Kochi-Muziris-Biennale

Die Welt in unseren Pupillen

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Die dritte Kochi-Muziris-Biennale in Südindien blendet auf.

Die Kochi-Biennale ist eine der charmantesten Veranstaltungen weltweit. Die erste Ausgabe 2012 löste die staatsnahe India Triennale ab, und ihr großer Erfolg hängt auch mit dem Ort zusammen: Fort Kochi ist der älteste Teil der Küstenmetropole des südindischen Bundesstaates Kerala, die Portugiesen begannen 1502 den Handel mit Gewürzen, zudem lag hier die sagenumwobene antike Stadt Muziris.

Der Ausstellungsparcours führt am Meer entlang in historische Gebäude, in Hinterhöfe und auf öffentliche Plätze. Auch das Konzept ist ein Erfolg: Es werden nur Künstler als Kuratoren eingeladen. 2014 war es Jitish Kallat, die aktuelle dritte Ausgabe verantwortet Sudarshan Shetty. Anders als seine Vorgänger setzt Shetty nicht auf große Namen. Die meisten der 97 Künstler aus 31 Ländern sind wenig bekannt, Blue Chips sind gar keine darunter. Zum Titel "forming in the pupil of an eye" sagt er, das Auge sei das einzige menschliche Organ, das zugleich die Welt aufnehme und reflektiere. Das Spektrum der Arbeiten ist sehr weit, auch Musiker, Tänzer, Literaten und Architekten sind eingeladen.

Der Architekt Rajeev Thakker zeigt in kleinen Boxen seine Forschung auf der Suche nach dem idealen Wohnen; die Choreografin Anamika Haksar inszeniert ein dramatisches Tanztheater gleich neben dem fast zehn Meterlangen Wandgemälde von P K Sadanandan, das er im Stil der Miniaturmalerei Tag für Tag langsam vollendet. Es zeigt die Geschichte einer Familie, eine Allegorie auf das indische Kastensystem.

Während die meisten Künstler in Material, Dimension und Ästhetik zurückhaltend auftreten, suchen die Literaten das laute Pathos: Um das Gedicht des chilenischen Dichters Raúl Zurita über das Flüchtlingskind Galip Kurdi zu lesen, den Bruder des an der türkischen Küste tot aufgefundenen Alan Kurdi, muss man durch knöcheltiefes Wasser gehen – durch den "See des Leidens".

Der slowenische Autor Aleš Šteger ließ eine riesige "Pyramid of Exiled Poets" im Innenhof des Hauptausstellungsortes Aspinwall bauen, durch die man in klaustrophobisch engen, stockdunklen Gängen labyrinthisch geleitet wird und die man schnell wieder verlassen will.

Thematisch finden diese Positionen kaum zusammen, aber das hat Shetty auch nicht intendiert mit seiner Idee der Weltwahrnehmung in unseren Pupillen.

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