Anna Gien

Das wird schon

Tuscheln mit Michel Würthle

09/20/2018 - 15:33

Ich liebe Charlottenburg. Für die alten Damen mit den fleischfarbenen Strumpfhosen, die geschmeidig dahintippelnden Swarovski-Hündchen, das Wohlstandsgrün der kleinen Tischdecken zwischen den vollgestopften Auslagen bei Rogacki, die sanfte Ruhe der Werbeplakate für Privatpraxen ästhetischer Chirurgie auf dem Ku’damm und für die Paris Bar.

Ja, für die Paris Bar.

Ich weiß, dass ich die Paris Bar eigentlich hassen müsste. Da sitzen die meiste Zeit eingewachsene, alte Herren in – viel zu jugendlichen – Maßanzügen herum, die den Frauen, mit denen sie da sind, nicht richtig zuhören, urprollige, Le-Pliage-behangene Grüppchen, die ungestüm ihr Halbwissen über die weißen Tischdecken hinweg proklamieren oder seichte Intellektualitäten in ihre Bouillabaisse brabbeln. Ich weiß. Ich weiß. Ich kann aber einfach nicht anders. Etwas an diesem Ort finde ich wirklich hinreißend.

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Die Monopol-Redaktion

Various Others in München

Wer reinkommt, ist drin

09/17/2018 - 16:50

Junge Galeristen wollen den Kunststandort München über die Stadtgrenzen bekannter machen. Das Rezept: Internationale Kooperationen und ein neues Galerienwochende. Ein Bericht

"Mir kommt es ein bisschen so vor, als ob Sie hier mit Papas Mercedes vorfahren", sagte die Galeristin Gudrun Spielvogel zu Johannes Sperling in einem Streitgespräch, das die Münchner "Abendzeitung" abgedruckt hat. Sperling gehört zu den Mitorganisatoren von Various Others, dem Galerienwochenende in München. Eigentlich müsste man genauer sagen, einem Galerienwochenende. Denn in der bayerischen Hauptstadt gibt es außerdem noch die Open Art. 

Sperling, junger Galerist, gründete den "Verein zur Förderung der Außenwirkung Münchens als Kunststandort", und damit hänge er sich an die Open Art, findet Spielvogel. Daher der Mercedes-Vergleich. "Im Grunde ist alles schon da", sagt sie. Damit meint sie: die Infrastrukturen, die Sammler. 

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Anne Waak

Elementarteilchen

Der beste Entertainer der Gegenwart, neue Musik und Bauhaus-Mode

09/11/2018 - 16:59

Anne Waak beobachtet Menschen, Waren und das, was zwischen ihnen passiert. Als Kolumnistin hat sie Objekte von Designern, neue Orte Fundstücke und die Zukunft im Blick

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Die Monopol-Redaktion

Filmfestival Venedig

In der Endlosschleife

09/06/2018 - 13:20

Monopol-Redakteur Jens Hinrichsen reiht sich in venezianische Kinoschlangen ein, grummelt angesichts von Überlängen und lobt einen unterschätzten Massenchoreographen

Der beste Regisseur dieser Mostra ist zweifellos Umberto. Cecil B. DeMille würde keine überzeugenderen Massenszenen hinbekommen. Umberto heißt er wahrscheinlich gar nicht. Den Namen habe ich mir ausgedacht, aber wie Umberto wirklich heißt, ist ja egal: Dieser Mann hat Format, Größe, er ist ein Künstler. Fantastisch, wie Umberto mit natürlicher Autorität und kräftiger Stimme die Journalistenmenge vor dem Sala Grande dirigiert. Ohne Umberto würde das Chaos ausbrechen. Dank ihm wissen wir, in welche Schlange wir uns einreihen müssen. Er schickt die Fachbesucher mit roten, blauen oder grünen Marken in verschiedene Warteschlangen. Und er sorgt dafür, dass die Schlangen sich wirklich schlängeln, weil neben dem größten Kino am Lido nur beschränkt Platz ist. Ohne Umberto wäre für Passanten kein Durchkommen.

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Die Monopol-Redaktion

Unterwegs in Kopenhagen

Demokratie und Geschäft

09/03/2018 - 13:55

Am Wochenende fand zum dritten Mal die Code Art Fair in Kopenhagen statt. Ein Rundgang über die Messe und in der dänischen Hauptstadt

Das Messezentrum liegt wie eine kleine Satellitenstadt vor dem Stadtzentrum Kopenhagens, und die Fläche der Code Art Fair ist überschaubar: Die Verkaufsschau bedeckt gerade einmal das Erdgeschoss einer Halle. Dehydriert, weil man vergisst, etwas anderes zu trinken als Schaumwein und Kaffee, verengt sich die Wahrnehmung auf das, was da an den weißen Stellwänden hängt oder davor steht. 

Ganz vergessen lässt sich der Rest der Welt jedoch nicht, weil die Politik ihren Weg in den Kunstbetrieb findet, in den letzten Wochen mehr als sonst. Daniela Steinfeld von der Düsseldorfer Galerie Van Horn sagt zumindest, wenn man sie fragt, ob jemand mit antidemokratischen Ansichten überhaupt Kunst machen könne, das sei ja überhaupt nicht möglich. Denn, so Steinfeld, die Freiheit, Kunst machen zu können, und es dann auch zu tun, sei schon ein Bekenntnis zur Demokratie. 

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Anika Meier

Instagram-Projekt "Too Tired"

Zu müde für Selbstinszenierungen

08/31/2018 - 18:10

Auf Instagram grassiert bekanntlich der Selbstinszenierungswahn. Abstinenz von der Plattform ist eine Möglichkeit, Aktivismus eine andere. Das Projekt "Too Tired" will eine Anlaufstelle für Menschen sein, die Depressionen fotografisch verarbeiten

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Anika Meier

Debatte

#DieKanon

08/27/2018 - 16:30

Ein Bildungskanon der "Zeit" führt zu Diskussionen im Netz und zum so genannten #dieKanon, einem weiblich besetzten Kanon. Ein Kommentar

Die Vorgänge sind schnell zusammengefasst: Ein Mann entscheidet "Wir brauchen einen neuen Kanon". Den schreibt er dann auch gleich selbst und entscheidet außerdem, dass sein Kanon am besten mit ganz vielen Männern auskommt. Logisch, ganz viele Frauen sind da nicht bei ihm und den anderen Männern und erstellen in wenigen Tagen einen noch neueren, ausschließlich weiblich besetzten Kanon. Der Kanon von Thomas Kerstan ist in der "Zeit" Mitte August erschienen, #dieKanon von Sibylle Berg und zehn weiteren Frauen wenige Tage später auf "Spiegel Online" und "Watson".

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Anne Waak

Ästhetik des Alltags

Elementarteilchen

08/17/2018 - 13:00

Anne Waak beobachtet Menschen, Waren und das, was zwischen ihnen passiert. Als Kolumnistin hat sie Objekte von Designern, neue Orte Fundstücke und die Zukunft im Blick

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Anna Gien

Scheitern mit Christian Jankowski

I’m the Über-Loser, Baby!

08/08/2018 - 13:15

Christian Jankowski ist der zweitbeste Künstler Deutschlands. Das Scheitern ist für ihn irgendwo auf dem Weg nach oben zum Ursprungsmythos seiner Karriere geworden. Monopol-Kolumnistin Anna Gien hat mit ihm über Scham, Erfolg und Männersachen gesprochen

Im Prenzlauer Berg gibt es einen Laden, der "School of Life" heißt. Da liegen Bücher, T-Shirts mit motivational quotes, außerdem veranstalten sie dort Seminare und Workshops, bei denen man etwas übers Leben lernen kann. Die Corporate Identity des Ladens ist serifenlos und sonnengelb, was das Ganze mehr nach Outdoorbekleidungsshop als nach esoterischem Selbsthilfegebimmel aussehen lässt. Ein Buch liegt ganz vorne in der Auslage: "How To Fail - The Self-Hurt Guide". Vom Titel grinst ein gelber Smiley.

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Anika Meier

Bilder und Klischees

Was die Fotografie heute noch taugt

08/05/2018 - 20:39

Die sozialen Medien bringen die Fotografie in eine Krise, wird oft behauptet. Dabei muss man sich nur in aktuellen Ausstellungen umsehen, um zu einem anderen Befund zu kommen

Auf meinem Notizzettel zu diesem Text steht in großen Buchstaben das Wort "PENIS", daneben der Name des Fotografen Juergen Teller. Man kann sich tatsächlich über diesen und jenen Penis wundern. Zum Beispiel über den von Lars Eidinger. Der Schauspieler darf wie ein kleiner Bub mit seinem Penis auf Instagram herumalbern, während sogar übervorsichtigste Fotos von Künstlerinnen, die ein bisschen Brust zeigen, wegen Anstößigkeit gelöscht werden. So eine Protzerei mit dem "Rohr" – der Witz ist nicht von mir, sondern von Bienchen387 oder so ähnlich – macht 6.170 Likes. 

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Die Monopol-Redaktion

Wagner-Festspiele

Surreales Bayreuth mit Neo Rauch und Rosa Loy

08/05/2018 - 20:23

Eindrücke von den Richard-Wagner-Festspielen in Bayreuth: Uwe Eric Laufenbergs "Parsifal" läuft im dritten Jahr, Neo Rauch und Rosa Loy haben sich "Lohengrin" atemberaubend ausgemalt

Der Glaube lebt, die Taube schwebt? Ach was, stattdessen flattert eine Fledermaus durch das Finale des "Parsifal". Das Tier hat sich offenbar ins Bayreuther Festspielhaus verirrt, passt aber gut in Uwe Eric Laufenbergs Inszenierung. In seiner Regie von Richard Wagners Abschiedswerk leistet die Gralsgesellschaft von Anfang an Flüchtlingshilfe. Am Ende tanzt eine Multikulti-Gesellschaft durch prasselnden Bühnenregen, Riesenpflanzen wachsen wild durcheinander. Und diverse Gläubige werfen ihre Kultgegenstände in einen Sarg. Weg mit Menora, Kruzifix oder Gebetskette. Mitleid verbindet alle Religionen. So verbrüdert sich der "Parsifal"-Chor am Ende auf der offenen Hinterbühne.

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