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Rachel Rose in Bregenz

Angstfrei in den Weltraum

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Im Kunsthaus Bregenz wird Rachel Rose schwerelos

Das Kunsthaus Bregenz mit seinem Betonkubus von Peter Zumthor ist ein perfekter Resonanzkörper für Rachel Roses sinnliche Bilderreisen in Raum und Zeit. Mit gerade mal 31 Jahren ist die US-Amerikanerin die jüngste Künstlerin in der 20-jährigen Geschichte des Hauses, in der sie sich nun zwischen Schwergewichten wie Cindy Sherman oder Lawrence Weiner bewegt und dabei Mut zum Understatement beweist.

Auf Zumthors geätzte Glastafeln reagiert sie im Erdgeschoss mit Mittelalter-Motiven. Sie scheinen dem Tagesverlauf einer geheimnisvollen Gemeinschaft zu folgen und sind bis zur Decke in eine der Wände hineinmontiert – womit Rose nebenbei etwas altklug auf die Kirchenfenster eines Gerhard Richter oder Sigmar Polke antwortet. Die drei Stockwerke darüber beeindrucken mit einer Ausstellungsarchitektur, die an den schwarzen Monolithen in Stanley Kubricks "2001" erinnert: gigantische Klötze, durch die man herumschleichen kann, was die Wirkung der zehnminütigen Filme "Everything and More", "A Minute Ago" und "Palisades in Palisades" enorm verstärkt.

Auf der Hinterseite wähnt man sich buchstäblich im Bauch der Projektion, einer warm blubbernden, angenehm verschwommenen B-Seite des amerikanischen Unabhängigkeitskrieges, zwischen den Stofffasern eines Gemäldes von Nicolas Poussin, eingetaucht in die mikroskopisch vergrößerten Blutgefäße einer jungen Frau oder im Schlepptau von Philip Johnson, der durch sein ikonisches Glashaus geistert. Barrieren fehlen in diesem collagierten Kontinuum aus Molekülen, Geschichtsschnipseln und endlosen Milchstraßen gänzlich, weswegen man sich auch angstfrei in den Weltraum begibt, verbunden über eine imaginäre Nabelschnur mit dem Protagonisten aus "Everything and More", dem Nasa-Astronauten David Wolf, dessen Stimme aus zwei kleineren Monolithen zu vernehmen ist. Die Boxen platziert Rose auf einem Teppich vor der Leinwand, am Rande eines Gewirrs aus Kabeln.

Hört man den Worten des Kosmosreisenden zu, muss man die Installation als Einladung verstehen, in der Schwerelosigkeit die ermüdeten eigenen Sinne nachzujustieren. Ausgestreckt auf einem Teppich, gelingt die Wahrnehmung von Farben, Formen und nicht zuletzt des raffinierten Umgebungssounds nun mal leichter.

Umso mehr erschrickt man, als im letzten Stockwerk der kuschelige Teppich nicht mehr ausgefahren wird. Der Absturz in die Realität kommt in der Gestalt eines Hagelschauers mitten am sommerlichen Strand. Jeder Schutz ist eine trügerische Simulation, die Welt fragmentarisiert sich zu Tode, so die Botschaft unter dem Museumsdach. Solange Rose dabei die Übersicht behält, nimmt man ihre verschwenderischen Menschheitsepen gerne in Kauf.

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