„Die Situation bleibt ein Trauerspiel“

Wer Anfang dieses Jahres wissen wollte, wie die Düsseldorfer Kunstakademie mit dem Erbe ihres wirkungsmächtigsten Lehrers Bernd Becher umgeht, hätte sich noch einen Bauhelm besorgen müssen – der eigenen Gesundheit zuliebe. So desolat war der Zustand der Fotoklasse hoch oben unter dem Dach, dass beim letzten Akademierundgang die Decke inklusive einer schweren Lampenkonstruktion runterkam. Nicht nur für Bechers Witwe Hilla ein untragbarer Zustand: „Die Räume allein“, sagt sie im Gespräch mit Monopol, „waren schon der Beweis dafür, welchen Stellenwert die Akademie der Fotografie gibt.“
 

Nachdem Thomas Ruff 2006 die Nachfolge- Professur von Bernd Becher wegen mangelnder Unterstützung seitens der Akademie-Führung aufgegeben hatte, haben Benjamin Katz und Albrecht Fuchs die Klasse zwei Jahre kommissarisch geleitet. Zwei Jahre, in denen die Studenten selbst Geld für Gastdozenten sammeln mussten und Rektor Markus Lüpertz wenig bis gar kein Interesse an der Pflege des Becher-Erbes zeigte.

Dass es nun endlich wieder aufwärtsgeht, ist dem Amerikaner Christopher Williams zu verdanken, der die Klasse seit kurzem leitet. „Er ist ein totaler Glücksfall für uns“, sagt Tutor Christoph Westermeier. „Er bringt einen neuen Blick mit und ist sich gleichzeitig vollkommen der Tradition der Becher-Klasse bewusst. Endlich beginnt die Renovierung, und neues Equipment wird angeschafft – seit seinem Antritt passieren Dinge, die man nicht mehr für möglich gehalten hätte.“


Und doch ist der Unmut des Becher-Umfelds noch lange nicht verflogen. „Es ist schade“, so Thomas Ruff zu Monopol, „dass man ausgerechnet in Düsseldorf immer noch glaubt, ein einziger Professor könnte den Bereich der Fotografie allein abdecken. Ein Fotografieprofessor, der sich aktuell acht Bildhauerkollegen, sechs Malern und vier Architekten gegenübersieht. Das zeigt deutlich, dass Lüpertz glaubt, andere Disziplinen seien der Fotografie weit überlegen. Man darf das durchaus als ignorant bezeichnen.“ Seine frühere Mentorin Hilla Becher sieht das genauso. „Lüpertz scheint zu glauben, Fotografie sei ein einziger Brei. Als ob es da nicht genauso viele Nuancen und Facetten gäbe wie in der Malerei.“

Andreas Gursky ist schon froh, dass die Fotostelle überhaupt wieder fest besetzt ist – wie viele hatte er in den vergangenen Jahren das Gefühl, man wolle die Klasse am ausgestreckten Arm verhungern lassen, während der Malereibereich mit Stars wie Albert Oehlen und Peter Doig verstärkt wurde. „Ich habe einen Brief an Lüpertz geschrieben und mich für Thomas Demand als Professor starkgemacht. Das wäre perfekt gewesen“, so Andreas Gursky zu Monopol. „Darauf habe ich nicht mal eine Antwort erhalten. Ich habe versucht, mit anderen Professoren der Akademie zu sprechen, mit Leuten, die ich lange kenne und immer für ganz vernünftig gehalten habe. Auch da: totales Desinteresse. Christopher Williams wird das bestimmt gut machen.
Aber auch wenn es jetzt erste Verbesserungen für die Klasse gibt, bleibt die Situation an der Akademie ein Trauerspiel. Nur ein Professor für Fotografie, kein einziger für Video, keiner für neue Medien – das spiegelt leider überhaupt nicht wider, was in den vergangenen Jahren in der Kunst passiert ist. Da besteht weiterhin dringend Handlungsbedarf.“
 

Wer nun hofft, die Akademie würde hier im kommenden Sommer mit der Pensionierung von Markus Lüpertz gegensteuern, könnte enttäuscht werden. Nach Monopol-Informationen spricht alles dafür, dass Siegfried Gohr, Gründungsdirektor der Düsseldorfer Akademie-Galerie, den Rektorenposten von seinem langjährigen VertrautenLüpertz übernehmen wird. Gohr,
der bei den meisten Studenten beliebt ist, gilt als Traditionalist – in seiner Zeit als Direktor des Museums Ludwig (1984 bis 1991) fiel er jedenfalls eher durch große Baselitz- und Kirkeby-Ausstellungen auf als durch sein Engagement für Foto- und Videokunst.