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Reliquien des Pop

Andy Warhols Pinsel

Henry Leutwyler dokumentiert im Band "Document" die Reliquien des Pop

"Zwischen Spätantike und Mittelalter", schreibt der Kulturwissenschaftler Hartmut Böhme in seinem erhellenden Buch "Fetischismus und Kultur. Eine andere Theorie der Moderne", "verwandelte sich Europa Christiana zu einem riesigen Netzwerk von geheiligten Körperfragmenten. Keine Kirche durfte geweiht werden, deren Altar nicht eine Reliquie enthielt." Gemeint sind damit jene künstlerisch banalen, ja abjekten Fetzen, die mit den Körpern von Märtyrern und Heiligen, am besten aber mit Jesus selbst in körperlichem Kontakt standen beziehungsweise selbst Teil jenes Körpers waren, also "Holzstückchen und Nägel vom Kreuz Christi, Zähne, Füße, Haare, Arme, Zehennägel, Schädel, Knochen, Finger, Kleidungsstücke". Um sie herum wurden Altäre und Kirchen errichtet, zwischen ihnen strömten die Pilger.

Eineinhalbtausend Jahre später ist der Reliquienkult nicht etwa verschwunden, sondern in der globalen Popkultur aufgegangen. Wir bestaunen die materiellen Zeugen unserer modernen Heiligen, der Stars und Geschichtshelden, wenn auch bevorzugt in Museen und in Büchern. Der in New York lebende Schweizer Fotograf Henry Leutwyler (*1961) hat zwölf Jahre damit verbracht, solche Objekte aufzustöbern und ins Bild zu setzen. Manche sind spektakulär, andere unscheinbar, viele wecken Erinnerungen.

Wie die in einen aufwendigen Behälter gesteckte Märtyrerhand sieht er aus, der strassbesetzte Handschuh, mit dem der King of Pop sein Reich regierte. Da ist Buster Keatons mit Zuckerwasser gestärkter und verkürzter Stetson (einer von Tausenden), die Brieftaschen von Elvis Presley und Jean-Michel Basquiat, die drei American-Express-Kreditkarten von Donald Judd und ein Pinsel von Andy Warhol, aber auch der Sozialversicherungsausweis des Unabombers. Die Dinge verströmen jenes eigentümliche "Fluidum" (Böhme), das aus der Kombination von maximaler Alltäglichkeit und ihrer Zeugenschaft bei Außergewöhnlichem oder sonst wie Denkwürdigem entsteht – am 6er-Eisen des Astronauten Alan Shepard wäre an sich nichts Besonderes, wenn er es nicht 1971 auf dem Mond geschwungen hätte.

Die Objekte erscheinen in dem liebevoll gemachten Buch als intime Beweismittel in einem Prozess, den wir Geschichte nennen. Gewehrkugeln aus dem amerikanischen Bürgerkrieg stehen neben Murmeln aus buntem Glas, wie Kinder sie lieben. Abraham Lincolns Zylinderkoffer unterhält sich mit einer Peitsche aus der Ära der Sklaverei. Es ist Leutwylers Kamera, die diese Dinge verhört, aber sie geben nicht alles preis. Die Aufnahmen haben keine Bildunterschriften, man muss erst hinten im Register nachschlagen, was etwas umständlich ist, aber zu Assoziationen und Rätselraten verführt. Was hat es auf sich mit diesem Taschentuch, was mit jenem Revolver? Ist das die vermoderte Handprothese eines Heiligen? Nein, erfährt man, es ist eine mechanische Hand, die einem ähnlich wirkmächtigen Wesen gehörte, wie es im Mittelalter ein Heiliger war. Sein Name war Kong: King Kong.

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