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Thomas Feuerstein in Berlin

Die Leber wächst mit ihrer Ausstellung

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Thomas Feuerstein und der Feuerbringer: Die Soloschau "Prometheus Delivered" im Berliner Haus am Lützowplatz

Fasziniert oder erschrocken reagieren zeitgenössische Künstler auf moderne Wissenschaft. Zum Beispiel Lynn Hershman Leeson mit einem Bildatlas der genmanipulierten Laborwesen: Darin ein dank Quallengenen grünlich leuchtendes Kaninchen oder pestizidresistente Auberginen. George Drivas behandelt derzeit im griechischen Pavillon der Venedig-Biennale ein fiktives Experiment um die Impfung vor Hepatitis (eine Leberentzündung, das bitte im Hinterkopf behalten). Am Ende eines Labyrinths, durch das die Besucher wie Laborratten wuseln, wird ein Film projiziert, in dem Charlotte Rampling (jüngst als "Hannah"-Hauptdarstellerin auf der Mostra zur besten Schauspielerin gekürt) eine skeptische Wissenschaftlerin verkörpert. Im italienischen Pavillon holt dann Roberto Cuoghi ausgerechnet Christus vom Kreuz ins Laboratorium, was uns zu Thomas Feuerstein bringt, der vergleichbar mit Prometheus verfährt.

Prometheus, das ist der an den Kaukasus gefesselte Halbgott, dem von einem Adler die täglich nachwachsende Leber aus dem Leib gerissen wird. Nicolas-Sébastien Adams Marmorfigur "Prométhée enchaîné" (1762, in der Sammlung des Louvre) stellt Zeus' Strafaktion dar. Feuerstein hat eine 1:1-Replik der Skulptur herstellen lassen, Löcher in den Marmor gebohrt und führt dem Material seit diesem Frühjahr – erst im Studio in Innsbruck, nun im Haus am Lützowplatz – stetig eine saure Lösung zu, die in einem Bioreaktor mittels Bakterien produziert wird. Die Marmorreplik löst sich langsam auf, es entsteht Gips, das Feuerstein zu Zeichenstiften weiterverarbeitet.

Feuerstein zeichnet hervorragend – ein wenig wie Raymond Pettibon – seine wüsten Mangas voller Oktopusse und beißgierigen Riesenwürmer sind in der Ausstellung zu sehen. Auch die etlichen Meter dünner schwarzer Schläuche, die über den Boden mäandern, sind als (Raum-)Zeichnungen aufzufassen, für das beschriebene Experiment müssten sie nicht so lang sein. Das Besondere an Feuersteins "Prometheus Delivered" – der Titel spielt auf das Ausgeliefertsein der mythologischen Figur und zugleich auf die stetige Entfernung seiner Leber an – ist der verwirrende Spagat zwischen wissenschaftlichem und symbolischem Raum. Es geht nicht um Science-Fiction, aber durchaus um das Verhältnis von Science und Fiktion oder darum, von der Natur und der menschlichen Hybris (ein Kern der Prometheus-Erzählung) in neuen Formen zu erzählen.

Mit der Züchtung von Leberzellen menschlichen Ursprungs geht es an einer anderen Stelle der Soloschau weiter, die von großen Glaskolben, Chemikalienflaschen, Präparaten und blubbernden Flüssigkeiten nur so strotzt. Es wird sogar ein "Leberschnaps" gebrannt, den Feuerstein zur Verkostung anbieten könnte. Tut er aber nicht, weil er, wie der Künstler sagt, "die Grenze zum gefühlten Kannibalismus nicht überschreiten" will. Es wäre natürlich sensationell, wenn Feuerstein den Labor-Arbeitsgang von Prometheus' Marmorleib zum organischen Extrakt der Leberzellen in einem Bogen – oder gar Kreislauf – vorexerzieren könnte. Das freilich ist experimentell unmöglich.

Es geht dem 1968 in Innsbruck geborenen Künstler letztlich doch um Ästhetik und künstlerische Postulate. In seiner trotz medialer Vielfalt und Werkfülle thematisch sehr konzentrierten Ausstellung ist ein "Kino" dunkel abgehängt. Dort lauscht man Feuersteins Hörspiel "Die Prometheus-Protokolle", wo Science, Fiction und Fantasterei in einer Expeditions-Story ins Kaukasusgebirge zusammenfinden. Ganz düster ist die Koje nicht. Aus dem Inneren einer Glaskuppel leuchtet phosphorhaft ein schleimiges Alien. Von "Oktoplasma" ist im Hörstück die Rede. Erzählt wird von einem aus menschlichen Leberzellen synthetisierten Organismus, der im Verlauf der Erzählung Industrie und Welternährung revolutioniert. Die Natur kann geschont werden. Es lebe die Autophagie. "Man traut keinem Politiker, keiner Ideologie, keiner Idee von Gesellschaft, man traut und isst nur sich selbst."

Fortschritt ist ambivalent, möglicherweise selbstzerstörerisch. Prometheus, der Feuerbringer, schenkt den Menschen Technologie und Kultur. Er lehrt sie – je nach Überlieferung – die Götter zu übertreffen, sogar zu töten, selbst Leben zu schaffen. Mit den Göttern verschwindet die Natur. Bleibt der Mensch – um die Welt zu verbrennen? Taugt Prometheus zur Hauptfigur einer Dystopie oder einer Utopie? Gute Frage. Bis zur Antwort wird viel Säure durch den Marmor rinnen.

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