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Bildband

Vollgetankt und unverschleiert

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"Fully Fueled" erkundet die Jugendkultur der Emirate

Auf den ersten Blick meint man, in eine Autozeitschrift geraten zu sein, so viel Blech gibt es zu sehen. Manchmal wechseln die Bilder sogar ihre Ausrichtung, damit eine Karosse im Querformat noch besser zur Geltung kommt. Skulptural, aggressiv-kantig und wie mit dem Messer designt parken die neuesten Modelle von Mercedes und Ferrari unter dem bunten Neonlicht zweier aseptischer, ganz auf Konsum ausgerichteter Metropolen, Dubai und Abu Dhabi.

Die Autos in "Fully Fueled" sind Flirtmaschinen, Statussymbole und rollende Wohnzimmer. Die jungen Staatsbürger der Vereinigten Arabischen Emirate verbringen viele Stunden am Tag hinter dem Steuer, sie haben Geld und können Frauen aber nicht einfach so auf der Straße ansprechen, eine eigentümliche Kombination.

Ein eigener Wagen ist in dem arabischen Land, ähnlich wie in den USA und im ländlichen Europa, der Schlüssel zum Erwachsenwerden und demnach – eingeschränkt – auch zum anderen Geschlecht. Mit dem Unterschied, dass man hierzulande auf einen gebrauchten VW Golf spart, während in den VAE offenbar mit 18 der erste Porsche vor der Tür steht.

Der französische Fotograf Basile Mookherjee hat die Emirate mehrmals besucht und die Jugend dieses Landes dokumentiert, das zwischen Wüste und Moderne seltsam in der Luft zu hängen scheint. Die Metropole Dubai und das etwas kleinere Abu Dhabi bilden die Kulisse für einen Bilderstrom aus endlosen Straßen, auseinandergezogenen Städten und in den Himmel ragenden Häusern.

Mookherjee nimmt in "Fully Fueled" die beiden größten Städte der VAE mit seiner Kamera auseinander und setzt sie in mesmerisierenden Aufnahmen wieder zusammen: Effektlack, Außenspiegel aus glitzernden Strasssteinen, mit Herzchen in den VAE-Farben verzierte Geländewagen, beklebte Fensterscheiben mit dem Konterfei von Scheich Zayid, dem verehrten Gründungsvater der VAE.

Ein reiches, junges Land

Aufgenommen hat Mookherjee diese Bilder zwischen 2012 und 2014, viele davon am Nationalfeiertag des 2. Dezember, der die Gründung der Emirate zelebriert. Fähnchen, Autokorsos, Jubel – es könnte auch eine Fußballweltmeisterschaft sein, die hier gefeiert wird, wenn da nicht die Gewänder wären. Frauen tragen die schwarze, lange Abaya, junge Männer die blitzend weißen, langen Dischdaschas. Sie schauen sanftäugig und jungenhaft aus ihren hypermaskulinen Sport- und Geländewagen heraus, der junge Mann vor seinem grasgrünen Sechsliter-AMG-Mercedes trägt noch eine Zahnspange. Ihre Autos sind wie große Spielzeuge, die aus dem Westen kommen.

Benzin ist billig in den Emiraten, Steuern gibt es keine, und was den Männern ein orangefarbener Flügeltürer, ist den Frauen die Hermès-Handtasche. Ein Klischee? Goldverkrustete Wagen, lichtergespickte Palmen, zehnspurige Highways – das ist das Dubai von "Fully Fueled". Und doch exotisiert Mookherjee die Menschen nicht. Der Franzose arbeitet in der langen Tradition von Fotografen, die Jugendkulturen durch teilnehmende Beobachtung dokumentieren. Mookherjee zeigt dabei ausschließlich die einheimische Jeunesse dorée, nicht die schuftenden, diesen Reichtum erst ermöglichenden Gastarbeiter, er spricht von den Autos als der Linse, durch die er die Einwohner der VAE betrachtet: ein reiches, junges Land, in dem nur 20 Prozent der Einwohner auch Staatsbürger sind.

Gestaltet wurde das Buch vom Pariser Bureau DGC, dessen Mitgründer Mookherjee ist. Gedruckt wurde auf einem matt gestrichenen Papier mit dem Namen Magno Volume, was ja auch schon wieder wie eine Motorenausbaustufe klingt. Man blättert gern darin. Die Fahrten durch die Nacht wirken auf Mookherjees Fotos wie eine Rollschuhdisco auf sehr teuren Rädern. Am Ende geht es wie bei uns ums Flirten und Spaßhaben – auch wenn das Maximum an Freizügigkeit die zur Hälfte heruntergelassene Seitenscheibe eines Ferrari ist.

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