Miniatur-Ausstellung in Berlin

Die Weite des Winzigen

ANZEIGE

Die Ausstellung "Small – an exploration of miniature" in der Beliner Galerie Sexauer verhandelt das Kleine in der zeitgenössischen Kunst

Auf der Ostseestraße in Berlin-Weißensee patrouillieren gelbe Gelenkbus-Riesen der BVG, werbewirksam bepinselt mit dem Slogan "Auf die Größe kommt es doch an." Ein paar hundert Meter weiter wird der Blick in der Galerie Sexauer dagegen eher auf das Kleine, das weniger Imposante, gelenkt. Die Ausstellung "Small", kuratiert von Juliet Kothe und Annika von Taube, präsentiert sich als Untersuchung der Miniatur - einer Gattung, die sich seit vielen Jahrhunderten in der Kunst aufspüren lässt, aber relativ selten gesondert beleuchtet wird. An der Gruppenschau wirken 47 Künstler mit, und schon beim Betreten der Galerie wird deutlich: Nicht alles in dieser Ausstellung ist klein.

Die Miniatur (der Begriff leitet sich wohl vom roten Farbstoff Minium ab, der schon in der ägyptischen Totenbuchmalerei benutzt wurde) ist zwangsläufig ein Ding der Perspektive. So wie Alice im Wunderland sowohl Riesin als auch Winzling sein kann, so ist auch das Kleine in der Kunst immer an seine Umwelt gebunden. Bei "Small" geht es nicht zwingend um Zentimeter, sondern um Verhältnisse und Experimenträume. So ist das Erste, was ins Auge fällt, die Ausstellungsarchitektur des Künstlers Jay Gard, der mit einer riesigen hellen Holzwand den Galerieraum geteilt hat. An der linken oberen Ecke ist ein geschwungenes Stück der Wand herausgesägt, das weiter hinten im Raum als Präsentationstisch fungiert: Hierbei handelt es sich um eine hundertfache Vergrößerung des Profils der so genannten Berliner Leiste, einer historischen Rahmen-Spielart mit genau festgelegten Maßen, die wegen der riesigen Produktionsmengen im 19. Jahrhundert auch in Zuchthäusern hergestellt wurde. Hier wird das Übersehene ins Monumentale gehoben, die Realität, inklusive der ganzen Ausstellung, als Miniatur markiert und eingerahmt.

Auch die Arbeit von Julius von Bismarck, eine korallenhafte Skulptur aus Aluminium uns Marmor, ist nicht nach menschlichem Maßstab winzig. Erst die Information, dass es sich bei der Form um die unheilvollen Rauchschleifen handelt, die bei der Explosion der Raumfähre Challenger am 28. Januar 1986 in den Himmel gemalt waren, setzt das Werk in Perspektive. 

In der Kunstgeschichte hatten kleine Bilder lange vorwiegend eine Stellvertreterfunktion. Die mittelalterliche Buchmalerei versuchte, vor allem Gottes Wort und heilige Texte kompakt zu visualisieren. An den europäischen Höfen wurden Miniaturporträts oder Amuletts oft als Ersatz für vermisste Liebste am Körper getragen und dienten ganz nebenbei auch als sichtbarer Beziehungsstatus. Seitdem haben sich die Spielarten der Miniatur vermehrt und aufgefächert – das Kleine ist Modell, Versuchsanordnung, Raum des Erkennens oder der Entfremdung.

Auch in der Sexauer-Ausstellung werden die vielfältigen Herangehensweisen der Beteiligten deutlich. Es gibt handliche Zeichnungen, Gemälde und Fotos (eine Verkleinerung von Welt, die wohl eher den Medien an sich eigen ist) genauso wie Positionen, die sich der Miniatur eher als Gedankenraum nähern. So bewahrt Iris Touliatou mit Erinnerung getränkte Flüssigkeiten in kleinen Flakons auf: einen Rest Gin and Tonic aus einer Bar in Athen, der neben Alkohol auch einen konzentrierten privaten Moment erhält. Gaston Bachelard, französischer Raumtheoretiker, hat die Miniatur als glücklichen, weil beherrschbaren Raum beschrieben: eine Nussschale oder Seifenblase, die die ganze Welt repräsentieren kann. Doch diese vermeintlich harmlosen Objekte können auch spielzeuggroße Annäherungen an traumatische Ereignisse sein: So sind die fröhlich bunten Murmeln von Philip Topolovac aus Glasfundstücken aus Kriegszeiten geschmolzen, die Miniaturportraits von Yassir Ali Eldataly verweisen auf Bürgerkriegstote im Sudan.

Da sich in der Ausstellung viele Objekte auf engem Raum ballen, ist die Erschließung jedes einzelnen fast eine Kraftanstrengung. Es dauert eine Weile, bis man erkennt, dass auf dem magnetischen Bild "Between happening …" von Carla Chan Bataillone aus winzigen Eisenspänen auf und ab marschieren und immer wieder neue Formationen bilden. Doch auch das gehört zur Miniatur. Sie braucht Zeit, sie braucht Aufmerksamkeit. In der Stimmenvielfalt der Ausstellung gibt es keine einheitliche Aussage über das Kleine, sondern eher verschiedene Angebote, verzweigten Verweissystemen zu folgen. In seinen Theorien zur Miniatur führt Gaston Bachelard aus, dass es den Dichtern und Künstlern eigen ist, die Größe der Dinge zu ändern. Wenn Weite und Winzigkeit unendlich sind, dann sind diese beiden Dinge untrennbar miteinander verknüpft.

Drucken

Weitere Artikel aus Reviews