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11 Kunst-Filme, die sich jetzt lohnen

Performance von Kia LaBeija bei der Performa 2019 
Foto: Julieta Cervantes

Performance von Kia LaBeija bei der Performa 2019 

Unsere Filme der Woche erinnern an Performance-Kunst ohne Abstand, sorgen sich um den Zustand von Kunstschätzen in Museumsdepots und treffen die Königin der Street-Art-Fotografie


Performa like it's 2019

Im November 2019, als in New York das Kunst-Festival Performa stattfand, hatte noch niemand von einem Virus mit der Bezeichnung Sars-Cov-2 gehört. Und so zählt die Performa, für die bekannte internationale Künstlerinnen und Künstler neue Werke geschaffen haben, zu den letzten großen Live-Kunstevents, die vor den Pandemie-Lockdowns ohne jegliche Abstandsregeln stattgefunden hat. Inzwischen betreibt das Festival auch einen ambitionierten Online-Kanal, auf dem Videokunst auf "Heavy Rotation" zu sehen ist. Das besondere ist, dass die Werke nicht on-demand, sondern in Dauerschleife laufen, sodass man immer wieder einschalten oder zu festen Uhrzeiten bestimmte Filme erwischen kann.

Derzeit stehen die Videodokumentationen der Performances von 2019 online - die aufgrund der Nähe zwischen den Performern und dem dichtgedrängten Publikum aus einer anderen Zeit zu stammen scheinen. Konzept der Performa ist es, Künstlerinnen und Künstler, die vorher nicht unbedingt im Medium Performance gearbeitet haben, zu Live-Aufführungen zu animieren. Zu sehen sind unter anderem eine Geisterbeschwörung von Korakrit Arunanondchai und Boychild, eine opulente Kunstoper von Samson Young und Kija LaBeijas schwarze und queere Adaption von Oskar Schlemmers "Triadischem Ballett".

"Encore: Performa 19 Commissions On Film", Performa Radical Broadcast, bis 1. August

Samson Young "The Immortals", Performa 2019
Foto: Eian-Kantor

Samson Young "The Immortals", Performa 2019


Retrospektive auf dem Bildschirm

Auf der Website des Hauses am Waldsee sind noch bis zum 8. Juni Filme des Künstlerduos Fischer & El Sani zu sehen. Neun Werke aus 25 Jahren hat Waldsee-Chefin Katja Blomberg ausgewählt, sieben davon stehen noch aus, jeden Mittwoch wechselt das Programm. Nina Fischer, 1965 in Emden geboren, und Maroan el Sani, der 1966 in Duisburg zur Welt kam, trafen sich Anfang der 1990er in Berlin: Eine Stadt, die sich in Turbogeschwindigkeit wandelte. Kein Wunder, dass die Gemeinschaftswerke der beiden von Anfang an um Orte und Identitäten kreisen, die sich transformieren. Der Palast der Republik wurde abgerissen, das Berliner Stadtschloss wieder aufgebaut.

Ausgehend vom Schloss und der deutschen Kolonialvergangenheit entwickelten Fischer & El Sani 2015 den Knetfigurenfilm "Der Dreisatz der Identität", der bis 27. April abrufbar ist. In Zeiten einer neu entflammten Raubkunstdebatte – speziell um die Benin-Bronzen im bald eröffnenden Humboldt-Forum – ist der Animationsfilm von besonderer Brisanz. Da kreuzen sich die Wege von Flüchtenden aus "Elitien" und "Despotien". Am Ende treffen sie sich in einem Modell des Stadtschlosses (aus Fischer/Sanis Installation "Concrete Castle" von 2014) wieder – eine Ruine, in der sich die Marginalisierten an offenen Feuern wärmen.

Eine ausführliche Besprechung der Filme lesen Sie hier.

Filme von Fischer & El Sani, Haus am Waldsee online, wechselndes Programm bis 8. Juni

Fischer & el Sani, Palast der Republik 2009_Südseite, 2009
Foto: © Fischer & El Sani, VG Bild-Kunst, Bonn 2021

Fischer & el Sani "Palast der Republik 2009_Südseite" (Filmstill), 2009


Kunstschätze in Gefahr 

Wenn man sich fragt, an welchem Ort Kunstwerke am sichersten sind, landet man - trotz einiger spektakulärer Fälle von Diebstahl und Vandalismus - ziemlich schnell bei Museen. Doch auch dort ist beiweitem nicht alles gesichert und wohltemperiert. Von den oft riesigen Objekt-Beständen in deutschen Sammlungen wird nur ein Bruchteil gezeigt, die überwiegende Mehrheit lagert in Museumsdepots. Dass die Bedingungen dort alles andere als ideal sind, zeigt die Dokumentation "Bedrohte Schätze im Museum" von Frank Vorpahl.

Dort wird der massive Überschuss an Artefakten in westlichen Museen als Ergebnis einer kolonialen Sammelwut interpretiert. Diese führte dazu, dass die Ressourcen fehlen, um die Objekte angemessen zu pflegen - in der Dokumentation, in der Vorpahl Museumsleute und Experten zu Wort kommen lässt, ist unter anderem die Rede von Feuchtigkeit und Schädlingsbefall. 

Diese Befunde sind besonders brisant, weil schlechte Lagerungsbedingungen in Deutschland die Frage noch drängender machen, warum beim Thema Restitution von Kunstwerken an Herkunftsgesellschaften immer noch so stark gemauert wird. Auch dieses Thema greift der Film auf - und versucht aufzuzeigen, wie alle Seiten von mehr Kollaboration und Transparenz profitieren können.

"Bedrohte Schätze im Depot", 3-Sat-Mediathek, bis 28. November 

Der Ethnologe Andreas Schlothauer 
Foto: Courtesy ZDF und Jürgen Dombrowski

Der Ethnologe Andreas Schlothauer 


Roboter auf Selbstfindungstrip

Die fühlende Maschine, das ist ein uralter Topos. Meistens scheitern liebende Roboter und traurige Androiden an den Menschen, die Maschinen keine Gefühle zugestehen, aus Angst, dadurch die letzte Unterscheidung zu verlieren. Es ist also verständlich, dass sich in dem einstündigen Film "Electrorama" die beiden Figuren Hero Robot No. 1 und Hero Robot No. 2 aufmachen, um Menschen zu werden.

In dem leicht prätentiösen, aber bildgewaltigen Road-Movie des französischen Elektoduos Daft Punk aus dem Jahr 2006 kommen Mensch und Roboter sich natürlich näher. Die dramatischen Schlussszenen benutzten die beiden Musiker, die sich selbst den größten Teil ihrer Karriere als genau jene Roboter inszenierten, vor einigen Wochen dazu, um ihre Trennung nach 28 Jahren bekanntzugeben. "Electrorama" ist Popkunst auf hohem Niveau und hat nur einen entscheidenden Fehler: Der Soundtrack kommt nicht von Daft Punk selbst.

"Daft Punk's Electroma", Arte-Mediathek, bis 28. Mai


Videokunst zum Schauen und Kaufen

In extremer Zeitlupe biegt sich die Palme im Wind, dessen Gewalt nur scheinbar gezähmt wird durch die gedehnten Bilder. Julius von Bismarck filmte 2017 in Miami den Hurricane Irma und zeigt die Verwüstungen des Naturereignisses als entrücktes Schauspiel. Jetzt ist der Film "Irma To Come In Earnest" als Beitrag der Galerie Levy auf der Daata-Fair zu sehen, einer Online-Messe für Videokunst, die noch bis zum 20. Mai auf der Plattform Daata stattfindet.

Bei der Messe machen Galerien wie Capsule Shanghai, Esther Schipper oder Drei mit, während der Laufzeit kann man alle Videos kostenlos streamen. Jenseits der Messe bietet die Plattform Videokunst von internationalen Künstlern und Künstlerinnen wie David Shrigley oder Petra Cortright auf Abo-Basis – und kaufen kann man natürlich auch.

"Daata-Fair", Daata online, bis 9. Mai

Filmstill von Phung-Tien Phan bei der Galerie Drei / Daata Art Fair
Foto: Courtesy Phung-Tien Phan, Drei und Daata

Filmstill von Phung-Tien Phan bei der Galerie Drei / Daata Art Fair


Der Körper kann vieles zugleich sein

Der Fotograf Fabrizio Albertini wollte eigentlich nur seine Technik verbessern und etwas Neues ausprobieren, als er in den frühen 2010er-Jahren den jungen Schweizer Michele im Kanton Tessin fotografiert. Über sein Modell weiß er nicht viel, ihm fällt jedoch auf, dass sich der Körper des Jungen zunehmend verändert. Jahre später will Albertini Michele besser kennenlernen, der inzwischen in einem winzigen Zimmer in London lebt, Modedesign studiert und als gender fluid Model arbeitet - und sich Michèle nennt, weil dieser Name offener ist und nicht auf eine männliche Person festgelegt ist. Im so leisen wie eindringlichen Film "Io sono una Sirena" (Ich bin eine Meerjungfrau) der gerade in einer Kooperation europäischer Sender in den öffentlich-rechtlichen Mediatheken in Deutschland verfügbar ist, spricht Michèle über die Kraftanstrengung, ein Leben jenseits von Geschlechternormen zu führen, in dem es keine Festlegungen auf die Kategorien "Mann" oder "Frau" gibt. 

Das Porträt aus alten Fotos, Michèles Handybildern und Fabrizio Albertinis Aufnahmen von Treffen mit seiner Hauptfigur will nicht werten oder verallgemeinern. Es zeigt einen Menschen, der seinen Platz sucht und in London zum ersten Mal so etwas wie Freiheit spürt. Dort trift Michèle Menschen, die keine Festlegung auf ein Geschlecht verlangen.

"Ich bin eine Meerjungfrau", Arte-Meditahek, bis 31. August   

"Ich bin eine Meerjungfrau" (Filmstill)
Foto: Courtesy Arte

"Ich bin eine Meerjungfrau" (Filmstill)


Ohne Musik geht es einfach nicht

Das Problem an Musik-Biopics ist ja, dass am Ende von schweren Zeiten meist der große Erfolg steht - denn über die Erfolgreichen werden die Filme gemacht. Was passiert, wenn nach dem ersten Erfolg erstmal nichts mehr passiert, beschreibt die fünfteilige Dokumentarserie "Wie ein Fremder" (2020) über den deutschen Sänger und Gitarristen Roland Meyer de Voltaire.

Seiner Band Voltaire wird wegen ihrer poetischen Texten und komplexen Melodien Anfang der Nullerjahre eine große Karriere als deutsche Radiohead oder Coldplay vorausgesagt. Vertrag mit Universal, Kritikerlob. Fernsehauftritte: Die Band glaubte selbst an den Erfolg. Doch es kam anders. Der große Durchbruch bleibt aus, der Plattenvertrag wird aufgelöst, die Band bricht auseinander. De Voltaire steht vor immer größeren finanziellen und psychischen Problemen und ist zeitweise wohnungslos. Doch aus der Krise wird eine neue Form von Kreativität und Hoffnung.

Der Regisseur Aljoscha Pause hat den Musiker über mehrere Jahre begleitet und zeichnet seinen künstlerischen Lebensweg in fünf Folgen ohne irgendeine Form von Eile nach. Daraus entsteht ein dichtes und eindringliches Porträt über die ziemlich gnadenlose Musikbranche, kreative Arbeit und die Unmöglichkeit, keine Musik zu machen. 

"Wie ein Fremder. Eine deutsche Poopmusik-Geschichte", fünf Folgen, 3-Sat-Mediathek, bis 16. Mai

Roland Meyer de Voltaire in "Wie ein Fremder"
Foto: Mindjazz Pictures

Roland Meyer de Voltaire in "Wie ein Fremder"


Was heißt hier Original?

Vor Kurzem hat der Ökonom Bruno S. Frey vorgeschlagen, Venedig nachzubauen - und hat das ernst gemeint. In seinem Buch "Venedig ist überall" setzt er sich mit dem Übertourismus auseinander, der (wenn nicht gerade Pandemie ist) die beliebtesten Reiseziele in ihrer Existenz bedroht. Also stellt er das Konzept der entlastenden Kopie vor. Tourismus-Magnete könnten an logistisch geeigneter Stelle eins zu eins nachgebaut werden, sodass die Menschen ihre Erlebnisse hätten und die Einheimischen an den "Original-Orten" ihre Ruhe. 

Vielerorts ist diese Idee bereits umgesetzt, denn einige weltberühmte Bauwerke haben Klone. Der Eifelturm steht in China, die Freiheitsstatue in Las Vegas und der Vatikan findet sich auch an der Elfenbeinküste. Das Phänomen von Repliken ist in der Kunst wie in der Architektur alles andere als neu - verändert hat sich eher die Rezeption, denn inzwischen werden Kopien nicht mehr unbedingt als minderwertig angesehen. Der Film "Der geklonte Eiffelturm - Vom Doppelleben berühmter Bauwerke" nimmt sich dem Thema an und fragt, ob die Nachbauten Lösungen für den Tourismus der Zukunft sind oder dadurch geschichtsvergessene Nicht-Orte entstehen. 

"Der geklonte Eiffelturm - Vom Doppelleben berühmter Bauwerke", Arte-Mediathek, bis 16. Juni

Tauben fliegen am Eiffelturm vorbei. Wegen der Covid-19-Pandemie ist die Wiedereröffnung des Eiffelturms vorerst abgesagt worden, 2020
Foto: Thibault Camus/AP/dpa

Ist das jetzt Paris oder China? Der Eiffelturm hat Doppelgänger weltweit

 

Wie die Frau in Gold nach New York zurückkam

1907 malte Gustav Klimt das Gemälde "Adele Bloch-Bauer I", auch die "Goldene Adele" genannt. Heute hängt sie in der Neuen Galerie in Manhattan und ist eins der teuersten Gemälde der Welt. Wie das Werk dothin gekommen ist und welche historischen Umstände die "Frau in Gold" begleitet haben, zeigt der gleichnamige Film aus dem Jahr 2015 auf Netflix.

Maria Altmann, gespielt von Helen Mirren, ist im Zweiten Weltkrieg aus Österreich in die USA geflohen. Ende der 1990er-Jahre macht sie sich gemeinsam mit ihrem Anwalt Randol Schoenberg, gespielt von Ryan Reynolds, auf den Weg in ihre alte Heimat. Dort ist das Gemälde "Adele Bloch-Bauer I" von Gustav Klimt in der Österreichischen Galerie im Belvedere ausgestellt. Es zeigt Altmanns Tante, und sie ist sich sicher, dass das Bild ihr rechtmäßig zusteht.

Kurz vor Anfang des Zweiten Weltkriegs enteigneten die Nazis die jüdische Familie Bloch-Bauer, und somit müsste das Werk nach Ansicht des Anwalts unter Kunstraub fallen. Der Film erzählte im Stile eines Kunst-Krimis von der Beharrlichkeit und dem Durchhaltevermögen von Maria Altmann und den Schwierigkeiten und staatlichen Widerständen während des Restitutionsverfahrens. Immer wieder springt der Film in die NS-Zeit in Österreich zurück und erzählt in Rückblenden von der Verschlechterung der Zustände für die Juden in der Stadt und schließlich von Marias Flucht in die Freiheit.

"Die Frau in Gold", auf Netflix



Oscar-Abend auf der Couch 

In der Nacht von Sonntag auf Montag werden zum 93. Mal die Oscars verliehen - pandemiebedingt diesmal an verschiedenen Orten und ohne Rote-Teppich-Gala. Wer sich darauf vorbereiten möchte - oder in Zeiten geschlossener Kinos sowieso keine der Nominierten kennt - findet beim Streamingdienst Mubi eine Auswahl Oscar-prämierter Werke der Vergangenheit für die Couch.

Zu sehen ist zum Beispiel der Dokumentarfilm "Man On A Wire - Der Drahtseilakt" über den Seiltänzer Philippe Petit, der 1974 zwischen den Türmen des World Trade Centers balancierte. Außerdem stehen Wes Andersons Animations-Klassiker "Fantastic Mr. Fox", eine Hommage an die verstorbene US-Richterin Ruth Bader Ginsburg und der Film "Wasteland" zur Verfügung. In letzterem schafft der Künstler Vik Muniz mit den Arbeitern auf der größten Müllkippe der Welt in Brasilien Installationen. Dabei benutzen sie genau das Material, das die täglich umgibt - Abfall.

"And The Oscar Goes To", Filmsammlung auf Mubi 



Die Königin der Street-Art-Fotografie 

Martha Cooper will sich nicht langweilen. Sonst wäre sie nicht mit Anfang 20 in Thailand allein auf ein Motorrad gestiegen, um nach England zu fahren. Sonst hätte sie nicht als junge Frau in Tokio die sagenumwobene und höchst diskrete Tätowier-Szene fotografiert. Sonst wäre sie nicht die erste Fotografin bei der "New York Post" geworden, und hätte ihre Motive in den urbanen Brachen gefunden.

Coopers Fotografien von Breakdancerinnen und Breakdancern aus den 1980er-Jahren sind die ersten veröffentlichten Bilder einer damals noch unbekannten Tanzform, essenziell für das Entstehen der Hip-Hop-Kultur. Die unbeaufsichtigten Kids zogen sie ins Vertrauen, weil sie als Erste verstanden hatte, dass Graffiti kein Vandalismus ist, sondern etwas extrem Gekonntes, Kunstvolles. Martha Cooper machte daraus großartige Farbfotos. Und dann machte sie irgendwann ihr Leben daraus.

Der Film "Martha Cooper - Königin der Street Art" erzählt von ihrer Faszination fürs Dabeisein, und auch von den Schwierigkeiten ihrer Anfänge, als niemand ihr erstes Buch über Graffiti-Kultur verlegen wollte. Das Porträt thematisiert auch Coopers Blick auf die Veränderungen der Szene, denn Street Art ist von der Underground-Bewegung längst zu einem riesigen globalen Geschäft geworden.

"Martha Cooper - Königin der Street Art", Arte-Mediathek, bis 21. Juli