Volksbühnen-Start im Stammhaus

Freundliche Übernahme

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Beim Eröffnungswochenende der Volksbühne im Stammhaus am Rosa-Luxemburg-Platz probiert der neue Intendant Chris Dercon die Institutionskritik im Theater

Es ist schon dunkel, als in der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz die Intendanz des Kunstkurators Chris Dercon beginnt, und von weitem sieht es aus, als wäre der geschichtsträchtige Bau zum Spukhaus geworden, so flackern die Lichter im Theaterfoyer: eine Arbeit des französischen Künstlers Philippe Parreno, der gern mal mit der Beleuchtung spielt.

Er tut das nicht als Schülerscherz, sondern um die Konventionen eines Raumes bewusst zu machen. Um zu sagen: Stopp, schau mal hin, wo bist du, was siehst du – und warum?

Genau das ist es, was dieser Eröffnungsabend in der Volksbühne mit Samuel Beckett und vielen zeitgenössischen Künstlern durchbuchstabiert, von Anfang bis Ende: Ein Haus vergewissert sich seiner Mittel, poliert sein Besteck, stellt die Frage, was es eigentlich ist und was es kann. Eine alte Technik der Avantgarden seit dem 20. Jahrhunderts, in der Kunst perfektioniert durch die Institutionskritik. Hat man so etwas in einem deutschen Stadttheater in dieser Konsequenz schon mal gesehen?

Drinnen im Foyer dröhnt zunächst laute, serielle Musik von Ari Benjamin Meyers: Das ganze Haus brummt, wird zum Klangkörper. Dann strömt das Publikum in den großen, wunderschönen Zuschauerraum, die Musik von Ari Benjamin Meyers spielt weiter. Es wird dunkel, die Show beginnt mit einer abstrakten visuellen Geste: Auf eine Leinwand werden konstruktivistische Formen projiziert, Scheinwerfer fahren durch die Gegend, das Licht spielt verrückt, am Ende senkt sich sogar der riesige Kronleuchter auf das Publikum herab: Ein modernistischer Tanz der Technik läutet den Neustart ein.

Raus geht es wieder in die Foyers, die nächste Stunde gehört dort Tino Sehgal, den Diskussionen seiner Akteure mit dem Publikum über das Wirtschaftssystem, in dem wir leben, seinen Filmen und Performances zu dem Avatar-Mädchen Ann Lee. Ann Lee repräsentiert die Figur, die ins Virtuelle abwandert und von dort als reale Performerin wieder zurückkehrt, die steife Mechanik des animierten Charakters noch in den Gliedmaßen. "Ich mag Museen", sagt die Figur. "Und Theater."  Hat ein animierter Charakter Gefühle? Und eine Figur in einem Theaterstück? Wie funktioniert Fiktion, hier wie dort?

Und dann: Beckett. Die drei Stücke, die von Becketts ehemaligem Assistenten Walter Asmus nach dem Modell ihrer Originalinszenierung in den 70er-Jahren eingerichtet wurden, quasi als Reenactment eines historischen Theatermoments, zerlegen ebenfalls die Elemente des Theaters in ihre Einzelteile. Beim ersten, "Nicht Ich", sieht man nur den Mund der großartigen Schauspielerin Anne Tismer, erleuchtet von einem einzelnen Lichtstrahl, während der Rest des Raumes im Dunkel liegt. Das zweite, "Tritte", zeigt Tismer als gequälte Frau, die immer die gleichen Schritte abläuft, während aus ihrem Mund die Stimme ihrer Mutter spricht. Das dritte, "He, Joe", zeigt einen Mann, der schweigt, während eine Frauenstimme ihn ihm, für ihn spricht – eine Kamera geht immer näher an sein Gesicht heran.

Die drei Arbeiten sind reduziert und installativ und unterscheiden sich doch fundamental von den Performances Sehgals. Denn sie stellen ein Publikum her, wie es der klassischen Theaterstruktur enspricht, konzentriert im Dunkeln, ganz auf die Akteure gerichtet. Und sie zeigen mit Anne Tismer und dem alten Beckett-Akteur Morten Grunwald, was professionelles Schauspiel kann, auch wenn es nicht psychologisiert.  

Doch schon löst der Abend diese Konstellation wieder auf, sie ist nur eine unter vielen möglichen in der neuen Volksbühne. Anne Tismer geht noch im Schlussapplaus von der Bühne in den Zuschauerraum, eine Rampe verbindet die beiden Bereiche stufenlos. Mit ihr geraten die vielen Akteure von Sehgals letzter Performance "These Associations" in Bewegung, sie nehmen dem Publikum die Stühle weg, rennen durcheinander, lösen das Verhältnis von Publikum zu Performern auf in viele kleine Gespräche und Erzählungen. Das Publikum strömt auf die Bühne, nimmt sie in Besitz, begegnet den etwas konsterniert blickenden Technikern am Bühnenrand.

Noch merkt man am Wochenende die Fremdheit, mit der Kunst- und Theaterpublikum aufeinander trafen. Anders als im Museum, antwortet niemand Sehgals Ann Lee, als sie ihre Fragen ans Publikum stellt. Und nicht jeder schaltet entspannt um vom stummen Betrachter auf die Dialogperspektive. Aber vielleicht gelingt es ja in der neuen Volksbühne, ein Publikum zu generieren, das sich gern in verschiedenen Rollen ausprobiert. (Dazu bräuchte es im Übrigen englische Untertitel bei den Sprechtheater-Teilen und gern auch deutsche bei Videos).

Das Theater ist eine Maschine, die Sinn produziert, manchmal Narration, außerdem Bilder und verschiedene Formen von Öffentlichkeiten. Am Rosa-Luxemburg-Platz in Berlin hat sich diese Maschine auf sehr ungewöhnliche und interessante Art wieder in Bewegung gesetzt.

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