Diskussion um Zukunft des Berliner Atelierkomplexes

Nach Verkauf der Uferhallen: Wie geht es weiter?

ANZEIGE

Nachdem die Uferhallen in Berlin-Wedding an eine Investorengruppe um die Rocket-Internet-Gründer verkauft wurden, formiert sich Widerstand unter den Künstlern, die auf dem Gelände arbeiten. Eine Diskussionsveranstaltung sollte am Dienstag mehr Klarheit bringen

Der Boden ist überzogen von feinem Staub, Pakete mit frischem Ton liegen in der Ecke, irgendwo steht ein Hubwagen. Ein verwelkter Adventskranz hängt an einem überdimensionierten Haken von der hohen Decke. Und der Mitte des Raumes erhebt sich eine steile Tribüne, auf der kleine Tonskulpturen platziert sind. Der Bildhauer Georg Korner arbeitet hier, in einer ehemaligen Bus-Werkstatt in Berlin-Wedding.

Wie lange er noch hier bleiben kann, ist derzeit unklar. Vor knapp zwei Wochen wurde bekannt, dass die Uferhallen und damit auch Korners Atelier an die Augustus Capital verkauft wurde. Hinter dem Namen verbergen sich offenbar die Samwer-Brüder, Gründer von Rocket Internet und Anteilseigner des Internethändlers Zalando. In Berlin haben sie sich in den letzten Jahren mit ihren selbstsicheren  bis großspurigen Auftritten nicht nur Freunde gemacht.

Nun gehören ihnen wohl die Uferhallen. 27 Millionen Euro sollen sie dafür gezahlt haben. Viele der über 50 Künstler, die auf dem Gelände arbeiten - darunter bekannte Namen wie Katharina Grosse, John Bock und Monica Bonvicini - sind jetzt besorgt. "Ich habe einen Gewerbemietvertrag mit einer dreimonatigen Kündigungsfrist. Das ist schon beunruhigend", so Georg Korner, der zu einer Diskussionsrunde (die Samwer-Brüder würden wohl sagen: "Panel Talk") in sein Atelier geladen hat. Vor seiner Arbeit "Transit" sitzt er mit Autor und Musiker Jan Kage und dem SPD-Bundestagskandidaten Tim Renner.  

Zur Diskussion mit dem reißerischen Titel "Wer schützt die Künstler vor dem Kapital?" sind vor allem auf dem Areal arbeitende Künstler und Lokal-Politikjournalisten gekommen, letztere wegen Tim Renner.

Der ehemalige Kulturstaatssekretär macht gleich zu Beginn deutlich, welche Möglichkeiten die in den Uferhallen arbeitenden Künstler haben, um sich gegen einen Rauswurf zu wehren. "Man muss den Investoren zusammen mit der Politik klarmachen, dass es Probleme geben wird. Und dann kann man nur damit anfangen, das Rechtsspiel zu spielen." Er spricht von Milieuschutz, für dessen Anwendung auf das Gelände es jetzt zu spät sei, von einem Stadtentwicklungsplan Kultur, an dem der Senat derzeit arbeiten sollte, und davon, dass 50 Prozent der Fläche von Berlin der Stadt selbst gehöre. Das sei wesentlich mehr als in anderen Städten und eine gute Voraussetzung für nachhaltige Kulturpolitik. "Die Politik kann und muss die vielen Karten, die sie hat, ausspielen."

Noch haben die Investoren keinen Kontakt zu den Mietern aufgenommen. Ein Künstler aus dem Publikum, der anonym bleiben will, hält die Einleitung eines Dialogs zwischen Investoren, Politik und Mietern für den wichtigsten nächsten Schritt.

Für einen sachlichen Austausch und Dialog scheint die Thematik momentan noch zu emotional aufgeladen. Die in den Uferhallen arbeitenden Künstler fühlen sich von der Politik alleine gelassen, und einer von ihnen sagt über die Samwer-Brüder: "Die saufen Abends zusammen und stellen fest, dass Berlin extrem billig ist. Die werden sich in den nächsten Jahren noch viel mehr schnappen."

Für die Empörung auf Seiten der Mieter sind auch die fast utopischen Konditionen verantwortlich, mit denen die ehemaligen Eigentümer die Künstler auf das Gelände gelockt haben. Mietverträge über 27 Jahre und Aktienanteile am Areal waren keine Seltenheit. Das soll den Künstlern jetzt genommen werden, so befürchten sie. Ein wenig Licht im Dunkel: Ein Mietvertrag läuft noch bis 2029 und die Mieter halten weiterhin 4,8 Prozent der Aktien.

Trotzdem geht hier niemand ernsthaft davon aus, auf unbestimmte Zeit in den Uferhallen weiterarbeiten zu können, so hat man an diesem Abend das Gefühl. Wie es weitergeht, ist weiterhin unklar.

Drucken

Weitere Artikel aus Interpol