Cindy Sherman in Stockholm

Duell der Blicke

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In einem ihrer frühesten Selbstporträts sieht man Cindy Sherman auf dem Küchenfußboden knien. Vor sich ausgebreitet hat sie die Ausbeute eines Einkaufs, Konserven, Sahne, einen Eierkarton. Ihr Blick ist bestechend, trotzig in eine Ecke des Raums gerichtet wie auf einen unerwarteten Eindringling. In Minirock und hohen Stiefeln, das Jackett eines nicht anwesenden Manns über die Schultern geworfen, lässt Sherman bereits erkennen, worauf sie hinauswill: sich gegen den männlichen Blick zur Wehr zu setzen, der Kategorisierung und den eindeutigen Zuordnungen zu widerstehen.

35 Jahre ihres Schaffens umfasst nun die große Retrospektive im Moderna Museet in Stockholm. Sie hebt vor allem auf den unheimlichen Aspekt von Shermans Identitätsspielen ab: „Untitled Horrors“ lauten Titel und Motto der Ausstellung. Darin sind die verschiedenen Werkphasen der 1954 geborenen amerikanischen Künstlerin Seite an Seite gestellt, manchmal auch über- und untereinander.

Der Besucher findet sich in einem Kabinett von Bildern wieder, von filmischen Selbstdarstellungen, digital verfremdeten Clowns, brutal scharfen Nahaufnahmen von schimmelnden Essensresten. Es geht hier nicht um Chronologie – die Kuratoren, die die Schau in enger Kooperation mit der Künstlerin selbst eingerichtet haben, präsentieren Shermans Werk als labyrinthisches Rätsel. Die Zusammenstellung widersetzt sich der Analyse, mischt die Bilder neu und ist eher als atmosphärische Zusammenschau denn als Übersicht inszeniert.

Es sind Shermans Selbstporträts, die die Museumssräume beherrschen. Mal überragt sie als Riesin mit blutroter Zunge eine Strandlandschaft voller Winzlinge, dann posiert sie in Clownmaske vor einer Kaskade digital erstellter Farben oder steht als ergraute Dame im Säulengang eines südländischen Anwesens. Nie ist es dieselbe Person, die einen aus diesen Bildern anguckt. Was ein Schaudern hervorruft, das man nicht abschütteln kann.

Mag sein, dass die kuratorische Strategie die Zugänglichkeit der Werke erhöht. Doch die Komplexität von Shermans Masken, ihre Wandlungsfähigkeit über die Jahre, ihre Anpassung an neue Techniken und wechselnde populärkulturelle Referenzen, rückt dabei leider in den Hintergrund.

"Cindy Sherman: Untitled Horrors", Moderna Museet, Stockholm, bis 19. Januar 2014

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