Streaming-Tipps

10 Kunst-Filme, die sich jetzt lohnen

Sarah Lucas "Self Portrait with Fried Eggs, 1996", Teil der Sammlung von Ingvild Goetz, die in dieser Woche ihren 80. Geburtstag feierte. Zu sehen in der Ausstellung "Au Rendez-Vouz Des Amis - Klassische Moderne im Dialog mit Gegenwartskunst aus der Sammlung Goetz" im Haus der Kunst, München
Foto: © Sarah Lucas, Courtesy Sammlung Goetz, München, und Sadie Coles HQ, London

Sarah Lucas "Self Portrait with Fried Eggs, 1996", Teil der Sammlung von Ingvild Goetz, die in dieser Woche ihren 80. Geburtstag feierte. Zu sehen in der Ausstellung "Au Rendez-Vouz Des Amis - Klassische Moderne im Dialog mit Gegenwartskunst aus der Sammlung Goetz" im Haus der Kunst, München

Unsere Filme der Woche kehren zurück zur Documenta 11, fragen nach den Folgen der Kunst und feiern eine der wichtigsten deutschen Sammlerinnen


Als Banksy mal Regisseur wurde

2010 wechselte Banksy das Metier von Graffiti zu Regie – allerdings unter irren Umständen: Eigentlich wollte der bekannteste Street-Artist der Gegenwart nur Thierry Guetta nachgeben, der unbedingt einen Film über ihn drehen wollte. Das Ergebnis entsetzte Banksy dermaßen, dass er sich selbst an die Montage setzte. Im Gegenzug fühlte der Franzose Guetta sich berufen, Street-Artist zu werden. Er nutzte seine Bekanntschaft zu Banksy und beeindruckte unter dem Pseudonym Mr. Brainwash reiche Sammler in L.A.

Nun übernahm wieder Banksy und begann eine Dokumentation über seine Beziehung zu Mr. Brainwash. So entstand "Exit Through the Gift Shop". Das Werk, das gerade beim Streamindienst Mubi bereit steht, ist die wohl absurdeste Bestandsaufnahme des Kunstbetriebs seit Orson Welles’ Filmessay "F wie Fälschung". Und eines der unterhaltsamsten Kinowerke über die unheimliche Macht einer Blase seit Irvin S. Yeaworth Juniors Horrorklassiker "Blob – Schrecken ohne Namen".

"Banksy - Exit Through The Gift Shop", auf Mubi



Okwui Enwezors Documenta-Vermächtnis

Der 2019 verstorbene Kurator Okwui Enwezor hat die von ihm gestaltete Documenta 11 in Kassel auch als Diskussionsplattform verstanden. Im Vorfeld fanden vier Symposien in Wien, Neu-Delhi, St. Lucia und Lagos statt. Die Ausstellung im Sommer 2002 sollte die fünfte Plattform sein. Nun hat das Kasseler Documenta-Archiv das Projekt "Platform6" gestartet, mit dem die von Enwezor gestarteten Diskussionen zu Kolonialismus, Kreolität oder Demokratie als Prozess weitergeführt werden sollen. 

Neben den Archivmaterialien zur Documenta 11 findet man auf der Website auch aktuelle Beiträge von Künstlern und Theroretikerinnen, Aufnahmen von Talks sowie einige Videokunstwerke zum Streamen. So kann man auf der Plattform unter anderem Isaac Juliens Film "Encore No.1 Paradise Omeros" anschauen, den der Künstler im Gedenken an Okwui Enwezor geschaffen hat. Außerdem stehen eine Gedenkperformance des Künstlers Thomas Hirschhorn und ein Video vom Raqs Media Collective zur Verfügung, das auf der Documenta 11 gezeigt wurde.

"Platform 6", Documenta-Archiv online

Okwui Enwezor (1963-2019)
Foto: © documenta archiv / Foto: Dieter Schwerdtle

Okwui Enwezor (1963-2019)


Die Kunst der Berührung

Es ist gut möglich, dass Sie beim Anschauen dieser Dokumentation im Frühjahr 2021 erstmal zusammenzucken: So viele Menschen dicht gedrängt, hüpfend auf einem Konzert oder brüllend im Stadion. Die Pandemie hat das Umgebensein von Körpern und die Berührung außerhalb der engsten Kontaktpersonen als gefährlich markiert und lässt Szenen, die vor gut einem Jahr noch völlig normal waren, plötzlich unerhört erscheinen.

Dabei ist Berührung ein grundlegendes Bedürfnis des Menschen und prägt auch die Kunst und Kultur seit Jahrtausenden. Der Film "Haut an Haut" geht dieser Geschichte nach und zeigt anhand von Beispielen aus Kunstgeschichte, Geschichtswissenschaft, Haptikforschung, Philosophie und Kommunikationswissenschaft, wie die Darstellung von Berührung auch eine gesellschaftliche Haltung ausdrückt und die Spannung zwischen Nähe und Distanz verhandelt. Genau die beschäftigt uns auch aktuell.  

"Haut an Haut", Arte-Mediathek, bis 28. Mai

"Haut an Haut", eine Kulturgeschichte der Berührung
Foto: Arte

"Haut an Haut", eine Kulturgeschichte der Berührung


Daniel Libeskind: Architektur und Emotion

Der Architekt Daniel Libeskind ist ein Meister darin, komplexe Ideen in Bauwerke zu verwandeln, die Geschichte und Geschichten verkörpern. Das Fundament von allem ist dabei seine eigene Geschichte, die 1946 mit seiner Geburt als Sohn von Holocaust-Überlebenden in einem jüdischen Ghetto im polnischen Lodz begann. In ein System von "Kommunismus, Autoritarismus", wie Libeskind es kürzlich beschrieb.

In jungen Jahren zog es ihn 1960 in die USA, allerdings durch ein Stipendium wegen seiner musikalischen Begabung, mit der er in Israel auf sich aufmerksam gemacht hatte. Der Musik ist Libeskind bis heute verbunden geblieben, doch sein Leben veränderte sich, als er über die Architektur stolperte, wie er selbst sagt. Lange blieb er theoretisch, zeichnete, aber baute nicht.

Der Durchbruch kam, als Libeskind Ende der 80er-Jahre den Zuschlag zum Bau des Jüdischen Museums in Berlin bekam. Er wurde zum international gefeierten Stararchitekten. Seine Gebäude - neben dem Jüdischen Museum und dem World Trade Center unter anderem auch das Royal Ontario Museum in Toronto, das Felix-Nussbaum-Haus in Osnabrück und das Zeitgenössische Jüdische Museum in San Francisco - sind voll mit Gedanken, Ideen und Emotionen.

Sie nehmen Bezug zur Vergangenheit und blicken in die Zukunft. Immer wieder kommt Libeskind dabei auf das Konzept Demokratie, das es mit aller Kraft zu verteidigen gelte. Am 12. Mai wird Libeskind 75 Jahre alt. Der Dokumentarfilm "Magier der Emotionen" widmet sich seinem Schaffen und stellt auch seine Liebe zur Musik in den Vordergrund. So interpretiert der Pianist Benyamin Nuss im Film Auszüge aus Libeskinds Grafiken "Chamberworks" am Klavier – im Dialog mit dem aus New York zugeschalteten Urheber.

"Daniel Libeskind: Magier der Emotionen", Arte-Mediathek, bis 9. August

Foto: dpa
Foto: dpa

Der Architekt Daniel Libeskind 2014 in Zürich


Wie sieht die Renaissance aus?

Wiederauferstehung ist gerade ein gutes Stichwort. Die meisten Länder hoffen auf eine Art Renaissance nach der Pandemie, und die Kulturschaffenden warten sehnsüchtig darauf, endlich wieder ihrer Arbeit nachgehen zu können. Die European Theatre Convention geht nun zumindest wieder digital auf die Bühne und hat Künstlerinnen und Künstler von 22 europäischen Theatern damit beauftragt, kurze Filme zum Thema "Renaissance" zu drehen - einer Epoche, die sich nach der schlimmsten Pandemie der Menschheit, der Pest, entfaltete.

Angst vor zu viel Kostümschinken muss man jedoch nicht haben, denn die meisten Beteiligten nähern sich dem Thema eher assoziativ und mit Mitteln der Performancekunst. Ab dem 9. Mai wird bis zum 4. Juni jeden Tag ein neues Video freigeschaltet. 

"Renaissance", ETC online, 9. Mai bis 4. Juni  


Ingvild Goetz und die große Liebe 

Eigentlich wollte Ingvild Goetz selbst Künstlerin werden. Doch dann gründete sie in den 1960er-Jahren zuerst einen Grafik-Verlag und später eine Galerie in Zürich, in der sie die großen Namen der Nachkriegsmoderne wie Christo, Hanne Darboven und Cy Twombly zeigte. Heute ist Goetz eine der wichtigsten Sammlerinnen für zeitgenössische Kunst, seit 1993 mit eigenem Privatmuseum in München. Inzwischen hat sie einen Teil ihrer Bestände inklusive Ausstellungsgebäude von Herzog & De Meuron dem Freistaat Bayern geschenkt, der ihre Werke in verschiedenen Häusern zeigt.

In dieser Woche wurde Ingvild Goetz 80 Jahre alt. Eine rauschende Party fiel pandemiebedingt leider aus, dafür ist auf der Website der Sammlung bis zum 16. Mai der Kurzfilm "Kunst ist meine große Liebe" über das Leben des Geburtstagskindes zu sehen. Die Liste der Gratulantinnen und Gratulanten, die auf alten und neueren Fotos auftauchen, ist beeindruckend. Ingvild Goetz hat die Kunstwelt nachhaltig geprägt.

"Kunst ist meine große Liebe", Sammlung Goetz online, bis 16. Mai

Sammlerin Ingvild Goetz
Foto: Sandra Steh © steh.de

Sammlerin Ingvild Goetz


Kunst und Leben

Ein Mann und eine Frau in einer unendlichen Umarmung, umhüllt von einem Brautschleier, kniend auf einer Blumenwiese: "Der Kuss". In diesem Bild malte der Künstler Gustav Klimt seine Geliebte Emilie Flöge. Das Liebespaar ist in einer goldenen Aura geborgen, fernab von allem, ineinander tief versunken. Die in dem Werk verführerisch verhängnisvolle Emilie Flöge, gekleidet in ein schimmerndes Gewand, gibt sich Gustav Klimt hin. Die sinnliche Stimmung des Bildes lässt sich jedoch nicht immer in das reale Leben der beiden übertragen.

Die Reihe "Liebe am Werk" auf Arte stellt berühmte Künstlerpaare vor und wirft einen Blick hinter die Leinwände bekannter Maler und Malerinnen. In einer Synthese aus lebendigen Filmcollagen im Stile des Zeitgeists, bestehend aus Original-Fotos sowie Filmausschnitten, werden Werke der Künstler und Künstlerinnen gezeigt. Ausgestrahlt werden neben der Folge über Emilie Flöge und Gustav Klimt Porträts von Paaren wie Paula Becker und Otto Modersohn, Lee Miller und Man Ray, Georgia O’Keefe und Alfred Stieglitz, Claude Cahun und Marcel Moore, Gabriele Münter und Wassily Kandinsky oder Frida Kahlo und Diego Rivera.

Egal, wie die Liebesbeziehung der Persönlichkeiten verlief, sie alle eint das Streben nach neuen kreativen Horizonten und intensive Schaffensphasen. Auch nach dem Erlöschen der Liebe ist bei manchen Ex-Liebespaaren der malerische Einfluss noch stark erkennbar.

Um die Jahrtausendwende herum wandte sich das Interesse zunehmen auch den Frauen zu, die lange nur als Muse der Männer gesehen wurden. Pioniergeist und Unabhängigkeit strahlt beispielsweise die junge Paula Modersohn-Becker aus, die eine moderne Vision der Frau malte und sich von den Sehweisen ihrer Epoche befreite. Auch Gabriele Münter, eine der ersten zu Lebzeiten bekannten Künstlerinnen geht ihren Gefühlen nach und verkörpert ein neues Selbstbewusstsein in der Kunst. Spuren davon spiegeln sich auch in den Werken ihrer Partner wieder.

"Liebe am Werk", Arte-Mediathek, bis 11. Juni

Wassily Kandinsky und Gabriele Münter
Foto: Arte

Wassily Kandinsky und Gabriele Münter


Fünf Minuten mit Charlotte Perriand

Charlotte Perriand war eine der wenigen berühmten Designerinnen. Sie arbeitete im Büro von Le Corbusier, entwarf dort seine Möbel und machte mit Jean Prouvé später unter eigenem Namen weiter. Und wie alle Designer war sie auch eine Erfinderin, die alle vermeintlichen Gegebenheiten erstmal hinterfragte. Wer sagt denn, dass man immer an einem Schreibtisch sitzen muss, und nicht darin?

Sie entwarf einen großen Arbeitstisch, der die Form eines Bumerangs hat. Der Mensch befindet sich auf diese Weise inmitten seiner ihn umgebenden Arbeit, und unter jedem Ende befinden sich geräumige Schubladen wie die Erweiterung des Gehirns. Der Sender Arte widmet Charlotte Perriands befreiendes Entwürfen kleine Fünfminüter, jedes Projekt wird von einer kreativen Persönlichkeit Frankreichs vorgestellt.

Faszinierend und völlig auf der Höhe der Zeit sind ihre Mini-Behausungen für das Leben in der Natur: Ihr Strandhaus mit zwei geschlossenen Körpern und einem mit Tuch überdachten offenen Innenbereich, oder das Alpenbiwak Tonneau denken die Natur, in der sie stehen, als Gestaltungsmittel mit. Berühmt wurde sie 1927 für ihre "Bar unterm Dach" aus vernickeltem Kupfer und eloxiertem Aluminium, die sie mit Anfang 20 für sich selbst entworfen hatte. Sie wurde 96 Jahre alt.

"Design-Signatur Perriand", Arte-Mediathek, bis September 2022

Foto: CC

Charlotte Perriand in Japan


Vermeer goes Hollywood

Wer war die junge Frau, die Jan Vermeer um 1665 als "Meisje met de parel" – "Mädchen mit dem Perlenohrgehänge" malte? Über das Modell des heute populärsten Gemäldes des großen Niederländers ist nichts bekannt. Der Roman "Das Mädchen mit dem Perlenohrring" und der gleichnamige Film aus dem Jahr 2003 füllte diese Lücke – mit der fiktiven Geschichte über die 17-jährige Griet (Scarlett Johansson), die im Haus Vermeers (Colin Firth) als Magd anheuert und von dem Künstler porträtiert wird.

Ob die beiden ein Verhältnis miteinander haben – wie Vermeers eifersüchtige Ehefrau vermutet – lässt die Geschichte offen. Im Vordergrund der Verfilmung steht ohnehin die Atmosphäre und das liebevoll rekonstruierte Umfeld des Künstlers, die Stadt Delft und das sogenannte "Goldene Zeitalter" der Niederlande.

"Das Mädchen mit dem Perlenohrring", auf Mubi

Scarlett Johansson und Colin Firth in "Das Mädchen mit dem Perlenohrring"
Foto: Mubi

Scarlett Johansson und Colin Firth in "Das Mädchen mit dem Perlenohrring"


Ist Folgenlosigkeit eine Lösung?

Eigentlich soll nach einem erfolgreichen Fundraising-Dinner die Pressemitteilung zum Museum für ökologische Kunst formuliert werden. Aber so einfach ist es dann doch nicht. Ist so ein Haus, in dem im White Cube fein kuratiert die Rettung der Welt verhandelt wird, nicht eine große Lüge? Sind die Teilnehmenden mit ihrem selbstgerechten Jetset-Leben nicht eher Teil des Problems als Teil der Lösung?

Um diese Fragen nach Kunst in Zeiten der Klimakatastrophe kreist der Film "Die Kunst der Folgenlosigkeit". Darin vermischen Regisseur Jakob Brossmann und der Theoretiker und Monopol-Kolumnist Friedrich von Borries fiktionale mit dokumentarischen Elementen. Die Stimmung unter den Dinnergästen und dem Gaststätten-Personal ist aufgeheizt. Ist es vielleicht wichtiger, keine Spuren zu hinterlassen, weil der Zwang nach Erfolg und Produktivität uns erst in die prekäre Situation der Erderhitzung manövriert hat? Oder ist das eine elitäre Position, weil sich nicht alle das Neinsagen leisten können?

Der Film, der gerade beim digitalen Dokfest München im Wettbewerb läuft, ist aus von Borries' Projekt Schule der Folgenlosigkeit entstanden, die im vergangenen Jahr unter anderem ein Stipendium fürs Nichtstun ausgeschrieben hat. Im Film versammelt sich eine illustre Gruppe von Kulturschaffenden, die teils als sie selbst, teils in ihren Rollen auftreten. Dabei sind unter anderem der Theatermacher Milo Rau, die Kunstkritikerin Antje Stahl und der Tänzer und Kulturaktivist Ahmed Soura. Tickets für die Filme des Dokfest als Stream gibt es für 6 Euro pro "Vorstellung", ein Festivalpass mit Flatrate kostet 70 Euro. 

"Die Kunst der Folgenlosigkeit", "Dokfest München digital", 6. bis 25. Mai