Letzter Akt

Sachsen, meine Bühne

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Sophie Dannenberg ist vom sächsischen Lachen verzaubert

Es war wohl 1986, im Jahr, in dem Tschnernobyl in die Luft ging und Jörg Haider FPÖ-Vorsitzender wurde, als wir nach Dresden auf Klassenfahrt fuhren. Wir hatten uns wochenlang vorbereitet und wussten alles über die DDR: Antifaschismus, Wirtschaft, Wahlen. Und über Dresden: Bombardierung, Frauenkirche, Semperoper. Nur, dass die DDR ein totalitärer Staat war, hatten wir nicht auf dem Schirm, denn die Reise diente der Völkerverständigung.

Den Einreiseantrag nahm ich darum nicht ernst. Ich hatte verschusselt, meinen Personalausweis zu beantragen, und als die Lehrerin die Anträge einsammelte, kritzelte ich eine fantasierte Zahlenfolge in das Feld für die Ausweisnummer. Dann vergaß ich das Ganze.

Es fiel mir erst wieder ein, als der Reisebus an der Grenze stand. Mir wurde ganz anders, denn zwar hatte ich inzwischen meinen Ausweis, aber die Nummer war natürlich falsch. Die Lehrerin verschwand beunruhigend lange im Kabuff mit den Grenzern. Hinzu kam, dass ein paar der Jungs im Bus den "Wachturm" dabei hatten, den ihnen ein Zeuge Jehovas an der letzten Raststätte angedreht hatte.

Unser Lehrer befürchtete, man würde uns wegen Zeitschriftenschmuggels nicht in die DDR lassen. Mir wurde auf einmal klar, dass das alles nicht komisch war. Der Lehrer versteckte den "Wachturm", wir kamen durch. Dresden lag im Elbtalkessel wie in einer zerbrochenen Schneekugel. Wir durften die Brücken nicht fotografieren, die sich matt über das Wasser beugten. Nicht nur die Stadt war grau, ihre Aura war es auch, ein feiner, wehmütiger Dunst, der sich erst in der Ferne verlor.

Die Leute auf der Straße sahen erschöpft aus, wir verstanden ihren Dialekt nicht, und überall schnauzten uns die Kellner an. Die FDJ-Funktionärin, die dazu verdonnert worden war, uns während eines "Begegnungsabends" die Vorzüge des Sozialismus zu vermitteln, erzählte uns stattdessen, wie schlimm die DDR sei. Sie hatte müde blondiertes Haar und trug einen Synthetikpullover mit Puscheln. Beim Stadtrundgang starrten wir in ein Schaufenster, in dem nichts außer einem Rasierpinsel lag.

In der Oper lernten wir ein anderes Dresden kennen. Es gab eine Operette, die Sänger rannten in barocken Kostümen hin und her und verschwanden ständig hinter wippenden Theatertüren. Aber, anders als wir, lachte das einheimische Publikum nicht nur über die Handlung. Die Sänger versahen ihre Dialoge mit Anspielungen, die offenbar politisch waren und die wir nicht decodieren konnten. Das Lachen der Dresdner klang anders als unser lautes Lachen, mehrschichtig, stiller, voller Kadenzen, die wohl eine Antwort auf den doppelten Boden des Schauspiels formten.

Auf der Heimfahrt entdeckte ein Grenzer den "Wachturm" in unserem Reisebus und enttarnte ihn als antisozialistisches Propagandamaterial. Unsere Lehrer hatten alle Mühe zu erklären, wo das herkam, und mir fiel mein gefälschter Antrag wieder ein. Ich fantasierte meine Verhaftung, Verhöre, internationale Verwicklungen und merkte kaum, dass wir längst wieder fuhren, auf einer perfekten glatten Straße ohne die Querfugen der Plattenautobahn.

Wenn ich heute nach Dresden komme, sehe ich die vollen Schaufenster und die restaurierten Gebäude, die Touristen und die Werbeschilder. Dann denke ich noch immer an den wehmütigen Dunst und die Kadenzen im Lachen.

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