Abwesenheitsnotiz: Anahita Razmi

Sommer in Istanbul

ANZEIGE

Was machen Künstler im Sommer? In unserer Serie "Abwesenheitsnotiz" bitten wir um ein Lebenszeichen. Anahita Razmi arbeitet in schwieren Zeiten als Stipendiatin in Istanbul

"Sommer 2016 verbringe ich in Istanbul, ganz offiziell abgesandt mit einem Stipendium vom Berliner Senat. Heute Abend fahre ich ausnahmsweise Taxi von einer Bar im Stadtteil Cihangir, wo ich Freunde getroffen habe, zu meiner Stipendiatenwohnung in Osmanbey. Der Taxifahrer, ein älterer Mann mit Schnurrbart, ist freundlich und spricht ein wenig Englisch, wir machen Smalltalk über türkischen Fussball, deutschen Fussball, Mesut Özil und Lukas Podolski. Die EM ist nicht lange her. Zeitlich noch näher liegt allerdings der Putschversuch in der Türkei vor drei Tagen, ich gehe das erste Mal abends hinaus seitdem.

Auf meinem Nachhauseweg liegt der Taksim-Platz, der Hauptplatz für Versammlungen in Istanbul. Auch das Taxi hat keine Wahl und passiert ihn nun am Rande. Ich schaue aus dem Fenster in ein Meer aus türkischen Flaggen, hupende Autos mit offenen Verdecken, aus denen Jungskörper in Türkei T-Shirts quellen, fahren an uns vorbei. Musik spielt, die Stimmung ist euphorisch. Gefeiert wird der Sieg der Demokratie nach der Niederschlagung des Putschversuchs. Das Ganze wirkt, als hätte die Türkei die EM gewonnen. Mein Fahrer allerdings ist komplett still geworden, wir fahren im stockenden Verkehr an allem vorbei, ohne ein Wort. Auch mir steckt ein großer Kloß im Hals.

Morgen wird der Ausnahmezustand ausgerufen werden. Es werden viele Menschen verhaftet werden und entlassen werden, Militär, aber auch Akademiker, Lehrer, Journalisten und andere angebliche Staatsfeinde.

Die Party auf dem Taksim-Platz wird weitergehen jeden Abend und das alles feiern. Und der Sommer in dieser wunderschönen, vielgestaltigen, herzlichen Stadt? Ist schwer."

In der Reihe "Abwesenheitsnotiz" erschienen in diesem Sommer bereits Beiträge von Bettina Meier und Martin Fengel

Drucken

Zurück zur Übersicht

Weitere Artikel aus dem Dossier