Dirigent Christian Thielemann im Interview

"Operette ist wie Cola"

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Christian Thielemann, Chefdirigent der Sächsischen Staatskapelle, spricht im Interview über Heimat, Hotels und die Lust an der leichten Muse

Herr Thielemann, Sie sind nun seit fünf Jahren Chef der Sächsischen Staatskapelle. Um gleich mal indiskret zu werden: Wohnen Sie eigentlich auch in Dresden?
Christian Thielemann: Nein, ich wohne dort im Hotel. Was bisher so an Wohnungsangeboten kam, war nicht zufriedenstellend. Und ehrlich gesagt habe ich auch keine Zeit, mich abends noch um eine Wohnung zu kümmern, wenn ich von den Proben heimkomme. Ich fühle mich trotzdem in Dresden zu Hause und bin Teil der Stadt geworden. Deshalb muss ich nicht drei Toaster besitzen und meine Bücher quer über verschiedene Wohnungen verstreuen. Das kenne ich schon, das brauche ich nicht.

Sie gelten als bekennender Preuße. Fühlen Sie sich da überhaupt wohl in Sachsen? Das Verhältnis zwischen den beiden Ländern war ja historisch nicht immer gerade friedlich.
Ich bin selbst halber Sachse und ein halber Pommer, aber geboren in Berlin. Die ganze Familie meines Vaters kommt aus Sachsen und hat vor 200 Jahren noch in Dresden und Riesa gewohnt. Eigentlich bin ich also nur ein "Beutepreuße". Ich habe Familienforschung betrieben.

Bevor oder nachdem Sie zur Staats­kapelle kamen?
Ich wollte das schon immer machen, hatte auch schon in die Familienbücher geschaut. Als ich nach Dresden kam, habe ich dann eine Anfrage ans Sächsische Hauptstaatsarchiv gestellt. Ich hatte schon immer einen Hang zum Osten, genau kann ich das nicht begründen. Vielleicht ist es die Weite der östlichen Landschaften. Aber ich probiere, das Preußische und das Sächsische zusammenzubringen. In Dresden ist das nicht immer ganz leicht. Dort spricht man von Friedrich dem Großen ja immer noch mit leicht zusammengebissenen Zähnen. Bei mir gibt es sicher einerseits einen Hang zu einer gewissen Pedanterie, die Sie preußisch nennen können, wenn Sie wollen, andererseits versuche ich, die Sachen auch mal laufen zu lassen. Wenn ich dem Orchester alles vorschreibe und alles Mögliche in die Noten eintrage, bin das auch nicht mehr ich. Ich bin ein Improvisator.

Und das ist für Sie sächsisch?
Ja. Andererseits: Bitte nicht die alten Vorurteile über Preußen. Es ist dort auch eine der schönsten Formen des Rokoko entstanden. Und der Klassizismus hat Formen von einer Eleganz hervorgebracht, das können Sie gar nicht fassen – die Schönheit dieser Möbel oder die Berliner Vedutenmalerei zwischen 1820 bis 1860. Noch Mies van der Rohe hat sich ja von Schinkels Architektur anregen lassen.

 

Man sagt Ihnen nach, dass Sie nicht gern reisen.
Ich mache auch mit den Wiener Philharmonikern viel, da kann man von Berlin aus hervorragend hinfliegen. Aber Dresden ist mein Hauptstandort geworden. Dann schaue ich noch jedes Jahr auf ein oder zwei Konzerte bei den Berliner Philharmonikern vorbei, mache im Sommer Bayreuth und das war's. Ich gehe nicht mehr nach New York oder London zu Gastdirigaten. Das habe ich alles gemacht, aber irgendwann herausgefunden, dass ich meine Kraft fokussieren muss. Wenn ich in Dresden dirigiere, zahle ich sozusagen auf mein eigenes Konto ein, weil das Orchester und ich sich dann gemeinsam weiterentwickeln.

Die Staatskapelle ist ein sehr traditionsreiches Orchester, mit 450 Jahren Geschichte im Rücken. Wer, würden Sie sagen, hat in den letzten Jahren wen mehr beeinflusst, Sie die Staats­kapelle oder die Staatskapelle Sie?
Das ist eine Symbiose. Die Kapelle hat mich durch ihre Kompetenz auf den Gebieten beeinflusst, auf denen auch ich selbst viel Erfahrung mitbringe. Wenn ich in Dresden Richard Strauss dirigiere, habe ich immer das Gefühl, er kommt gleich zur Tür herein. Wir passen irgendwie zusammen. Ich mag diesen Klang, der rund und nie zu dick ist, dunkel, aber eigentlich gar nicht mal extrem, sondern auch mit Helligkeit gemischt. Vor allem aber nie kantig. Das kommt mir persönlich sehr entgegen.

Was Sie da beschreiben, nennt man manchmal auch den "deutschen Klang". Ist das ein Begriff, der für Sie eine Rolle spielt?
Den einen deutschen Klang gibt es nicht. Schon die Wiener Klassik fächert sich auf, ein früher Beethoven sollte anders klingen als ein später. Schumann und Mendelssohn klingen wieder anders als Brahms. Wagner? Nun, er schillert. Bei ihm gibt es die Leichtigkeit, die nach Mendelssohn klingt, aber dann auch das Schwere. Und wenn man Strauss zu schwer nimmt, klingt er platt und dumpf. Es gibt verschiedene Stile innerhalb des sogenannten deutschen Klangs. Der Klang der Sächsischen Staatskapelle wird oft als Synonym für diesen Klang betrachtet, weil sich das Orchester immer besonders zwischen diesen Stilen bewegt hat. Auf dieser Basis spielen sie dann aber auch französische Musik oder Schostakowitsch.

Ihr eigenes Repertoire scheint sich aber oft auf einen Kanon in der deutschen Romantik zu begrenzen.
Das stimmt so nicht. Natürlich habe ich mit vielen Stücken unglaublich viel Erfahrung, weil ich sie so oft gemacht habe. Aber ich beschränke mich nicht, ich bin neugierig. Mir bleibt immer relativ wenig Zeit für Neues, weil die Staatskapelle eben bei ihren Tourneen im Ausland genau für dieses Repertoire gebucht wird, von dem Sie sprechen. Aber in Dresden nehme ich in die Programme auch relativ ungewöhnliche Stücke auf. Insofern versuche ich, beides zu machen. Man denkt immer, ich dirigiere jedes Jahr den ganzen Wagner, aber das ist Unsinn.

Es gibt die Kritik, dass Sie in der Semperoper bei zu wenigen Opern­vorstellungen selbst am Pult stünden. Können Sie die nachvollziehen?
Ich mache, was vertraglich vereinbart ist – und ich probe viel. Das ist schließlich auch Dirigieren. Jetzt nehmen wir Wagners "Ring des Nibelungen" wieder auf, da fallen allein schon über ein Dutzend Proben an. Ich könnte stattdessen auch 20-mal den "Rigoletto" öffentlich dirigieren, aber dann entwickelt sich
das Orchester nicht weiter. Ich brauche auch Zeit, um die Stücke zu studieren, die ich noch nicht dirigiert habe. Dazwischen einfach mal schnell noch eine Vorstellung runterreißen, war nie meine Sache. Das wird dann auch nicht so gut, wie die Kritiker das von mir erwarten. Was wir machen, muss sitzen.

 

Ungewöhnlich sind auf jeden Fall Ihre Silvesterprogramme, die das ZDF überträgt: Christian Thielemann als Operettendirigent …
Für dieses Jahr haben wir sogar UFA-Filmmusik aufs Programm gesetzt und dazu Stücke des Salonorchesters von Marek Weber, der 1933 emigriert ist. Ich bin ein großer Operettenfreund. Insgesamt würde ich gern noch mehr machen, aber ich brauche auch freie Zeit zum Atemholen. Auf ein total ein-
geschränktes Privatleben habe ich keine Lust und neben der Musik noch einige sehr starke Interessen, denen ich auch nachgehen will. Ich will auch nicht mein ganzes Leben im Hotel verbringen. Jeden Abend ein Orchester zu dirigieren, auch wenn es zu den besten der Welt gehört, ist, wie wenn man jeden Abend eine Flasche Dom Pérignon aufmacht: Irgendwann kriegen Sie Lust auf Cola.

Und die Operette ist Cola?
In gewisser Weise schon, aber eine ziemlich edle Cola. Ich mag an der Operette diese Variabilität in den Tempi. Bei Wagner, Strauss und Beethoven kommt mir das dann zugute. Als Opernorchester muss die Staatskapelle ja sowieso die ganze Bandbreite abdecken. Den Musikern macht das auch Spaß. Kurz vor Weihnachten sehe ich bei den Proben immer, wie die Leute amüsiert rausgehen. Operette wird erst richtig gut, wenn sie auf einem hohen Niveau musiziert wird. Sie ist ja für die großen Sängerstars ihrer Zeit kom­poniert worden. Das merkt man erst richtig, wenn man die "Csárdásfürstin" mit einer Netrebko macht.

Ist die Operette erotischer als Wagner?
Wagner wird durch die Operette erotisch.

Wo steckt denn die Operette bei Wagner?
Na, überall, in jeder Tempoverzögerung, in allem, was man nicht einfach geradeaus dirigieren kann. In der Operette kann man die Kunst der leichten, geschmackvollen Temporückungen lernen. Bei Wagner müssen Sie manchmal auch den Holzhammer nehmen. Aber danach geht es auch wieder um subtilste Abschattierungen, und die kann man beim Dirigieren von Operetten lernen. Wenn man da übertreibt, wird es sofort geschmacklos und flach. Operette schult die Geschmackssicherheit.

Sie haben mal gesagt, Sie könnten sich vorstellen, zum Silvesterkonzert auch Helene Fischer einzuladen.
Warum denn nicht? Ich habe keine Berührungsängste. Wenn die Staats­kapelle einen Schlager spielt, ist das schon an sich ein Ereignis. Karajan hat ja gesagt, die Staatskapelle klinge "wie altes Gold". Das dann in einem alten Schlager – was will man mehr?

Hören Sie privat auch nichtklassische Musik?
Im Auto höre ich immer alles Mög­liche, weil ich dort nicht gern Klassik höre. Bei Klassik fange ich an, schlecht Auto zu fahren, weil ich zu genau hinhöre. Aber auf einer Autofahrt von Berlin nach Bayreuth kann man sich auf verschiedenen Kanälen gut informieren, was gerade so los ist. Die Berufe von Musikern sind nicht so unterschiedlich. Ein Schlagersänger muss auf Knopfdruck diese gute Laune herstellen können, auch wenn er vor-her im Hotel­zimmer sitzt und gerade eigentlich überhaupt keine Lust hat. Ich gebe zu: Ein Dirigent kann auch mal "Die lustigen Weiber von Windsor" leiten, wenn er gerade nicht so gut gelaunt ist. Aber auf Knopfdruck funktionieren muss er auch.

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