Interview mit China-Experte Thomas Berghuis

"Ai Weiwei passt nach Deutschland"

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Herr Berghuis, wie beurteilen Sie als Experte die steigenden Preise, die Gegenwartskunst aus China am Kunstmarkt erzielt? Im Oktober hat Zheng Fanzis „Letztes Abendmahl“ mit 23,3 Millionen Dollar den Auktionsrekord für asiatische zeitgenössische Kunst gebrochen.
Wissen Sie, ich spreche nicht so gern über Preise. Als Kurator, der aus einer akademischen Tradition kommt, ist es mir viel wichtiger, über Künstler und Kunstpraxis zu reden. Was später auf dem Markt mit den Werken passiert, ist ein ganz anderes Thema – eines, das meiner Meinung nach mehr Aufmerksamkeit bekommt, als es verdient.

Dann lassen Sie uns anders anfangen: Wann beginnt die Epoche der zeitgenössischen Kunst in China?
Man könnte das Ende des Zweiten Weltkriegs als Ansatzpunkt nehmen, aber für den asiatischen Raum hat auch die Konferenz von Bandung 1955 große Bedeutung. Aus dieser entwickelte sich die Bewegung der blockfreien Staaten, die Idee einer Dritten Welt jenseits der verfeindeten östlichen und westlichen Bündnissysteme. Für China ist 1966, der Beginn der Kulturrevolution, natürlich ein entscheidender Einschnitt. Den Anfang der chinesischen Gegenwartskunst würde ich aber erst in den späten 70er-Jahren festmachen: Mao ist tot, die Kulturrevolution zu Ende und viele Kunstakademien öffnen wieder.

Welcher Stil dominiert damals an den chinesischen Hochschulen?
Ganz klar: der akademische Realismus – und der hat seine Wurzeln unter anderem in Deutschland. Die realistische Tradition des 19. Jahrhunderts, Maler wie Adolph Menzel, prägten eine Generation russischer Realisten, die wiederum für die sowjetische Kunst wichtig waren. Diese beeinflusste dann den chinesischen Realismus.

Und welche Tendenzen kennzeichnen heute die chinesische Kunst?
Ungefähr sechzig Prozent der aktuellen Kunstproduktion sind nach wie vor vom akademischen Realismus geprägt. Dieser Stil wird weiter an den Kunsthochschulen gelehrt, vor allem an der Zentralen Kunstakademie in Peking, die direkt dem Erziehungsministerium unterstellt ist. Solche Ölgemälde und Skulpturen sind vorwiegend für den nationalen Markt interessant. Die restlichen vierzig Prozent würde ich als experimentelle Kunst charakterisieren, also solche, die auch auf dem internationalen Kunstmarkt verkauft wird und auf Ausstellungen im Ausland zu sehen ist. Innerhalb dieser Gruppe fällt auf, dass viele Künstler medienübergreifend arbeiten: Sie kommen von der Malerei, gehen dann über zu Skulpturen, Installationen, arbeiten mit neuen Medien und kreieren Mischformen.

Wo liegen besondere Stärken dieser experimentellen chinesischen Künstler?
Sie sind sehr gut darin, mit Raum, Zeit und dem Publikum zu arbeiten. Ich glaube, das liegt daran, dass Chinesen eine andere Vorstellung vom Körper haben als wir. Sie betrachten ihn traditionell als Teil der Umgebung, als Teil eines Prozesses. Und das macht etwas aus, wenn es um Videokunst, um Installationen oder um Performances geht.

Die „Chinese Art Initiative“, die Sie am Guggenheim Museum leiten, gibt Arbeiten bei chinesischen Künstlern in Auftrag. Die Werke werden in den nächsten Jahren in New York ausgestellt und gehen dann in die Sammlung des Guggenheim ein. Als ersten Künstler haben Sie vor Kurzem Wang Jianwei für das Programm ausgewählt, einen Pionier der Medienkunst in China. Warum gerade ihn?
Weil er eine prägende Figur in der Entwicklung der chinesischen Gegenwartskunst ist – und das schon seit den 80er-Jahren. 1983 malt Wang Jianwei ein Bild mit dem Titel „An meine liebe Mutter“ im akademisch-realistischen Stil, das den Nationalpreis für Kunst gewinnt. Ab diesem Zeitpunkt ist er in China bekannt. Zu einer neuen Formensprache findet Wang in seinen Gemälden der 90er-Jahre, die häufig mit Francis Bacon verglichen werden. Natürlich ist sein Ansatz aber ein ganz anderer als der von Bacon: Es geht ihm darum, Raum und Zeit in die Malerei einzubinden. Der nächste Schritt zu Video- und Performance-Arbeiten, den Wang Ende der 90er-Jahre geht, zeichnet sich da schon ab. Auf dem Gebiet der Medienkunst spielt er wirklich eine Vorreiterrolle in China. Das ist auch den jungen chinesischen Künstlern von heute bewusst. Sein Werk kann exemplarisch die Vielfalt und Komplexität der Gegenwartskunst aus China abbilden – deswegen habe ich ihn ausgewählt.

Verraten Sie uns, welche anderen chinesischen Künstler wir uns näher anschauen sollten?
Nein, ich möchte hier ungern Namen nennen und eine Hitliste aufstellen. Aber ich kann Ihnen sagen, welches Medium gerade besonders interessant ist: die Tusche. Das Metropolitan Museum hat vor wenigen Tagen eine große Ausstellung zu zeitgenössischen Tuschearbeiten aus China eröffnet. Das Interessante an der Technik ist ihre lange Tradition – und wie diese nun aktualisiert wird durch den Einsatz neuer Medien wie Foto oder Video. Andere wichtige Tendenzen der chinesischen Gegenwartskunst gehen in Richtung Abstraktion, Performance und Crossmedia.

Zumindest ein chinesischer Künstler ist in Deutschland zu großer Berühmtheit gelangt: Ai Weiwei. Welche Rolle spielt er für die Kunstszene in seiner Heimat?
Lassen Sie mich ein wenig ausholen, um diese Frage zu beantworten: Schon im chinesischen Kaiserreich haben es die Intellektuellen als ihre Aufgabe angesehen, sich Gedanken über die Mächtigen und den Zustand des Landes zu machen. Das ist eine Tradition, die bis in unsere Gegenwart reicht, so wie Gloria Davies es in ihrem Buch „Worrying about China“ beschreibt. In diesen Kontext gehört die Arbeit von Ai Weiwei und die vieler anderer chinesischer Künstler. Ai unterscheidet sich darin, wie deutlich und offen er Veränderungen einfordert. Diese direkte Art ist untypisch für Chinesen – sie könnte schon eher nach Deutschland passen.

Lassen Sie uns von den Künstlern zu den Sammlern kommen: Wer besitzt Kollektionen aktueller chinesischer Kunst?
Größtenteils sind es wohlhabende Chinesen. Etwa seit dem Jahr 2000 kauft die Elite des Landes zeitgenössische Kunst. Begonnen haben die Privatsammler mit Arbeiten des Politischen Pop und des Zynischen Realismus – das waren die zwei wichtigen Strömungen der chinesischen Kunst der 90er-Jahre. Beide knüpfen an die realistische Tradition an und mischen sie mit einer avantgardistischen Perspektive. Schon zuvor haben europäische Sammler sich für Gegenwartskunst aus China interessiert – Uli Sigg zum Beispiel. Er hat früh begonnen, repräsentativ zu sammeln, sodass sich jetzt die ganze Vielfalt der aktuellen chinesischen Kunst in seiner Kollektion spiegelt. Dabei hatte er natürlich im Hinterkopf, seine Sammlung später der Öffentlichkeit zugänglich zu machen und mit Museen zusammenzuarbeiten. Von dieser Herangehensweise können sich die Chinesen noch etwas abschauen: Ihre Sammlungen sind bisher vor allem vom Markt bestimmt.

Seit 2005 haben in Shanghai viele private Museen für zeitgenössische Kunst eröffnet. Warum jetzt?
Die Stadt Shanghai hat zu diesem Zeitpunkt gesetzlich die Gründung neuer Museen vereinfacht. Das haben viele private Sammler genutzt, um ihre Kollektion der Öffentlichkeit zu präsentieren. Dadurch gibt es nun einen breiteren Diskurs im Land über die eigene zeitgenössische Kunst; inzwischen werden auch experimentelle Werke von staatlichen Institutionen angekauft. Was aber noch fehlt, sind mehr Aufträge für chinesische Künstler, damit sie nicht nur nach den Regeln des Markts arbeiten müssen.

Da kommt wieder die „Chinese Art Initiative“ des Guggenheim ins Spiel.
Richtig, durch die Förderung der Robert H.N. Ho Family Foundation ist es uns möglich, groß angelegte Aufträge zu erteilen – wie jetzt an Wang Jianwei. Er wird für das Guggenheim Museum eine multimediale Installation schaffen mit malerischen, skulpturalen und Video-Elementen. Im Herbst nächsten Jahres wird die Arbeit in New York zu sehen sein. Bis 2017 folgen noch zwei weitere Aufträge an andere chinesische Künstler. Sie dürfen gespannt sein!

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