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Zoë Lescaze über ihr Buch "Paläo-Art"

Gefährlich, aber tot

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Dinosaurier fordern seit ihrer Entdeckung die Fantasie der Menschheit heraus. Ein neuer Band zeigt die Geschichte der Paläo-Art, herausgegeben hat ihn die Kunstkritikerin Zoë Lescaze

Sie schreiben für Kunstmagazine über Gegenwartskunst. Jetzt haben Sie ein großes Buch über die Darstellungen von Dinosauriern herausgebracht. Wie passt das zusammen?
Mich haben die Überschneidungen von Wissenschaft und Kunst immer sehr interessiert. Ich bin in New York aufgewachsen und habe in meiner Kindheit viel Zeit im Natural History Museum verbracht. Mein Kinderzimnmer sah auch aus wie ein taxidermisches Museum, mit lauter ausgestopften Tieren und Fossilien.

Was interessiert Sie an historischen Darstellungen einer ausgestorbenen Spezies?
Wie zum Beispiel Dioramen im Museum ausgestattet sind, ist immer sehr subjektiv. Nehmen wir zum Beispiel den großen starken Gorillavater, der in der Mitte platziert ist, das Gorillaweibchen hält das süße Baby. Es gibt immer diese sehr menschlichen Erzählweisen. Das trifft umso mehr auf Paläo-Kunst zu, denn niemand hat die prähistorischen Tiere je gesehen. Es gibt gewissermaßen noch mehr Raum für Interpretation und Projektionen. Ideale, Ängste, all das wurde auf diese mysteriösen Tiere übertragen.

Welche wiederkehrenden Muster haben Sie bei Ihrer Recherche immer wieder gefunden?
Durch die Geschichte der Paläo-Art gab es Künstler und Wissenschaftler, die sich diese vergangene Zeit als finstere, gewalttätige Ära vorgestellt haben, in der sich tödlich verfeindete Monster gegenseitig bekämpfen. Genauso gab es aber welche, die sich alles ganz idyllisch und friedvoll vorstellten und die Bilder von großer Schönheit und Harmonie geschaffen haben. Im frühen 19. Jahrhundert, wo meine Sammlung beginnt, gab es erst sehr wenige Fossilien, auf die man sich beziehen konnte. Es waren nur drei Arten von Dinosauriern bekannt. Ein Künstler musste vielleicht mit einem Knochen aus dem Zeh und aus dem Kiefer klarkommen, das war alles was er hatte, um sich das Tier und seine ganze Welt vorzustellen.

Wenn die Bilder der Dinosaurier genauso viel über die Zeit ihrer Entstehung aussagen wie über den Stand der damaligen Wissenschaft, gab es auch ideologische Untertöne?
Im 19. Jahrhundert haben sich die napoleonischen Kriege mit ihren ganzen Seeschlachten deutlich niedergeschlagen. Die wurden fortgeführt mit einander dramatischen bekämpfenden Seesauriern. Ein britischer Künstler, der für seine apokalyptischen Bibeldarstellungen bekannt war, machte dem Zeitgeschmack entsprechend schaurige Gothic-Bilder von Sauriern. Jedes Stück Paläo-Art verweist auf die fossilen Beweise, aber genauso auf die Persönlichkeit des Künstlers, auf die politische und kulturelle Lage und den Kunstgeschmack.

Der Unterhaltungswert ist natürlich auch größer, wenn Vulkane ausbrechen und Blut fließt.
Es gibt Bilder, die verrückte Schlachten zeigen, in denen Menschen gegen Flugsaurier kämpfen, die definitiv nicht zur selben Zeit gelebt haben. Sie entstanden zu Unterhaltungszwecken, es kommen auch Einhörner darin vor. Die jeweilige kulturelle Fantasie spielt immer mit hinein. Im Übrigen nicht nur bei den Künstlern, auch bei den Wissenschaftlern! Genau das interessiert mich an Paläo-Art, diese Balance aus Fakt und Fantasie. Man schaut sich diese Bilder unter ganz anderen Voraussetzungen an als in einem Kunstmuseum.

Wie erklären Sie sich, dass so viele Kinder in einem bestimmten Alter Experten für Dinosaurier werden?
Die Faszination für Dinosaurier hat bestimmt auch damit zu tun, dass sie furchterregend und grauenhaft sein können, und zugleich vollkommen harmlos, weil sie ausgestorben sind. Die Beschäftigung damit ist eine Beschäftigung mit der Endlichkeit – der eigenen oder der einer ganzen Spezies.

Heute stirbt die Paläo-Art selbst aus, oder?
Sie hat einen schweren Stand, weil sie vom wissenschaftlichen Standpunkt aus angreifbar ist. Viele der Details sind überholt, es gibt neue Erkenntnisse. Zum Beispiel, dass der Tyrannosaurus Rex  seinen Schwanz immer in der Luft hielt, zu Balancezwecken. Auf vielen Darstellungen stütz er sich in aufgerichteter Haltung auf diesen Schwanz. Darum werden die Bilder aus vielen Museen ausgemustert, weil sie nach den neueren Erkenntnissen nicht mehr ganz korrekt sind. Ich finde das sehr bedauerlich. Denn diese Bilder haben eine kulturelle und künstlerische Komponente, und die ist nach wie vor gültig und absolut spannend.

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