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Kulturerbe 2021 - Erlesene Facetten in Thüringen

Ein vielfältiges Dialogprogramm rund um neun Jahrhunderte jüdischen Lebens in Thüringen: Zu entdecken sind eine lange und wechselvolle Geschichte und eine lebendige und bunte Gegenwart

Es gibt Momente, in denen ist die Geschichte zum Greifen nah. So war das an jenem Tag im Jahr 1998, als ein Bauarbeiter in der Erfurter Michaelisstraße ein Stück Metall aus dem Boden zog. Es entpuppte sich als Teil eines über 600 Jahre alten Schatzes, der höchstwahrscheinlich dem jüdischen Bankier Kalman von Wiehe gehört hatte. Mitte des 14. Jahrhunderts hatte die Pest die Handelsstadt Erfurt erfasst, die Schuld wurde der jüdischen Bevölkerung gegeben – aus Angst vor dem Pogrom wurden Silbermünzen, Schmuckstücke und andere wertvolle Gegenstände vergraben. Heute ist dieser Erfurter Schatz eine eindrucksvolle Erinnerung an das blühende jüdische Leben in Thüringen im Mittelalter. Wertvollstes Stück dieses Fundes ist der Hochzeitsring aus Gold mit dem eingravierten Glückwunsch „Masel tov“. Weltweit sind nur drei mittelalterliche Hochzeitsringe wie dieser bekannt.

Die Alte Synagoge Erfurt

Neben vielen anderen Exponaten aus der Geschichte der Juden in Thüringen kann man diesen Hochzeitsring in einem Museum besichtigen, das selbst ein Ausstellungsstück ist. Die Alte Synagoge Erfurt ist der am besten erhaltene Synagogenbau mit Bauspuren aus dem 11. Jahrhundert in Mitteleuropa. Sie überlebte die Jahrhunderte und die Zerstörungen des Nationalsozialismus, weil sie erst als Lagerhaus und im 20. Jahrhundert als Tanzsaal und Gaststätte diente – die ursprüngliche Funktion des Gebäudes wurde erst in den 1990er-Jahren wiederentdeckt. Heute beherbergt die Alte Synagoge Erfurt neben dem Erfurter Schatz ausgewählte Handschriften der mittelalterlichen jüdischen Gemeinde und eine Dokumentation ihrer eigenen wechselvollen Baugeschichte. Ein weiteres Zeugnis mittelalterlichen jüdischen Lebens ist mittlerweile bei touristischen Führungen in Erfurt zu erleben: die Reste einer Mikwe, eines Ritualbades, das 2007 ganz zentral am Ufer der Gera im mittelalterlichen jüdischen Quartier gefunden wurden. 

Kulturerbe entdecken 

Gemeinsam erinnern, gemeinsam feiern – der Freistaat stellt dies in den Fokus des Jubiläumsjahres 2021. Ganz Deutschland begeht 2021 ein Jahr des Zusammenlebens: Vor 1700 Jahren wurde in einem kaiserlichen Edikt in Köln erstmals jüdisches Leben in Deutschland urkundlich belegt. Und in Thüringen blickt man auf etwa neun Jahrhunderte gemeinsame Geschichte zurück. Die lebendige Gegenwart jüdischen Lebens unterstreicht in diesem Jahr ein Programm herausragender Musikevents und Ausstellungen, im Austausch mit einer Gemeinde, die den Dialog pflegt. 

Einer der Höhepunkte: die ACHAVA Festspiele, die ab Mitte September mit Gesprächsreihen, Konzerten und der Verleihung des renommierten ACHAVA Jazz Awards in verschiedenen Städten Thüringens stattfinden, dicht gefolgt von den Thüringer Tagen der jüdisch-israelischen Kultur, die ab Ende Oktober zahlreiche Vorträge, Events und Ausstellungen bieten. Wer noch tiefer in die jüdische Kultur einsteigen will, kann dies im Juli und August beim Yiddish Summer Weimar bei Musikworkshops oder Jiddischkursen tun. 

Diese etablierten Festivals werden 2021 Teil eines größeren Programms in ganz Thüringen. Zu erleben sind Konzerte jüdischer Musik in christlichen Kirchen im Weimarer Land oder auch eine Präsentation wertvoller hebräischer Drucke und Schriften aus dem Mittelalter in der Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek Jena. Eine Ausstellung im Lutherhaus Eisenach setzt sich mit dem Antisemitismus in der Geschichte der evangelischen Kirche auseinander, und im Archiv der Lippmann+Rau-Stiftung in Eisenach kann man in die Welt der jüdischen Jazz- und Popmusik eintauchen, von Bob Dylan bis Amy Winehouse.