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Mixtape-Cover-Art

Leider geil

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Auf den Covern von Hip-Hop-Mixtapes ­blühen die wildesten Gestalterfantasien. Ein neuer Bildband zollt der Szene Respekt

Mixtape-Cover-Art ist eine eher unbeachtete Designkategorie einer Subkultur – die gleichwohl Millionen Fans zählt. Vor allem im Süden der Vereinigten Staaten brachten junge Rapper, Djs und Produzenten, die sich nicht an den Hip-Hop-Zentren Los Angeles und New York orientierten oder sich bewusst gegen einen Plattenvertrag bei einem Großlabel entschieden, unabhängige Mixtapes heraus, deren musikalische und lyrische Radikalität ihnen zu Ruhm und Geld verhalf und eine eigene Stimme gab: Man grenzte sich von den "Machtzentren" der East und West Coast ab, produzierte frei und flexibel Musik aus dem und für den Süden, die gleichwohl internationale Beachtung fand.

Verteilt wurden die Mixtapes dort, wo sie auch ihre Wurzeln hatten: auf der Straße. So gab es die side walk markets auf Bürgersteigen, oder die Macher fuhren mit dem Wagen durch die Vororte und verkauften aus dem Kofferraum heraus. Nicht selten konnten sie so 500 CDs oder mehr am Tag vertreiben, für fünf Dollar das Stück.

In diesem urbanen Spektrum sind auch die Anfänge des Mixtape-Cover-Designs anzutreffen, galt es doch, höchste Aufmerksamkeit bei den Kunden zu erreichen. Dies gelang mit krassen, überspitzten, intensiven Designs, deren Protagonisten von Dollarstapeln, Waffen, "Bitches" und Luxuskarossen umringt wurden. In comichafter Darstellung, einer extremen Photoshop-Ästhetik, collagierten Vorder- und Hintergründen einer grotesk wirkenden Lebensrealität schaffen Designer wie KidEight, Miami Kaos oder Tansta Bilder "extravaganter Rap-Fantasien und gangster lifestyles" (so der aus Atlanta stammende Rapper Scrilla). Nicht selten wurden Mixtapes nur wegen ihres Covers gekauft und so zu Sammelobjekten. Gleichzeitig wurde das Design im Laufe der Jahre immer politischer, immer stärker wurden die Bezüge auf politische Ereignisse, zum Beispiel die "Vote Or Die!"-Serie im Vorfeld der US-Präsidentschaftswahl im Jahr 2008.

Mit "Damn Son Where Did You Find This?" von Tobias Hansson und Michael Thorsby hat die Mixtape-Cover-Art ihre erste diskursive Publikation erhalten. Nach dem Erfolg der ersten Auflage, die im Selbstvertrieb über Onlineforen in wenigen Wochen ausverkauft war, liegt nun die zweite Auflage bei Walther König vor. Das Buch bildet eine Vielzahl radikaler Cover ab und erlaubt einen tieferen Einblick in die Denk- und Arbeitsweisen ihrer Produzenten. In Interviews setzen sich die Designer humorvoll und gleichzeitig ernsthaft mit ihrem Genre auseinander, beschreiben ihr persönliches und ökonomisches Umfeld. So boten Auftragsarbeiten am heimischen Computer mit gekrackter Adobe-Photoshop-Software manchem Teenager die Chance, sich Abstürzen durch Drogen, Kriminalität zu entziehen und selbst Popularität in einer internationalen Szene zu erlangen. Mit der Digitalisierung des Musikmarktes verschwanden auch die physischen Mixtapes. Zudem gab es in den Nullerjahren Klagewellen der Majorlabels gegen die illegale Nutzung von Samples und Tracks ihrer vertretenen Künstler. Bei Razzien gegen Piraterie wurden Hunderttausende Mixtapes konfisziert, neben Luxusautos und Drogen. Die Szene war unter Beschuss der Musikindustrie und der Behörden. Den Rest erledigte der freie Tausch von MP3s und JPGs.

Es ist eine Frage der Zeit, wann die innovativen Designs ihre Hall of Fame in einem amerikanischen Museum finden, vergleichbar den Sneaker-Ausstellungen der letzten Jahre. Tobias Hansson und Michael Thorsby haben schon einmal die Grundlage einer diskursiven Auseinandersetzung mit dem Genre der Mixtape-Cover-Art geschaffen.

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