Cindy Sherman wird 60

Bilder von Leere, Sex und Gewalt

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New York (dpa) - Wenn die Amerikanerin Cindy Sherman eines ihrer konzeptuellen Fotos schießt, steht immer sie selbst vor der Kamera. Dank Schminke, Perücken und einer Schatzkiste billiger Accessoires schlüpft sie in Rollen, mit denen sie Stereotypen unseres Alltags entblößt. Shermans Bilder erzielen Millionenpreise.

Der jüngste Kunstkompass des «Manager Magazins» platzierte die New Yorker Fotografin im April 2013 auf Rang fünf der gefragtesten Künstler weltweit. Vor ihr liegen unter anderen Gerhard Richter und Bruce Nauman. An diesem Sonntag (19. Januar) feiert die blonde, schlanke Frau ihren 60. Geburtstag.

Statt Schönheit und Anmut, die Motive der klassischen Kunst, sucht sie Leere, nimmt Sex und Gewalt aufs Korn. Sie sei schon als Kind von Hässlichkeit fasziniert gewesen, sagt sie in Interviews. Die «Financial Times» bescheinigte Sherman, «unsere Maskerade in Beruf, Privat- und öffentlichem Leben, gesellschaftlich und erotisch (...) mit einer einmaligen psychologischen Genauigkeit» aufzudecken.
n ihren Bildern stellt die Allround-Künstlerin Charaktere aus der Antike, der Malerei, Literatur und Märchen sowie aus Film und Fashion dar. Lediglich in ihrer Serie «Sex Pictures» (1982) griff sie auf Models und künstliche Gliedmaßen zurück. Bald darauf kamen ihre «Horrorbilder» und der Kinofilm «Office Killer» mit Sherman als Regisseurin und Darstellerin heraus. Der Fotoreihe «Clowns» (2004) folgte die Serie «Society Portraits» (Gesellschaftsbilder).

Bemerkenswert ist, dass Sherman ohne jede fremde Hilfe arbeitet. Ihre Kostüme kauft sie in Second-Hand-Läden. Sie ist ihre eigene Maskenbildnerin und Friseuse, Regisseurin und Kamerafrau. Allein in ihrem Studio lichtet sie sich als laszive Marilyn Monroe, Fashion-Model, huldvolle Mutter Gottes oder kreideweiße Leiche mit erloschenen Augen ab.

Cindy Sherman kam in einer Kleinstadt in New Jersey zur Welt, wuchs dann aber auf der Halbinsel Long Island östlich von New York auf. Manhattan mit seiner reichen Kultur besuchte die Familie nur einmal im Jahr, für das Weihnachtsspektakel in der Radio City Music Hall. Nach dem Studium in der Industriestadt Buffalo ermöglichte ihr ein Stipendium der US-Nationalen Kunststiftung endlich, in die City zu ziehen.

Zu ihren vielen Auszeichnungen gehört der Kaiserring der Stadt Goslar. Schon 1982 war die Sherman einer Einladung zur documenta nach Kassel gefolgt. 1995 waren ihre Arbeiten in den Hamburger Deichtorhallen zu sehen, 1997 in der Kunsthalle Baden-Baden. Das MoMA in New York widmete Sherman 2012 eine Retrospektive mit mehr als 170 Fotografien.

Einzelne Abzüge ihrer Arbeiten sind Sammlern bis zu 300 000 Dollar wert. Das Auktionshaus Christie's in New York versteigerte 2011 eine Arbeit aus ihrem «Centerfold»-Zyklus für 3,89 Millionen Dollar.

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