Anika Meier

Ausstellungsansichten in sozialen Netzwerken

Instagrammig muss es sein

11/01/2017 - 11:35

Einst waren es Blockbuster-Ausstellungen, die kritisch beäugt wurden. Heute sind es Ausstellungen und Kunstwerke, die wie dafür gemacht sind, auf Instagram geteilt zu werden. Fluch oder Segen für die Kunstwelt?

Instagrammige Ausstellungen, ein Thema, das ich bis gestern Abend überaus erfolgreich umschifft habe. Bis es mich dann beim Abendessen mit solcher Wucht angesprungen ist, dass mir fast der Suppenlöffel aus der Hand gefallen ist. Ich scrollte also durch Instagram, weil nur Suppelöffeln eben auch fad ist, und sah einen Post, das Foto selbst war nicht besonders spannend, wie das eben oft so ist, die Bildunterschrift wiederum glänzte durch Absurdität. Das ist nicht nur mir aufgefallen, jemand anderes kommentierte mit einem Emoji, das Übelkeit zum Ausdruck bringen sollte. Dort stand nun geschrieben, dass der französische Künstler Daniel Buren mit 79 Jahren womöglich der "most consistently Instagrammable artist alive" sei. Selbstverständlich, Buren hat immer schon darauf hingearbeitet, vermutlich seit seiner Teilnahme bei der Documenta 5 im Jahr 1972, mit seinen bunten Streifen im Alter eine wahnsinnig gute Figur auf Instagram zu machen. Deshalb wohl auch die Breite der Streifen von 8,7 Zentimeter, das macht sich dort bekanntlich besonders gut.

Der Absender war übrigens "Sight Unseen", ein Online Magazin mit dem Schwerpunkt Design und bildende Kunst. Sicher, man hat es dort mit dem Text zum Bild ein wenig übertrieben, sehr sogar, aber wie bekommt man heute sonst noch Menschen zur Kunst, oder?

 

Hotels, Essen, Urlaubsziele, Ausstellungen, am besten auch gleich noch die Freunde müssen heute instagrammable sein. Denn: Was nicht auf Instagram zu sehen ist, ist nicht passiert. Und was nicht zur Bildung der eigenen Marke beiträgt, also nicht instagrammable ist, das kann man auch gleich lassen. In Ausstellungen gehen beispielsweise. Denn wozu dann der ganze Aufwand, wenn man doch in der Zeit auch gemütlich irgendwas auf Netflix gucken könnte.

Einst reichten allein große Künstlernamen wie Botticelli, Picasso, Monet um die Massen zu bewegen, ins Museum zu gehen. Vor gut zehn Jahren wurden Blockbuster-Ausstellungen kritisch beäugt, wie heute instagramtaugliche Kunstwerke. Damals hieß es, von inhaltlichen Erfahrungen sei kaum mehr die Rede, es werde nur noch stolz der Stand der Besucherzahlen kommuniziert, die Kunst drohe noch stärker als bisher zur Staffage einer gewinnorientierten Gesellschaft zu werden – die totale Kommerzialisierung der Museumspolitik wurde befürchtet.

Blockbuster-Ausstellungen waren dem Verdacht der Oberflächlichkeit ausgesetzt, weil sie sich an ein möglichst großes Publikum wendeten; das Ziel war, die Erlebnisgesellschaft zu bedienen, so der Düsseldorfer Autor Stefan Lüddemann im Interview mit der "Welt". Die Besucher erwarteten Stars, wie im Kino, also setzten die Kuratoren auf Stars. Nur irgendwann hat man sie dann auch alle einmal zumindest gesehen, die Van Goghs und Da Vincis.

Seit ein paar Jahren kann man noch ein zweites Mal in solch eine Blockbuster-Schau gehen, um ein Art Selfie vor einem Van Gogh für die sozialen Medien zu machen. Besser noch sind nur Installationen, die einen ganzen Raum füllen, glänzen und funkeln, kunterbunt oder monochrom sind, WOW eben. Auf Instagram funktionieren Werke und Ausstellungen besonders gut, in denen man selbst eine besonders gute Figur macht. Wie im "Rain Room" des Künstlerkollektivs Random International, 54.000 Beiträge auf Instagram, es regnet und man wird trotzdem nicht nass, wie im "Infinity Mirrored Room" von Yayoi Kusama, 13.000 Beiträge auf Instagram, es glitzert und funkelt. "It also makes for the ultimate selfie", stand schon 2013 in der "New York Times".

gone in a blink.

Ein Beitrag geteilt von mike lam (@omgmikelam) am

 

Oder Installationen, in denen man sich selbst verlieren kann, wie in Chiharu Shiotas "Uncertain Journey", ein feines Fädengewirr in Blutrot.

 

Die Liste ließe sich noch eine Weile fortsetzen. Listen aber gibt es sowieso schon genug zum Thema. "14 Most Instagrammable Works At Frieze London 2017" lieferte "Sleek", "The Top 25 Most Instagrammed Art Spaces of 2016" gab es bei "Creators", "The Top Selfie-Worthy Museum Shows of 2017" hat das "Wall Street Journal", "The 6 Most Popular Art Exhibitions on Instagram, Ever" listet "Artnet" usw. usf.  

Und wieder werden kritische Stimmen laut, weil Menschen, die sonst nicht ins Museum gehen, jetzt wieder nicht aus den richtigen Gründen Ausstellungen besuchen. Und Kulturinstitutionen werden belächelt, die wieder, nur eben anders versuchen, neue, andere, jüngere Zielgruppen zu erreichen. "Viele Museen sind neuerdings dem Social-Media-Wahn verfallen. Man will jung sein und populär, man will gelikt werden und für sich werben", war kürzlich unter dem Titel "Hauptsache, gelikt" in der "Zeit" zu lesen. Im Folgenden wird selten einfältig Analoges gegen Digitales ausgespielt, persönliche Erfahrung gegen Instagram-Banalität, die Kunstszene sei unterwürfig, weil sie sich von "tieferen Erfahrungsmöglichkeiten verabschiedet". Ein Museumsbesuch wird hier als gelungen dargestellt, wenn man seinem Social-Media-Alltag entkommen könne, nur da spielen die Kuratoren nicht mehr mit, wird sich beklagt.

Letzteres stimmt, weil eben auch niemandem damit geholfen ist, am wenigsten den Kuratoren, wenn Ausstellungen nicht besucht werden, weil sie nichts mit dem Alltag des Publikums zu tun haben – und der sieht eben die ständige Begleitung durch Smartphones und soziale Medien vor.

Die Museen haben das längst verstanden, sie wissen, dass sie den digitalen Besucher nicht einfach aussperren können. In ihren Digitalstrategien, die Museen in letzter Zeit vermehrt in Form von Ideensammlungen veröffentlichen, wird genau das berücksichtigt.

So definiert beispielsweise das MKG Hamburg als eines der Ziele "Interaktion und Dialog mit Nutzern befördern: Social Media Kommunikation community-orientierter gestalten: Mehr und systematisch interagieren, kommentieren, User Generated Content teilen". Es soll also der von Nutzern sprich Besuchern generierte Content auf den eigenen Kanälen geteilt werden. Und den gibt es eben vermehrt, wenn die Ausstellungen instagrammig sind oder wenn es eine Selfie-Station gibt. Einen Tod muss man sterben, wenn von der Formel ausgegangen wird: mehr Sichtbarkeit in den Sozialen Medien = mehr Besucher im Museum. Ob das stimmt, wird sich erst noch zeigen. Derweil gilt, was das Frankfurter Städel Museum in seiner digitalen Strategie formuliert hat: "Wir eröffnen einen uneingeschränkten Zugang zu kunsthistorischen Inhalten und Forschungsergebnissen und ermöglichen damit eine globale Teilhabe an Kulturgut." Denn der Bildungsauftrag endet nicht an der Museumstür.