Anika Meier

Ren Hang in Leipzig

Ein Riss in jedem Herzen

12/20/2017 - 11:43

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Mit Ren Hang verlor die Kunstwelt 2017 einen Fotografen, der die Jugend in China so zeigt, wie sie gesehen werden will: frei, schön und mutig. In Leipzig ist die erste Einzelausstellung nach seinem frühen Freitod zu sehen

"Am 24. Februar 2017 entschied sich Ren Hang, Fotograf und Dichter, sein Leben im Alter von 29 Jahren in Peking zu beenden." Das steht als letzter Eintrag auf seiner Website geschrieben. Seine Bilder haben nicht nur ein Nachleben in den Sozialen Medien, aber dort haben sie es besonders schwer. Wer eins seiner etwas expliziteren Bilder postet, schließt meist gleich eine Wette mit ab, wie lange es dauern wird, bis Instagram löscht.


Und fast genauso vorhersehbar folgt von irgendwem der Kommentar: "chinesische Verhältnisse". In China, wo er lebte und arbeitete, wurden seine Ausstellungen verboten und er mehrmals inhaftiert. Der Sex und die nackten Körper sind das Problem, in China und in den sozialen Medien. Ren Hang rebellierte gegen die Verhältnisse in seinem Land, ein anderer Rebell, Ai Weiwei unterstützte ihn. Er selbst aber war bescheiden und redete klein, was seine Kunst konnte: "I don’t really view my work as taboo, because I don’t think so much in cultural context, or political context. I don't intentionally push boundaries. I just do what I do." So lautet das wohl bekannteste Zitat von ihm. Er machte einfach, und er machte immer weiter, obwohl die chinesische Regierung versuchte, ihm Grenzen zu setzen.

Auf Instagram war er etwas vorsichtiger, über die entscheidenden Stellen legte er schwarze Balken, weil er wusste, wie wichtig es für ihn war, seine Bilder auf diesem Weg hinaus in die Welt zu tragen. Ihm folgen dort noch immer 288.000 Menschen, obwohl klar ist, so auch hier das letzte Statement seiner Familie, dass alle Projekte pausieren. Es scheint fast ein Glücksfall zu sein, dass im Museum der bildenden Künste Leipzig jetzt eine Einzelausstellung von ihm zu sehen ist – die erste nach seinem Tod.


Man muss bis ganz hinauf, bis in das oberste Stockwerk des Museums und dann noch einmal rechts abbiegen, bis man vor seinen Werken steht und von seinen Bildern und Worten umschlungen wird wie die Modelle in seinen Arbeiten von Tieren und Gliedmaßen. Ren Hang wusste, dass es weitere Ausstellungen geben wird. Denn er hat zugestimmt, dass im Anschluss an die Ausstellung in der Wiener Galerie Ostlicht seine Fotografien nicht wie sonst üblich zerstört werden.

"Das ist das einzige autorisierte Ausstellungsset, das existiert", erklärt der Kurator Alfred Weidinger. Und da hängt es jetzt also an den Wänden in Leipzig, man selbst steht mittendrin, in diesem Meer aus Körpern, Posen und Tieren. Ren Hang selbst kommt viel zu Wort. "Everyone has a hole in their heart." Das Datum, der 16. April 2012. "I hear the music. Why is it so sad?" Vom 24. September 2015. "I was always alone, silent, secretly imitating people’s lives." 19. Mai 2015.

Ren Hang war depressiv, auf seiner Website schrieb er darüber. "My Depression" heißt es dort, als wäre die Depression etwas, das eben zu ihm gehört. Ende Februar, kurz vor seinem 30. Geburtstag, sprang er vom 28. Stock eines Gebäudes in Peking.

Seine Bilder zeigen den Ren Hang, der nicht alleine war. Seine Modelle waren meist Freunde, später auch Fans, Fremde fotografierte er ungern, sie machten ihn nervös. Er fotografierte sie mit einer analogen Kamera auf Dächern, in Parks und in Wohnungen, Schlangen winden sich um ihre Körper, Schmetterlinge fliegen um sie herum, Pfauen, Schwäne und Tauben gab er ihnen in die Hand. Seine Modelle zeigen und verdecken Körperöffnungen, nichts scheint wichtiger und gleichzeitig egaler zu sein als Erotik und Sexualität, weil es eben auch um Formen, Farben, Kontraste und Bewegungen geht.

"I don’t want others having the impression that Chinese people are robots with no cocks or pussies", sagte er, "or they do have sexual genitals but always keep them as some secret treasures. I want to say that our cocks and pussies are not embarrassing at all."

Auch diese Sätze von ihm werden häufig zitiert. Und dann sind da eben immer wieder die erigierten Penisse, weshalb sein Werk auch als Softporn gilt. Deshalb muss man wohl nach der kurz vor seinem Tod erschienenen Monografie im Fotobuchladen in der Schmuddelecke suchen. Auf die Frage, warum es bei ihm nur große, erigierte Penisse zu sehen gibt, antwortete er: "Ein Penis ist hässlich, wenn er schlaff ist. Nur wenn er steif ist, spürst du seine Existenz." Und große Penisse, die findet er schöner.

Mit Ren Hang verlor die Kunstwelt 2017 einen Fotografen, der die Jugend in China so zeigt, wie sie gesehen werden will. Frei, schön und mutig. Er veröffentlichte 16 Magazine und Monografien, die Ausstellung in Leipzig ist hoffentlich nur der Anfang von dem, was weiterhin von ihm zu sehen sein wird. Seine Mutter hält das Archiv noch unter Verschluss, der Schau in Leipzig hat sie zugestimmt. "Nach dem Tod ihres Sohnes hat sie sich zurückgezogen", sagt Weidinger, "die Familie nimmt sich Zeit für ihre Trauer."

"Ren Hang", Museum der bildenden Künste, Leipzig, bis 7. Januar. Ende Januar erscheint der Katalog zur Ausstellung.