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"Luther und die Avantgarde"

Der Reformator als Projektionsfläche

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In Wittenberg, Berlin und Kassel treffen "Luther und die Avantgarde" ungebremst aufeinander

Die Arbeit von Olaf Metzel könnte eine frühe Zusammenfassung des Jahres 2017 sein. Im Treppenhaus der ehemaligen Justizvollzugsanstalt Wittenberg ballt sich eine zerknüllte Glanzpapierwolke aus vergrößerten Zeitungsausschnitten über Martin Luther zusammen. Die hängende Skulptur aus Reformations-Reflexion trägt den pragmatischen Titel "Luther rauf und runter". In einem Jahr, in dem jeder vom Papst bis zu Playmobil den 500. Jahrestag der 95 Thesen begeht, scheint es schwer, noch etwas Neues über den omnipräsenten Theologen zu sagen.

Die Ausstellung "Luther und die Avantgarde" in Wittenberg, Berlin und Kassel versucht es trotzdem und fragt nach dem Widerhall der Reformation in der zeitgenössischen Kunst. Die Hauptausstellung im Wittenberger Gefängnis nistet sich in über 60 umgebauten Zellen ein. Zhang Peili lässt acht Radios gleichzeitig durch den Raum plärren, Christian Jankowski castet den perfekten Jesus, und Jonathan Meese spielt seinen Luther als cholerischen Diktator im Casinokerker.

Weniger opulent wird das Verhältnis des Reformators zu Bildern verhandelt: Die katholischen Wunderbilder verachtete er und glaubte doch an Darstellungen als Verkünder seiner Botschaft. Mit schwarzen Spiegeln, umgedrehten Leinwänden und abstrahierten Talaren nehmen Christian Boltanski, Thomas Huber und Tal R diese luthersche Widersprüchlichkeit zwischen Bilderskepsis und Bildpropaganda auf. Die Verbindung von Ikonoklasmus und Abstraktion zieht sich durch einen ganzen Flur und ist vielleicht der Luther-Diskurs, der die Kunst am spezifischsten betrifft.

Dass der Bibelübersetzer auch als Sprachreformator und früher Medienmogul rezipiert wird, führt viele Positionen in die digitale Gegenwart. Unter dem Gefängnisdach schreibt ein vom Kollektiv Robotlab programmierter Roboterarm mit einer Füllfeder und rührender Präzision die Luther-Bibel ab, und auf dem Hof hat Achim Mohné Steinplatten in verschiedenen Grautönen bemalt – erst aus der Sicht einer Drohne ergibt das Mosaik ein verpixeltes Porträt des Gegenwartsmärtyrers Edward Snowden.

Was die Gruppenschau in Wittenberg vor allem zeigt, ist Luther als Palimpsest, den Reformator als Projektionsfläche, die jede Generation von Künstlern neu bespielen kann. Die beiden Extreme der zeitgenössischen Reflexion lassen sich an den Außenstandorten Kassel und Berlin besichtigen. Während Thomas Kilpper den Mann Gottes als Barmherzigen liest und in der Karlskirche der Documenta-Stadt einen Leuchtturm für die Flüchtlinge von Lampedusa errichtet hat, zeigen Gilbert & George in der St.-Matthäus-Kirche in Berlin das Erbe von Luthers Antisemitismus und seinen klaren Feindbildern. Die kirchenfenstergroßen "Scapegoating Pictures" sind von den Sündenböcken unserer Zeit bevölkert: Burka-Frauen, Gotteskriegern, vermummten Teenagern. Und dazwischen die Londoner Künstler mit Maßanzug und Lachgasbomben. In der provokantesten Arbeit der Ausstellung kehrt Luthers Angst vor dem Teufel in Pop-Ästhetik wieder. Jede Zeit erschafft ihre Monster.

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