Editorial

Kunst ist Energie

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Man muss gönnen können. Das dachte sich Theodor Fontane, Preuße aus Prinzip und Leidenschaft, als er in seiner Lebenserinnerung zu einer "Sachsenhymne" anhob, die ihn fast erschreckte: Die Sachsen, schrieb Fontane am Ende des 19. Jahrhunderts, seien entgegen der allgemeinen Wahrnehmung nicht gemütlich, sondern energisch. Ihre Energie charakterisiere sie. Darum seien sie "noch lange nicht in der Art überholt, wie man sich's hierzulande so vielfach einbildet“. Gepaart mit einem hohen Sinn für Bildung und Kultur, seien deshalb "Anachronismen innerhalb der gesamten Anschauungswelt, Rückschraubungen, in Sachsen unmöglich".

Das war Lob aus überraschendem Mund, ist doch die Rivalität zwischen Sachsen und Preußen legendär. Ganz im Sinn Fontanes haben wir uns für Sie, liebe Leserin, lieber Leser, aufgemacht in den Freistaat und die Probe aufs Exempel gewagt: Wo gibt es energische Bühnenkünstler, die sich aller "Rückschraubung" enthalten und kraftvoll nach vorn schauen? Wir wurden fündig, und wir hätten mit den Funden ein zweites "Bühne Sachsen"-Magazin füllen können. Sachsen hat viele Tanz- und Puppen- und Kinder- und Musik- und Sprechtheater, über die es sich nicht nur "hierzulande" zu reden lohnt.

Christian Thielemann, Chefdirigent der Sächsischen Staatskapelle, greift den preußisch-sächsischen Gegensatz auf und versteht im exklusiven Interview das Sächsische als die Kunst, "die Sachen auch mal laufen zu lassen". Womit er eine Bestimmung der Kunst an sich liefert: Kunst ist Bewegung, Kunst setzt in Bewegung. Wir trafen Künstlerinnen, denen die Bewegung die authentische Ausdrucksform des Menschlichen ist. Die Choreografin Heike Hennig verwandelt die Gegenwart in mitreißende Tanzstücke. Die gebürtige Leipzigerin setzte sich auch persönlich in Bewegung, wurde im Sommer 1989 "Republikflüchtling" gen Ungarn, kam später mit ihrer Arbeit bis in die Vereinigten Staaten, nach Brasilien, Portugal. Die Sächsin lässt das Reisen nicht?

Auch der in Bautzen geborene Schauspieler Roman Knižka floh im denk­würdigen Jahr nach Ungarn. Ob er auf Heike Hennig traf? Das wissen wir nicht. Wohl aber erzählt einer der meistbeschäftigten Charakterköpfe des deutschen Fernsehens von seinen Anfängen als Theatertischler an der Dresdner Oper. Und von einem regime­kritischen Flashmob zu DDR-Zeiten, Codename: gelber Koffer. Pst.

Manchmal setzt die Kunst ganze Städte in Bewegung. Görlitz wird Bühne, wenn das drittgrößte Straßentheaterfestival Deutschlands die Perle an der Neiße ins Licht der Gaukler taucht. Freiberg wiederum beherbergt das älteste Stadttheater der Welt und ist mit dem bis heute quicklebendigen Musentempel und dessen internationalem Ensemble fest verschmolzen. Kluge Stadtväter wussten 1790, was Fontane später zum Lob des "hohen Bildungsmaßes" veranlasste: "Durch die Schauspiele" gewinne "der Nahrungsstand der Bürgerschaft". Mit der Freiberger ­Theatergründung wurde der Traum der großen Theaterreformerin Friederike Caroline Neuber wahr. Die 1760 gestorbene "Neuberin" kämpfte für ein bürgerliches Theater. Sie fände heute Gefallen am Formenreichtum von "Floor on Fire" im Festspielhaus ­Hellerau, wo die Tanzstile sich treffen.

"Bühne Sachsen" will eine Einladung sein: Lassen Sie sich gedanklich in Bewegung bringen, schauen, lesen, lachen, lernen Sie. Vielleicht stimmen Sie dann Fontane zu: Überholt ist hier noch lange nichts.

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