Cindy Sherman in Wien

Alles nur Theater

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In Buffalo und nicht in New York, wie bisher angenommen, nahm die Verwandlungskunst von Cindy Sherman ihren Anfang. Bisher galten die „Untitled Film Stills“(1977-1980) als ihre Eintrittkarte in die Kunstwelt, eine Porträtserie, in der sie das Rollenreservoir des Film Noir und der B-Movies für ihre exzessiven Selbstinszenierungen nutzte. Eine Ausstellung und ein üppiger Catalogue raisonnée in Wien unterziehen jetzt die Legende einem Update und beweisen, dass die gefeierte US-Künstlerin bereits während ihres Fotografiestudiums am Buffalo State College mit wechselnden Identitäten experimentierte. In der Sammlung des österreichischen Energiekonzerns Verbund befindet sich der Großteil des „Frühwerks“ aus den Jahren 1975 bis 1977. Die „Vertikale Galerie“ zeigt nur einen kleinen Ausschnitt, der enthüllt aber eindrucksvoll den Kern ihres Schaffens. 

Bisher nie gezeigte Nacktbilder der damals 21-Jährigen sind die größte Überraschung der Schau „That's me – That's not me“. Entstanden sind sie im Unterricht. Die Studenten sollten sich einer unangenehmen Prüfung stellen. Nacktheit war für die spätere Chamäleonfrau, die nur maskiert zum Exhibitionismus neigt, offenbar die Herausforderung mit dem größten Schreckenspotenzial. In der Serie „Air Shutter Release“ begegnet sie ihr mit Selbstauslöser und der Flucht ins anatomische Torso-Detail.

Andere Serien atmen bereits den Geist der burlesken Nummernshow. Mal ist es nur das Gesicht, das dank Mimik, Make-Up und Accessoires wie Brille und Zigarette die Bandbreite unterschiedlicher Charaktere austestet. „Untitled (Growing Up)“ nimmt sich den Alterungsprozess eines Mädchens zur Frau vor. In „Murder Mystery“ ist es gleich der ganze Körper, der als „Cut-Out“ mit anderen Figuren in Interaktion tritt. 211 Ausschnitte und 80 Szenen fügen sich in der Collage zu einer komplexen Kriminalgeschichte.

Männerverkleidungen gehören in den imaginären Theaterstücken noch dazu, wie in der Serie „Bus Riders“, die von Geschäftsmännern, Yuppies und Hobbysportlern mit Gesichtszügen der jungen Cindy überquillt. Die wurde bereits als Kind im Kleiderschrank der Eltern fündig und ließ sich mit ihrer Freundin als Rentnerinnen-Paar ablichten. Ob Oma oder bärtiger Busgast, allesamt sind sie Vorboten eines Konzepts, das bis heute entlang einer nie abgeschlossenen Typengalerie trägt. 

Sammlung Verbund, Wien, bis 16. Mai. Die März-Ausgabe von Monopol widmet Cindy Sherman ein großes Porträt

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