nur 5 Prozent der Künstler in der Abteilung für Moderne weiblich waren, während 85 Prozent der Akte Frauen zeigten. Vor einigen Jahren zählten sie noch einmal nach. Jetzt waren es nur noch 4 Prozent, dafür gab es plötzlich mehr männliche Akte. Vielleicht müssen also zuerst mehr Männer nackt ins Museum, bevor es dort mehr Künstlerinnen gibt, scherzen die Guerrilla Girls gerne mal.

Seit den 80er-Jahren machen die Guerrilla Girls, eine Gruppe anonymer amerikanischer Künstlerinnen, auf Ungerechtigkeiten im Kunstbetrieb aufmerksam. Es gab damals in New York zu wenige Ausstellungen von Frauen und nicht-weißen Künstlern. Heute tragen sie immer noch ihre Gorilla-Masken, um unerkannt zu bleiben, und weil man sich mit einer Maske vor dem Gesicht traut Dinge zu sagen, die man sonst nicht aussprechen würde. Aktuell ist in der Kestnergesellschaft in Hannover unter dem Titel "The Art of Behaving Badly" ihre erste institutionelle Einzelausstellung in Deutschland zu sehen.

 

An den weißen Museumswänden wirken die Plakate bisweilen etwas verloren, aber sie zeugen von einer Zeit, in der das Plakat ein wirkmächtiges Medium war. Das ist es auch heute noch, wenn man sich beispielsweise die Plakataktionen von Wolfgang Tillmans ansieht. Nur setzt der eben auch auf die sozialen Medien, in denen sich seine Plakate viral verbreiten. Jetzt kann man sich natürlich vortrefflich darüber streiten, was das noch bringt, wenn die Botschaft im schlimmsten Fall in der eigenen Filterblase versickert und sich eh alle über den Inhalt des Gesagten einig sind.

Bei den Guerrilla Girls ist derweil alles, wie es immer war. Das könnte erfreulich sein, weil man sich eine Kunstwelt ohne Guerrilla Girls gar nicht mehr recht vorstellen kann. Nur tragen sie eben ihre Gorilla-Masken, machen Plakate und zählen Schniedel so lange, bis sich die Sache beispielsweise mit der Ungleichheit zwischen Männern und Frauen im Kunstbetrieb erledigt hat. Eine kürzlich von "artnet Analytics" und der Maastricht University veröffentlichte Studie deutet sehr stark darauf hin, dass die Guerrilla Girls noch viele Jahre unter ihren Gummimasken schwitzen müssen. Untersucht wurden 2,7 Millionen Auktionsresultate aus den letzten 17 Jahren (Details zur Studie hier), das Ergebnis: Künstlerinnen sind im Vergleich zu Männern stark benachteiligt. So sind beispielsweise nur 13,7 Prozent der von Galerien in Europa und Amerika vertretenen lebenden Künstler weiblich.

Die Studie basiert auf Daten von "artnet" und folgt dem klassischen Karriereweg: Art School, Galerie und dann irgendwann Bäm! – oder eben nicht. In den vergangenen 17 Jahren kamen aber auch die sozialen Medien hinzu und damit die Möglichkeit, die eigene Arbeit zeigen zu können, ohne zunächst institutionelle Hürden nehmen zu müssen. Die kanadische Fotografin Petra Collins beispielsweise sagt sehr deutlich, dass sie es wegen des Internets geschafft habe und dass sie wenig Interesse daran habe, elitäre Kunst zu schaffen, weil das nicht verändern würde, wie Menschen die Welt sehen. Deshalb macht sie beides: Kunst und Mode. Auf Instagram hat sie mittlerweile über 700.000 Follower, für Gucci hat sie gerade eine weitere Kampagne fotografiert, süße Hunde, und mit "Coming of Age" kürzlich ein Buch veröffentlicht, das den weiblichen Blick der Generation Social Media zeigt – wenn man mit einigen Schlagworten um sich werfen möchte.

 

Collins ist damit nicht allein. Es gibt eine ganze Reihe junger Künstlerinnen, die aufgrund ihrer Reichweite in den sozialen Medien von Unternehmen in Kampagnen einbezogen werden. Die schwedische Fotografin Arvida Byström mit 247.000 Followern beispielsweise von Gucci und Adidas, die amerikanische Künstlerin Signe Pierce, 57.500 Follower, ebenfalls von Adidas.

from the @adidasoriginals shoot u can hear the in the background

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Interessant wäre also eine Studie, die genau das in den Blick nimmt: Was hat sich für junge Künstler durch die sozialen Medien verändert? Werden Künstler mit einer hohen Reichweite in den sozialen Medien beispielsweise eher von Galerien unter Vertrag genommen? Und langfristig gesehen: Ist Erfolg auf dem Kunstmarkt überhaupt möglich, wenn der Künstler auch Influencer ist, sich ganz offensiv zwischen Kunst und Kommerz bewegt und das Werk vermeintlich in den sozialen Medien zu finden ist?