Ende des Höhenflugs auf dem Kunstmarkt

Es wird bescheidener

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Jahrelang kannten die Preise für superteure Kunst international nur eine Richtung: aufwärts. Nun kühlt sich der überhitzte Markt ab. Aber die Stimmung bleibt trotzdem gut

Die ungebremste Rekordjagd im High-End-Segment des internationalen Kunstmarkts ist erst einmal vorbei. Nach Jahren des Booms kühlt es sich zumindest an der Spitze des Auktionsmarktes ab. Gab es 2015 noch Meisterwerke, die für weit mehr als 100 Millionen Euro versteigert wurden, so ging es 2016 bescheidener auf dem Tummelplatz der Superreichen zu. Anführer der Liste der teuersten Top Ten ist 2016 Claude Monets Gemälde "Meule", das bei Christie's New York umgerechnet 76 Millionen Euro brachte - immerhin ein Rekordpreis für den Impressionisten Monet. Werke von de Kooning, Picasso, Rubens, Munch, Modigliani oder Basquiat bewegten sich bei Christie's und Sotheby's zwischen 50 und 60 Millionen Euro. Schon im März hatte der Art Market Report der Kunstmesse TEFAF in Maastricht eine Schrumpfung des Marktes diagnostiziert – nach dem spektakulären Wachstum der letzten Jahre sei schon 2015 eine "unvermeidliche Abkühlung" eingetreten.

"Die Kunden sind in einer Zeit selektiv geworden, in der der Finanzmarkt und die politische Weltsituation sich geändert haben", sagt Philip von Württemberg, Europa-Chef von Sotheby's. "Es gibt insofern eine Zurückhaltung." Auch bei den Schätzungen seien die großen Auktionshäuser "nicht mehr da, wo wir früher waren". Das Preisniveau müsse heute konservativer sein. "Wenn ich heute etwas zu hochpreisig ansetze, dann fällt es durch." Im Klartext heißt das für Einlieferer, dass sie nicht mehr mit überzogenen Preisvorstellungen kommen und dann auf Garantien der Auktionshäuser zählen können. Aber das Problem sehen die Häuser auch im fehlenden Angebot. Denn das größte Argument gegen einen Verkauf von millionenschwerer Kunst sind derzeit die niedrigen Zinsen. "Was soll ich mit dem ganzen Geld", fragten sich viele potenzielle Einlieferer, heißt es unisono bei den Auktionshäusern. "Niedrigzinsen sind zwar ideal zum Einkaufen, aber wenn man das Geld nicht benötigt, etwa für ein Investment, dann muss man nicht verkaufen", sagt Württemberg.

Katerstimmung herrscht auf dem Kunstmarkt aber nicht. Der Kunstmarkt sei stabil und "bleibt hungrig", sagt Württemberg. "Der Markt ist außerordentlich stark", sagt auch Hans Neuendorf, Gründer des Online-Kunstdienstleisters Artnet. Auch die Sorge, dass mit dem Sieg von Donald Trump bei der US-Präsidentenwahl der Kunstmarkt einbreche, habe sich nicht bewahrheitet. Die deutschen Auktionshäuser sind vom überhitzten Markt in New York und den Höchstpreisen zwar abgekoppelt, präsentieren sich aber in Bestform. Mit spektakulären 34 Millionen Euro erzielte Grisebach in Berlin kürzlich binnen vier Tagen den höchsten Gesamtumsatz in der 30-jährigen Geschichte des Hauses. Lyonel Feiningers "Gelbe Gasse" (1932), geschätzt auf eine Million Euro, kam für gut 3,5 Millionen Euro unter den Hammer. Max Beckmanns "Stillleben mit brennender Kerze", geschätzt auf 700.000 Euro, wechselte für fast drei Millionen Euro den Besitzer. Das waren laut Grisebach die beiden teuersten Kunstwerke, die bislang im Jahr 2016 in Deutschland versteigert wurden.

Der Jahresumsatz bei Grisebach kletterte 2016 auf 55,6 Millionen Euro (2015: 53,6 Mio). Lempertz in Köln lag nach eigenen Angaben mit gut 58 Millionen Euro (2015: 55,5 Mio. Euro) sogar noch darüber. Spitzenlos des Jahres bei Lempertz war "Mädchen in Südwester" von Ernst Ludwig Kirchner, das für knapp 1,6 Millionen Euro versteigert wurde. Bei Ketterer Kunst in München gab es zwar keinen Millionenzuschlag in diesem Jahr - Spitzenlos war ein Ölgemälde von Emil Nolde, das für 725.000 Euro den Besitzer wechselte. Den Hauptmarkt mache bei den Auktionshäusern aber ohnehin der Bereich zwischen 50.000 und 500.000 Euro aus, sagt Inhaber Robert Ketterer. "Wir bewegen uns im oberen Mittelfeld und haben da eine sehr breite Masse an Kunstwerken und auch an Verkäufern. In unserem Bereich ist das ein sehr gesunder Markt." Den diesjährigen Gesamterlös bezifferte Ketterer Kunst auf 47 Millionen Euro. Auch Markus Eisenbeis, Inhaber des Kölner Auktionshauses Van Ham, ist mit knapp 30 Millionen Euro Jahresumsatz zufrieden. Klassische Moderne und Nachkriegskunst seien weiter nachgefragt. Die seit mehreren Jahren boomende kühle ZERO-Kunst sei "auf einem hohem Level angekommen". Eisenbeis sieht die 70er Jahre im Kommen - Sigmar Polke etwa hole auf. "Es ist immer so: Wenn eine Periode zu teuer wird, schaut man sich nach der nächsten um".

Selektiver wird der Markt etwa bei alter Kunst oder Kunstgewerbe. "Man muss da schon mit dem Besonderen kommen", sagt Eisenbeis. So gebe es derzeit großes Interesse an sogenannten Kunstkammer-Objekten wie kürzlich ein Narwal-Zahn, der für über 50 000 Euro versteigert wurde. In einem sind sich alle deutschen Auktionshäuser einig: Für ihr Geschäft ist das neue Kulturgutschutzgesetz ein Bremsklotz. Ketterer, Van Ham und Lempertz in Köln kritisieren einen hohen und oft nicht zu erfüllenden bürokratischen Aufwand. "In Zukunft wird es sicherlich für uns nicht leichter werden, aus der EU und Drittländern Kunst schnell genug ins Land zu bekommen", sagt auch Ketterer. Und Eisenbeis sagt: "Man wollte mit dem Gesetz vor allem den Handel mit Raubgrabungen unterdrücken. Das Problem ist aber, dass dieses Gesetz viel mehr betrifft, als vielleicht beabsichtigt war." Die Folge seien Wettbewerbsnachteile für den deutschen Kunsthandel.
 

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