Documenta-Chef

Gurlitt-Nachlass wird "integraler Bestandteil"

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Im Interview der Deutschen Presse-Agentur verrät der Leiter der Documenta erste Werke, die er auf der Weltkunstausstellung 2017 zeigen will, und warum er Athen als zweiten Standort gewählt hat.

In rund 15 Monaten soll die 14. Ausgabe der Weltkunstausstellung Documenta eröffnet werden. Erstmals geht es nicht in Kassel los, sondern in Athen. Im Interview der Deutschen Presse-Agentur stellt der künstlerische Leiter der Documenta 14, der Pole Adam Szymczyk, den Stand der Planungen für die weltweit bedeutendste Schau zeitgenössischer Kunst vor.

Herr Szymczyk, wie ist der Stand der Planungen der Documenta 14? Liegen Sie im Zeit- und Kostenplan?
Ja. Wir liegen im Zeit- und Kostenplan. Gemeinsam mit den Kuratoren und kuratorischen Beratern sind wir gerade mitten im Einladungsprozess der Künstler und anderen Teilnehmer der D14, außerdem finalisieren wir die Auswahl der Hauptstandorte der Documenta 14 in beiden Städten.

Was sind gerade die aktuellen Themen der Vorbereitungen, woran arbeiten Sie?
Wir haben vor kurzem die erste von vier Documenta-14-Sonderausgaben des 2012 in Athen gegründeten Magazins "South as a State of Mind" veröffentlicht und dazu in Athen, Kassel und Berlin Veranstaltungen organisiert. Die erste Ausgabe befasst sich mit zwei Fragestellungen, die für unsere Gegenwart relevant erschienen: Ent-Ortung und Enteignung. Dennoch ist das Magazin keine bloße Abbildung oder Nachbereitung des kuratorischen Prozesses, sondern vielmehr ein Werkzeug, ein Ort des Austausches, an dem die Ausstellung selbst entwickelt wird. Die Themen der Ausstellung werden zwischen dem kuratorischen Team und den Künstlern - einige davon finden Sie in der ersten Ausgabe des Magazins - entwickelt. Wir haben in Kassel thematische Recherchen angestellt, die sich auf die soziale und politische Geschichte der Stadt konzentrieren, wir wollen unbedingt auch die Kulturgeschichte der Stadt ernst nehmen: Die Tradition des antiautoritären Widerstands seit dem 19. Jahrhundert, die Ökonomien der Stadt Kassel, von der Zeit der Herrschaft der Landgrafen bis zum Nationalsozialismus. Vom Wiederaufbau der Stadt und ihrer Industrie in der Nachkriegszeit in Deutschland, in Europa, während der Umsetzung des Marshall-Plans - die Zeit, in der die Documenta gegründet wurde - und schließlich bis zur Manifestation des Neoklassizismus als Kostüm der Aufklärung, aber auch als Kostüm der Macht. Außerdem arbeiten wir an der Gestaltung des Teils der Ausstellung, der die Darstellung und Diskussion des Gurlitt-Nachlasses beinhaltet. Wir diskutieren in diesem Moment Entwürfe für die Ausstellungsarchitektur des Gurlitt-Komplexes für die Neue Galerie, sowie die Public Programs (Öffentliche Programme), die ein integraler Bestandteil dieses wichtigen Teils der Documenta 14 sein werden.

In Kassel ist derzeit von der Documenta 14 noch nichts zu sehen, das war bei der documenta 13 anders. Wie sehen Ihre Planungen dazu aus? Wann und wie wird die Documenta 14 auch nach außen sichtbar?
Ich möchte mich ungern der Tyrannei der Transparenz und Sichtbarkeit beugen. Es geht uns nicht so sehr um Sichtbarkeit, sondern um Lesbarkeit. Deshalb ist die Documenta 14 bereits durch die zahlreichen öffentlichen Auftritte, die mein Team und ich seit Oktober 2014 in Athen, Kassel und weltweit hatten, wahrnehmbar. Dann ist noch zu sagen, dass die Documenta 14 ein gänzlich anderes Projekt als die documenta 13 ist, gleiches gilt für die Zeit und die Umstände, in denen wir jetzt leben und die Ausstellung realisieren. Wir müssen uns fragen, was Kunst in unserer Gegenwart überhaupt tun kann, das ist einer der Gründe warum das Team der Documenta 14 in Athen und Kassel arbeitet: Um durch diesen Parallaxe-Effekt, der aus den unterschiedlichen Standpunkten der Ausstellung resultiert, etwas über die Welt zu lernen.

ZUR PERSON: Der 1970 in Piotrków Trybunalski geborene Pole Adam Szymczyk war von 1997 bis 2003 Kurator und Co-Gründer der Foksal Gallery Foundation in Warschau, ehe er als Direktor und Chefkurator zur Kunsthalle nach Basel wechselte. Die Zeitung "New York Times" bezeichnete ihn als den "Superstar unter den Kuratoren" und einen "kuratorischen Rockstar dieser Tage". Im November 2013 wurde er zum Leiter der Documenta 14 bestimmt und machte Schlagzeilen mit seiner Entscheidung, die Schau in Athen beginnen zu lassen.

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