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Bildband

Wim Wenders feiert das Sofortbild als Objekt

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Auf das Filmemachen könnte er eher verzichten als auf das Fotografieren, bekannte Wim Wenders einmal. In einem neuen Bildband zeigt er über 300 Sofortbilder

Irgendwann im August 1973 aß Wim Wenders Toast zum Frühstück, mit Ei und Schinken. Das Ereignis ist banal, das gelbstichige Foodie – wie man das noch gar nicht nannte – wunderschön und der Anlass ziemlich spektakulär: Im Roadmovie "Alice in den Städten", das vorwiegend auf amerikanischen Straßen spielt, durfte Wenders' Protagonist mit einer SX70-Sofortbildkamera fotografieren, bevor sie auf den Markt kam. "1. Foto von Polaroid" schrieb der Regisseur unter das Toastbrot, nun ist das Foto mit über 300 anderen in dem Band "Sofort Bilder" abgedruckt.

Man muss die Texte dazu lesen, die autobiographische Stationen mit einer persönlich gefärbten Geschichte des Sofortbildmediums verbinden. Wenders setzt ein mit Porträts aus Fotoautomaten, als er noch keine Polaroid-Kamera besaß, und beschließt die Sammlung mit einem Bild, das den Eingang der Pariser Cinémathèque Française zeigt. Nach 1981 habe er kaum noch Polaroids gemacht, sondern sei "wieder zurück auf Negativ gegangen".

Auf das Filmemachen, bekannte Wenders vor zwei Jahren im Monopol-Gespräch, könnte er eher verzichten als auf das Fotografieren, "weil man das immer tun kann". Während Filmprojekte, auch davon erzählt Wenders’ Zeitreise in Worten und Bildern, nervenaufreibend und vom Scheitern bedroht sind. Wie so oft halfen Polaroids bei der Location-Suche in San Francisco für "Hammett". Wenders schildert noch einmal, wie er den Film 1981 nach seinem Gusto abdrehte,  seine Version aber bei den Produzenten durchfiel und zum größten Teil durch einen Nachdreh ersetzt wurde. Wenders: "Als die Geschichte dann in ein Filmstudio transplantiert wurde, verlor sie ihren gesamten Orts- und Realitätsbezug."

Die Zwiesprache mit den Orten steht im Kern von Wenders' Schaffen. Der Regisseur arbeitet zwar inzwischen neugierig mit digitalen Mitteln – bis hin zur 3D-Technik von "Pina" und dem ersten, vielleicht auch einzigen stereoskopischen Filmmelodram "Every Thing Will Be Fine". Der Fotograf aber beharrt auf analoger Kameratechnik. "Das Problem bei den digitalen Apparaten ist, dass man das Bild immer sofort vor Augen hat, auf dem Display", hat Wenders einmal erklärt, "Wenn ich aber das Bild schon sehe, also das Resultat, dann ist das geheimnisvolle Zwiegespräch mit dem Ort unterbrochen, bevor es überhaupt anfangen kann."

Man könnte meinen, dass Polaroids – anders als Negativfilme oder Dias – das digitale Zeitalter schon vorwegnehmen. Wenders erklärt, warum Sofortbilder für ihn etwas ganz anderes sind als elektronische Fotos, die man entweder gleich vom Display löscht oder unendlich vervielfältigen oder sekundenschnell um den Globus verbreiten kann. Sofortbildkameras spuckten ein Bild aus, das zugleich einzigartiges Objekt war. "Der Gegenstand, den man dann in der Hand hielt und auf den man starrte, während sich darauf etwas 'entwickelte', (was diesem Wort eine völlig neue Bedeutung gab...) war in der Tat ganz besonders, die einzige Spur des gerade beschriebenen Vorgangs", schildert Wenders.

Seine Einleitung zu "Sofort Bilder" ist fast etwas zu lang geraten, mitunter kriecht eine Spur von Pathos in seine Sätze. Aber seine Skepsis gegenüber einer (Bild-)Kultur, die "soziale Medien" mit realen Erfahrungsräumen verwechselt, ist berechtigt. Und: Wenders blickt nicht von abgehoben-kritischem Sockel auf eine Zeit, die auch seine ist. Natürlich hat er ein Mobiltelefon und nutzt dann und wann auch die Fotofunktion. Und obwohl es Fotografen gibt wie Stephen Shore, die im digitalen Fotomedium nichts substanziell anderes erkennen wollen als in der Technik der analogen Ära, ist Wenders Position nachvollziehbar. Sein schlagendes Argument betrifft den Einbau einer zweiten Linse in Smartphones, mit dem Effekt, dass man inzwischen lieber sich selbst als die Welt betrachtet: "Ist diese ganze Sache, diese Selfie-Kultur, nicht im Grunde genommen die komplette Umkehrung der Idee von Photographie?"

Fotografie mit zweimal "ph". "Sofort Bilder" ist kein jammerndes Buch. Aber ein melancholisches. Einige Abbildungen stammen von Annie Leibovitz, die sieben Fotos – keine Polaroids – eines gemeinsamen Roadtrips von San Francisco nach L.A. beigetragen hat. Der junge Wenders am Steuer. Mit Hut und Hosenträgern. Ein paarmal lässt er das Lenkrad los, gestikuliert, unterhält seine Beifahrerin mit tausend Geschichten. So stellen wir uns das jedenfalls vor.

Die fesselnden Bilder im Buch erzählen vom Verlust, was sie übrigens mit den Digitalbildern gemeinsam haben, die wir vielleicht dereinst auf einer Festplatte wiederfinden oder sogar ausgedruckt haben. Dass Wenders’ Melancholie sich nicht an Kameras und Technik festmacht, sondern am Leben, zeigen seine Polaroids einer Menschenmenge, die sich einen Tag nach John Lennons Tod im Dezember 1980 im Central Park versammelte: "Es ging nicht nur um dem Tod eines großen Mannes", kommentiert Wenders, "Wir trauerten alle über das Ende einer ganzen Ära. Unserer Jugend."

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